Unsere Autorin erklärt, warum Kinder fiese Beleidigungen oft gar nicht so meinen.
Unsere Autorin erklärt, warum Kinder fiese Beleidigungen oft gar nicht so meinen.Bild: iStockphoto / kieferpix
watson-Kolumne

"'Soll ich dich anzünden?', sagte er zu mir. So langsam begreife ich, dass er neben dem Provozieren dabei ist zu lernen, was richtig oder falsch ist"

28.11.2021, 14:3507.01.2022, 10:23

"Schonungslos ehrlich" – die Mama-Kolumne ohne Insta-Filter

Es gibt einige Themen, die meinen vierjährigen Sohn beschäftigen, mich aber leider nicht die Bohne interessieren: Los ging es mit Baustellenfahrzeugen, es folgten Feuerwehr und Polizei, irgendwann kam die Schatzsuche auf, weiter ging es mit Angeln, dann Piraten, inzwischen sind wir bei Dinosauriern angelangt. Die einzige "schreckliche Echse" (jaja, das heißt Dinosaurier übersetzt. Was, wussten Sie nicht? Ich auch nicht. Und ich hätte kein Problem gehabt, es nie zu erfahren), die ich vom Hören kannte, war der Tyrannosaurus Rex. Inzwischen kann ich zu viele dieser Ekel buchstabieren.

Doch mein eigentliches Problem sind ganz andere Themengebiete. Seit einigen Monaten muss ich mich mit hartem Tobak auseinandersetzen, der mich jedes Mal wieder kurzzeitig aus dem Konzept bringt. Eine kleine Auswahl dessen, was ich mir anhören muss, wenn mein Sohn sich über mich ärgert oder wütend ist, weil er nicht bekommt was er will: "Dann töte ich dich", "Soll ich dich anzünden?", "Dann schneide ich dir den Kopf ab (wahlweise andere Körperteile)", "Dann fessel ich dich".

Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonungslos ehrlich.
Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonungslos ehrlich. emmy lupin studio

Unsere Autorin...

... wurde mit Anfang 30 Mutter. Und kommt noch immer nicht damit klar, dass ihr altes, schönes Leben seitdem vorbei ist. Sie ist wütend, dass Eltern nie den Mut hatten, zu erzählen, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu haben. Aus diesem Grund legt sie alle zwei Wochen den Finger in die Wunde – und berichtet schonungslos. Und weil sie weiß, dass Mütter sehr giftig werden können, wenn es um ihr Heiligstes geht, bleibt sie lieber anonym. Die täglichen Entrüstungsstürme ihres Sohnes reichen ihr völlig aus.
"Trotzdem fühlt es sich oft komisch an, eine Morddrohung bewusst zu übergehen um Desinteresse an Ausdrucksweisen dieser Art zu signalisieren."

Fesseln, töten, anzünden. Ich weiß, wie das klingt. Und ich weiß genau, was kinderlose Leser oder Mädchen-Eltern jetzt denken werden: Oh mein Gott, der Junge ist gestört, könnt ihr bitte einen Psychologen kontaktieren? Wächst er in einem asozialen Haushalt auf? Und die bedürfnisorientierten Erziehungsverfechter werden vermuten, das sei das Ergebnis von zu wenig Liebe und zu viel unterschwelliger Aggression. Ich kann beruhigen, das alles trifft ganz sicher nicht zu.

Das Kind hat noch nicht ein einziges Bewegtbild gesehen, in dem es gewaltmäßig zur Sache geht. Er zieht sich stattdessen einzelne Begriffe raus, von denen er weiß, dass sie negativ behaftet sind – meistens aus Büchern, Kinder-Dokus oder aus dem Kindergarten. Und testet sie dann an mir aus. Meine Reaktion war natürlich jedes Mal wie erwünscht – heftig. Irgendwann bin ich dazu übergegangen, ruhig zu bleiben und ihm klarzumachen, dass ich nicht möchte, dass er so etwas sagt. Trotzdem fühlt es sich oft komisch an, eine Morddrohung bewusst zu übergehen um Desinteresse an Ausdrucksweisen dieser Art zu signalisieren.

