Nachhaltigkeit
Gastbeitrag

Verdi ruft zum ÖPNV-Streik auf: Busfahrerin spricht über ersten Klimastreik

Petra ist seit 16 Jahren Busfahrerin und lebt mit ihrer Familie in Berlin.
Petra ist seit 16 Jahren Busfahrerin und lebt mit ihrer Familie in Berlin.bild: privat
Gastbeitrag

Fridays for Future und Verdi streiken: Mein erster Klimastreik als Busfahrerin

23.02.2024, 13:1423.02.2024, 13:17
petra, gastautorin
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Ich bin eigentlich gerne Busfahrerin. Ich mag den Kontakt mit Menschen, ich mag den Gedanken, für alle da zu sein und alle in meiner Stadt sicher von A nach B zu bringen. Das mag erst einmal merkwürdig klingen, aber viele meiner Kolleg:innen machen ihren Job genau aus diesen Gründen: Weil wir das, was wir tun, für gesellschaftlich notwendig halten.

Ich mache diesen Beruf also aus Leidenschaft. Doch am 1. März werde ich nicht in meinem Bus sitzen. Stattdessen werde ich auf die Straße gehen. Gemeinsam mit meinen Kolleg:innen bei der BVG werde ich streiken, um ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen, dass es so mit den Arbeitsbedingungen im ÖPNV nicht weitergehen kann! Und ein Zeichen für einen gerechten Klimaschutz, der uns allen nützt. Es ist an der Zeit, dass wir Druck aufbauen, damit sich an der dramatischen Lage im ÖPNV endlich etwas ändert. Das nehmen wir jetzt in die Hand.

"Ich bin dauerhaft im Stress, ich bin überlastet, frustriert und kann meinen Job nicht so machen, wie es eigentlich mein Anspruch wäre."

Der öffentliche Nahverkehr wurde kaputt gespart

Denn in den letzten Jahren wurde der öffentliche Nahverkehr so kaputt gespart, dass ich mich frage, wie lange ich das noch durchhalte. Ich starte meinen Arbeitstag oft mit einer Verspätung, die ich in meiner ganzen Schicht nicht wieder aufholen kann. Unsere Wendezeiten an den Endhaltestellen sind so knapp berechnet, dass wir dort oft erst ankommen, nachdem wir eigentlich schon wieder losgefahren sein sollten.

An Essen, Trinken oder aufs Klo gehen ist nicht zu denken. Und ich muss oft entscheiden, ob ich noch mehr Verspätung reinholen will, oder auf die Person warte, die noch auf den Bus zurennt. Ich bin dauerhaft im Stress, ich bin überlastet, frustriert und kann meinen Job nicht so machen, wie es eigentlich mein Anspruch wäre.

Ich nehme meine Arbeit und die Verantwortung, die ich darin trage, sehr ernst. Aber um das sehr deutlich zu machen: Ich kann nicht alle Menschen zuverlässig und sicher von A nach B bringen, wenn schon eingeplant ist, dass 6 Prozent des Busfahrplans ausfällt, wie das in Berlin aktuell der Fall ist. Meine Kolleg:innen und ich geben unser Bestes. Wir springen ständig ein und machen viel zu viele Überstunden.

Aber wir können nicht alles kompensieren, was die Politik versäumt. Und das, was wir derzeit ausgleichen, machen wir zu einem hohen Preis: Wenn wir von unserer Schicht zurückkommen, bringen viele von uns nur noch sehr schwerlich die Zeit und Energie auf, Einkaufen zu gehen, mit unseren Kindern zu spielen und sie ins Bett zu bringen oder womöglich mal Freund:innen zu treffen. Dabei sollten doch auch wir einen normalen Alltag bestreiten können!

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Die rote Linie ist überschritten

Es ist längst eine rote Linie überschritten und uns ist klar: Der ÖPNV wird gerade vor die Wand gefahren. Ich bin in den vergangenen Wochen zu dem Schluss gekommen: Ich kann das nicht länger hinnehmen. Immer mehr meiner Kolleg:innen sehen das genauso und sind bereit, sich einzusetzen.

"Wir brauchen dringend einen Ausbau des ÖPNV."

Bei unseren Verhandlungen für bessere Arbeitsbedingungen und in unseren Streiks geht es nicht nur um uns Bus- und Bahnfahrer:innen. Es geht um uns alle und darum, ob wir die Klimakrise ernst nehmen und jetzt entschlossen handeln. Es geht darum, ob wir es ermöglichen, dass alle Menschen gut und sicher unterwegs sein können. Es geht darum, welchen Wert wir dieser Arbeit zuschreiben und ob wir zulassen, dass Menschen wie ich tagtäglich an diesem Job kaputt gehen.

