Young female beekeeper pulls out from the hive a wooden frame with honeycomb. Collect honey. Beekeeping concept.

Imkern ist vor allem während der Pandemie zum immer beliebteren Hobby geworden. (Symbolbild) Bild: iStockphoto / Kateryna Kukota

"Mit der Imkerei rette ich keine Wildbienen": Warum eine Expertin trotzdem eine Chance im Imker-Boom sieht

lukas Armbrust

"Und diese Biene, die ich meine, die heißt Maja" – diese Liedzeile hat wohl fast jedes Kind schon einmal lauthals mitgesungen. Die Abenteuer der kleinen Serienheldin haben über die Jahre ein Millionenpublikum begeistert. Und auch die Bienen, die draußen durch Gärten und Wiesen summen, sind echte Sympathieträger: Als fleißige Arbeiterinnen, die zahlreiche Wild- und Nutzpflanzen bestäuben, sind sie von enormer ökologischer Bedeutung. Außerdem produzieren die Insekten einen der beliebtesten Brotaufstriche – den Honig. Davon isst laut Bundesinformationszentrum Landwirtschaft jeder Deutsche jährlich rund ein Kilogramm.

Auf diese Bedeutung der Tiere für die Biodiversität und Ernährungssicherheit soll am 20. Mai, dem Weltbienentag, aufmerksam gemacht werden. Er wurde im Jahr 2018 von den Vereinten Nationen ins Leben gerufen. Gleichzeitig wolle man den weltweiten Rückgang der Bienenpopulationen hervorheben, heißt es auf der deutschen Website. Weniger Nistmöglichkeiten, mehr Monokulturen in der Landwirtschaft und der Einsatz von Pestiziden machen den Bienen zunehmend zu schaffen.

"Es ist vollkommen legitim, dass man vom Bienensterben spricht", sagt Melanie von Orlow, Sprecherin der Nabu-Bundesarbeitsgemeinschaft Hymenoptera. Korrekter wäre es, wenn man von einem Insektenrückgang spräche. Aber Bienen kämen dem Menschen emotional wohl am nächsten. "Wenn wir sagen würden, es gäbe ein Wanzensterben, würden die meisten mit den Schultern zucken."

Etwas mehr als die Hälfte der über 550 Wildbienen-Arten in Deutschland gilt als gefährdet, ausgestorben oder verschollen. Diese Zahlen sind der Roten Liste der Bienen Deutschlands aus dem Jahr 2011 zu entnehmen. Die Angaben seien aber mit Vorsicht zu genießen, meint von Orlow. "Die Zahl der Wildbienen schwankt faktisch täglich. Wir haben durch die Klimaveränderung eine unheimliche Variabilität. Es werden eigentlich jedes Jahr neue Arten beschrieben, die aus dem Süden in den Norden vordringen. Umgekehrt gehen uns aber auch Arten verloren."

Dadurch könnte man annehmen, dass die Zahl der Wildbienen in Deutschland konstant sei und es gar nicht so schlecht um die Insekten stehe. Was in den Zahlen aber nicht zum Ausdruck käme, so die Expertin, ist, dass womöglich seltenere Lebensraumspezialisten verschwänden, und anspruchslose, häufig vorkommende Arten nachrückten. "Dann hätte ich insgesamt ein deutliches Zeichen, dass sich die Artenqualität verschlechtert hat, obwohl die Quantität konstant bleibt", sagt von Orlow. Es sei also nicht ganz leicht, das Insektensterben wirklich greifbar zu machen.

Konkurrenz durch Honigbienen

Anders als den Wildbienen scheint es den Honigbienen in Deutschland vergleichsweise gutzugehen. Laut dem Deutschen Imkerverband wächst deren Zahl seit Jahren: Demnach gab es 2020 hierzulande 160.000 Imkerinnen und Imker mit rund 1,1 Millionen Bienenvölkern. Vor allem Großstädter haben das Imkern als Hobby für sich entdeckt. Doch angesichts der wachsenden Zahl befürchtet manch einer, dass die Honigbiene die Wildbienen verdrängen könnte. Schadet das Interesse am Imkern den Bienen insgesamt womöglich mehr als es hilft?