"Ich verbot ihm, auf Menschen zu zielen, egal in welcher Form. Mal hielt er sich daran, mal nicht."

Natürlich kommt vieles aus dem Kindergarten. Vorher wusste er nicht mal, was eine Pistole war. Irgendwann fing er an, bei Zurechtweisungen oder Verboten mit Daumen und Zeigefinger eine Waffe nachzuahmen, auf mich zu zielen und "Pfff" zu machen. Auf den Punkt gebracht: Er knallte mich imaginär ab. Ich verbot ihm, auf Menschen zu zielen, egal in welcher Form. Mal hielt er sich daran, mal nicht.

Noch unangenehmer wird es dann, wenn andere es abbekommen. Letztens war unsere Babysitterin zu Besuch, die ihn ein Mal pro Woche bespaßt. Als ihm wieder etwas nicht passte, sagte er zu ihr: "Soll ich dich auspeitschen?" Doch weil wir eine erfahrene, großartige Babysitterin haben, die selbst Mutter von drei Kindern ist, reagierte sie nicht entsetzt sondern fragte zurück, ob er wisse, was auspeitschen überhaupt bedeute. Heraus kam, dass er das Wort aus seinem Piratenbuch aufgeschnappt hatte, aber nicht viel damit anzufangen wusste. Also erklärte sie ihm, warum Menschen früher ausgepeitscht wurden und welche körperlichen Folgen das hatte. Er war aufmerksam, stellte zig Fragen und am Ende hatte sich die Konfliktsituation aufgelöst.

"So langsam begreife ich, dass er neben dem Provozieren starker Emotionen dabei ist, zu lernen, was richtig oder falsch ist."

Genau das habe ich für mich daraus gelernt. Auch wenn ein "sonst schieß ich dich tot" im ersten Moment klingt, als hätte man auf ganzer Linie versagt und einen Miniatur-Serienkiller gezüchtet, versteht dieser Vierjährige nicht die Tragweite dessen, was er von sich gibt. Also muss ich es ihm erklären. Und ihm aufzeigen, welche Folgen das hätte, nämlich ohne Mutter aufzuwachsen, und dass es Kriegsgebiete gibt, in denen tatsächlich ganze Familien ausgelöscht werden. Meist kommen wir darüber zu philosophischen Gesprächen, was es bedeutet, tot zu sein, wie es sich anfühlt und wo man landet, wenn man gestorben ist.

Eine weitere Situation, die mir gezeigt hat, welche bedeutende Aufgabe ich momentan zu bewältigen habe: Wir spielten gerade im Wohnzimmer, als er direkt vor unserer Terrassentür einen toten Vogel entdeckte. Wir betrachteten ihn mitleidig und überlegten, wie das passiert war. Plötzlich sagte er mit einem verschmitzten Lächeln: "Darf ich auf ihn draufschlagen?" Ich reagierte entsetzt. Danach folgte die Frage, ob er den Schnabel abschneiden dürfe. Ich fragte wieso. Er antwortete, damit er damit spielen könne. Sein Lachen zeigte mir, dass er mich herausfordern wollte. Ich blieb ruhig, erklärte wieder.

So langsam begreife ich, dass er neben dem Provozieren starker Emotionen dabei ist, zu lernen, was richtig oder falsch ist. Ich dachte, das sei irgendwie angeboren. Und ich ging davon aus, dass er durch unser Sozialverhalten im Alltag mitbekommen würde, wie man sich gegenüber anderen Lebewesen, ob Mensch oder Tier, mitfühlend verhält. Scheinbar braucht es jedoch mehr von unserer Seite als Eltern – mehr sich damit auseinandersetzen, mehr eine bestimmte Richtung vorgeben. Eine weitere Herausforderung auf dem Weg, den man wohl Erziehung nennt.

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