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Weihnachten verbindet unsere Autorin mit Stress. (Symbolbild) Bild: iStockphoto / CentralITAlliance

watson-Kolumne

Weihnachten als Single: "Immerhin kann ich an Heiligabend nicht so viele Menschen enttäuschen"

"Bett halbvoll/halbleer" – die Dating-Kolumne von watson

Weihnachten war für mich noch nie ein Fest der Liebe. Während andere mit ihren Familien zusammengekommen sind, später mit ihren Partnern, Plätzchen gebacken und Geschenke ausgetauscht haben, habe ich mich meist allein mit billigem Rotwein betrunken.

Das schönste Weihnachten, an das ich mich erinnere, war gemeinsam mit meinem damaligen besten Freund: Wir waren 17 oder 18 und sind zusammen in die Altstadt gegangen, um in einer Bar mit karibischem Flair Cocktails zu trinken. Er trug eine blaue Weihnachtsmütze mit glitzernden Sternen, hielt sie manchmal Passanten vor die Nase und sang sehr laut und sehr schief: "Oh Tannebaum! Oh Tannebaum! Oh Tannebaum, oh Tannebaum!" Weiter kam er mit dem Text nie.

"Richtig peinlich fand ich es immer, wenn ich zu fremden Familien musste, um mit denen gemeinsam vor dem Christbaum zu sitzen und nett gemeinte Geschenke auszupacken."

Wesentlich schlimmer fand ich die Weihnachtsfeste, die ich mit Partnern verbrachte. Richtig peinlich war es immer, wenn ich zu fremden Familien musste, um mit ihnen gemeinsam vor dem Christbaum zu sitzen und nett gemeinte Geschenke auszupacken. Also, ich fand jetzt nicht die Familien per se schlimm, sondern hatte eher mörderische Angst davor, irgendwas Komisches zu tun oder was Falsches zu schenken oder was Dummes zu sagen. Gefühlt ist man als Partnerin ja immer unter Beobachtung der Schwieger-Familie.

Und welchen perfekteren Zeitpunkt als Weihnachten, das Fest der übermäßigen Erwartungen, gibt es, um als absoluter Weirdo aufzufallen, der sich weder in die alteingesessene Familientradition einfügt, noch angemessen über die Weihnachtsgans freut? Welche perfektere Gelegenheit als Heiligabend gibt es, um den Frauen-Geschmack des Sohnes infrage zu stellen? Wenn die Nerven vor lauter Weihnachts-Fimmel eh schon blank liegen, der betrunkene Onkel mal wieder für schlechte Laune sorgt, im Kartoffelsalat zu viel Essig ist? Dann kann man ja gleich noch an dieser komischen Frau herummäkeln, die sich an ihrem Lambrusco festhält und schweigt. Zumindest habe ich mir das immer so eingebildet – denn selten im Jahr kommen so viele Menschen zusammen, die man potenziell enttäuschen kann, wie an Weihnachten.

Besinnlich fand ich so ein typisches Weihnachten mit Familie noch nie

Im Endeffekt war es dann meist doch immer irgendwie nett und ich wurde immer ganz rührselig, wenn die Oma meines Freundes mir einen Schoko-Weihnachtsmann mit 50 Euro zusteckte. Aber besinnlich war das nicht und entspannt erst recht nicht.

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Bild: emmy lupin studio

Unsere Autorin...

... ist Single, Anfang 30 und lebt in Berlin. Bei ersten Dates wird sie regelmäßig gefragt, ob sie darüber schreiben wird. Sie antwortet dann meist: "Das hängt davon ab, ob du schon etwas ganz Großartiges im Leben gemacht hast – oder gleich etwas richtig Bescheuertes tust."

Vergangenes Jahr kam es zu einem Riesen-Eklat zwischen meinem damaligen Partner und mir, weil ich mir dummerweise in den Kopf gesetzt hatte, es in genau diesem Jahr verdammt noch mal richtig zu machen: Ich wollte weihnachtlich richtig eskalieren. Ich dachte: Jetzt hab ich den Freund, den ich wollte, den Job, den ich wollte, die Wohnung, die ich wollte – ich war bereit. Bereit, Weihnachten in mein Leben zu lassen. Und zwar mit Family-Feeling, mit kitschiger Deko, mit selbstgebackenen Plätzchen und Frank Sinatra im Hintergrund, der singt: "Have Yourself a Merry Little Christmas".

"Im Endeffekt habe ich mich mit meiner Mutter getroffen und meinen ganzen Frust an ihr ausgelassen: Wir hatten den Streit des Jahrhunderts, weswegen, weiß ich noch nicht mal mehr."

Blöderweise war mein Freund dafür allerdings nicht bereit. Anstatt verliebt lächelnd mit mir Glühwein zu schlürfen, eine gemietete, nachhaltige Tanne zu schmücken und bombastischen Sex inmitten von Geschenkpapierresten zu haben, wollte er lieber mit seiner Mutter und ohne mich verreisen. Ich, die sich nie um Weihnachten geschert und oftmals Heiligabend Pizza bestellt hat, war tödlich beleidigt. Ich war nun also selbst in die weihnachtliche Erwartungsfalle getappt, vor der ich mich immer so gegruselt habe, und habe mir damit einen Strich durch die Rechnung gemacht: Anstatt mir Heiligabend eine schöne Zeit zu machen, habe ich gegen meinen Partner gegrollt, weil ich zum ersten Mal bewusst diese warmherzige Familienstimmung haben wollte.

Im Endeffekt habe ich mich mit meiner Mutter getroffen und meinen ganzen Frust an ihr ausgelassen: Wir hatten den Streit des Jahrhunderts, weswegen genau, weiß ich nicht mal mehr. Immerhin habe ich mir so meinen Wunsch erfüllt, Weihnachten zu eskalieren. Wenn auch anders als geplant.

Dieses Jahr feiere ich ohne Familie

Dieses Jahr habe ich keinen Partner an meiner Seite und meine Mutter bereits vorgewarnt, dass ich lediglich zum Weihnachts-Frühstück an Heiligabend vorbeikomme. Immerhin muss ich mich als Single nicht vor noch mehr Menschen rechtfertigen: Der Vorteil ist, dass man als alleinstehender Mensch meist nicht so viele andere Leute auf einmal enttäuschen kann.

"Man sagt doch immer, man soll die Feste feiern, wie sie fallen. Und das werde ich dieses Jahr tun."

Ich habe mir vorgenommen, meinen falschen Erwartungshaltungen oder denen anderer Menschen nicht noch einmal zum Opfer zu fallen und mein Weihnachten so zu gestalten, wie es mir am besten passt. Man sagt doch immer, man soll die Feste feiern, wie sie fallen. Und das werde ich dieses Jahr tun.

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