Eine Studie zur Konkurrenz zwischen Honig- und Wildbienen wurde 2019 im Fachblatt "Scientific Reports" veröffentlicht. Die Forscher hatten über drei Jahre hinweg zur Blütezeit im Frühjahr bis zu 2700 Bienenstöcke in einem Nationalpark auf Teneriffa aufgestellt. Das Ergebnis: Bienenhaltung in natürlichen Umgebungen kann das Netzwerk wilder Bestäuber negativ beeinflussen. Die weltweite Haltung von Honigbienen könnte demnach größere und länger andauernde Folgen für Ökosysteme haben als bisher angenommen.

"Wenn Menschen sich als Imker mit Bienen beschäftigen, dann schauen sie über den Tellerrand und dann sind sie Menschen, die sich für Insekten einsetzen. Das sollte man als Gewinn betrachten.“

Die Nabu-Sprecherin von Orlow zeigt sich dennoch zurückhaltend: "Nach meiner Einschätzung der Studienlage ist es so, dass unter gewissen Umständen eine Konkurrenz nicht auszuschließen ist." Dann müssten aber mehrere Faktoren zusammenkommen: Das Vorkommen spezieller Wildbienenarten, die auf spezielle Pflanzenarten angewiesen sind und an diesem Standort in direkter Nachbarschaft zu einer großen Zahl von Honigbienen leben.

"Ich kann vor dem Hintergrund dieser Konkurrenz durchaus verstehen, dass man in Biosphärenreservaten oder in großen Naturschutzgebieten keine Honigbienen haben möchte. Ich habe allerdings ein Problem damit, wenn man mit der gleichen Begründung versucht, das in der Großstadt durchzusetzen. Denn dort gibt es oftmals weder die speziellen Bienenarten noch die speziellen Futterpflanzen in relevanten Zahlen."

Deshalb sieht sie im gestiegenen Interesse der Menschen am Imkern kein Problem. "Der Punkt ist: Wenn Menschen sich als Imker mit Bienen beschäftigen, dann schauen sie über den Tellerrand und dann sind sie Menschen, die sich für Insekten einsetzen. Das sollte man als Gewinn betrachten." Das Konkurrenz-Argument werde häufig vorgeschoben, weil man sich scheue, die wirklich großen Probleme anzugehen. Eines davon sei die Landwirtschaft.

"Einige der als 'bienenfreundlich' eingestuften Pestizide haben bei Wildbienen, wie den Hummeln, schädliche Folgen gezeigt, weil sich deren Zulassungsverfahren vornehmlich an der Honigbiene orientieren, die weitaus robuster mit Belastungen umgeht", sagt die Expertin. Mit Wildbienen mache jedoch kaum jemand Untersuchungen.

Wildbienen profitieren von nicht getrimmten Gärten

Doch auf die Forschungslage zu Pestiziden und deren Folgen für Bienen können nur die wenigsten Menschen Einfluss nehmen. Was kann eine Einzelperson also tun, wenn sie den Wildbienen helfen möchte? "Wenn ich kein Faible für Insekten habe, muss ich nicht mit dem Imkern anfangen. Mit der Imkerei rette ich keine Wildbienen", sagt von Orlow.

Wenn man einen Garten habe, können man aber beispielsweise einige Wochen auf das Rasenmähen verzichten. Bewohner von Mehrfamilienhäusern könnten ihren Vermieter bitten, die Rasenfläche vor dem Haus unberührt zu lassen oder dort Wildblumen zu säen. Die seien nicht sonderlich anspruchsvoll. "Ich glaube da rennt man ganz viele offene Türen ein", sagt von Orlow.

Generell profitieren viele Wildbienen von einer "Strukturvielfalt", so die Expertin. Das beziehe sich sowohl auf die Futterpflanzen der Tiere als auch deren Nistmöglichkeiten, das heißt, verschiedene Materialien, wie Holz, Stein oder Lehm. "Das ist vor allem bei Wildbienen relevant, weil sie einen viel kleineren Aktionsradius haben als Honigbienen", sagt von Orlow. Gerade die kleineren Arten könnten nicht so weit fliegen wie eine Honigbiene.

Auch wenn man es nicht erzwingen kann, dass sich bestimmte Wildbienenarten im eigenen Garten ansiedeln, mit kleinen Trittsteinen könne man den Tieren schon helfen, so von Orlow. "Das macht den Erhalt der Wildbienen als umweltpolitisches Ziel so dankbar. Jeder, der einen Garten hat, kann diese Fläche so gestalten, dass diese Tiere unterkommen können."

(mit Material von dpa)

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