Wir brauchen dringend einen Ausbau des ÖPNV. Im Wahlkampf und in den Parlamenten wird eine Verdopplung der Kapazitäten des ÖPNV versprochen, aber die Realität sieht so aus: Tausende Bus- und Bahnfahrer:innen verlassen den Job, den sie eigentlich lieben, und suchen sich einen anderen, weil die Bedingungen, unter denen sie arbeiten, sie krank machen. Jeden Tag fallen allein in Berlin schon 450 Fahrten aus. Immer mehr Linien müssen ganz gestrichen werden, weil es schlichtweg an Personal fehlt.

Die Verkehrswende, die wir alle brauchen, wird nur gelingen, wenn es hier endlich ein politisches Umsteuern gibt.

Der Verkehrssektor verursacht immer noch zu viele Emissionen

Der Verkehrssektor ist der einzige Sektor, in dem die Emissionen immer weiter steigen. Es reicht nicht, an Menschen zu appellieren, sie sollten doch bitte ihr Auto stehen lassen, wenn die Straßenbahnen unzuverlässig und überfüllt sind und auf dem Land kein einziger Bus fährt. Drei Viertel der Autofahrer:innen würden bei einem besseren Nahverkehr ihr Auto seltener nutzen. Dafür brauchen wir jetzt bessere Arbeitsbedingungen, mehr Personal und eine ausreichende Finanzierung für öffentliche Mobilität, die wir alle nutzen können.

"Die Ampel muss sich entscheiden: Fährt sie fort mit ihrer Sparpolitik und lässt den ÖPNV vor die Wand fahren?"

Mit unserer Gewerkschaft ver.di und Fridays for Future fordern wir gute Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten und zusätzliche Investitionen in den ÖPNV in Höhe von mindestens 16 Milliarden Euro pro Jahr bis 2030. Das ist die Menge, die wir brauchen, um die Kapazitäten im ÖPNV zu verdoppeln. Dass es das braucht, ist politisch bekannt, und es steht sogar eigentlich im Koalitionsvertrag der Bundesregierung. Jetzt ist es an uns, dafür zu sorgen, dass gute Mobilität für alle endlich Realität wird.

Ich gehe am 1. März das erste Mal in meinem Leben auf einen Klimastreik. In den vergangenen Monaten habe ich verstanden: Nur gemeinsam sind wir stark. Klimaaktivist:innen und mich und meine Kolleg:innen im ÖPNV eint viel mehr, als uns trennt. Und so wie meine Arbeitsbedingungen uns alle etwas angehen, ist es auch beim Klimaschutz: Am Ende geht es darum, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Und natürlich um die Frage, was wir bereit sind, dafür zu tun.

Alle zwei Wochen melden sich Aktivist:innen von Fridays for Future in einem Gastbeitrag bei watson zu Wort.
Alle zwei Wochen melden sich Aktivist:innen von Fridays for Future in einem Gastbeitrag bei watson zu Wort.

Gute Arbeitsbedingungen und Klimaschutz gehören zusammen

Wenn ich am 1. März mit meinen Kolleg:innen, Fahrgästen und Klimaaktivist:innen beim ÖPNV- und Klimastreik auf die Straße gehe, dann zeigen wir, dass wir uns nicht mehr gegeneinander ausspielen lassen. Kämpfe für gute Arbeitsbedingungen, Kämpfe für soziale Gerechtigkeit und Kämpfe für Klimaschutz sind gemeinsame Kämpfe, die wir zusammen führen müssen. Wenn wir gemeinsam auf die Straße gehen, wird unsere Stärke sichtbar.

Die Ampel muss sich entscheiden: Fährt sie fort mit ihrer Sparpolitik und lässt den ÖPNV vor die Wand fahren? Oder steuert sie jetzt um? Jetzt zeigt die Ampel, für wen sie Politik macht: Für Bus- und Bahnfahrer:innen, für eine junge Generation und alle, die auf den ÖPNV angewiesen sind – oder im Interesse derjenigen, die spalten wollen. Ich weiß, auf welcher Seite ich stehe. Und ich weiß, dass mein erster Klimastreik sicher nicht der letzte sein wird. Weil wir weitermachen werden. Wir fahren zusammen und wir streiken zusammen.

Erstes Hoch von Regen überschattet – doch Experte macht Hoffnung

Der März hat sich am Osterwochenende mit traumhaftem Frühlingswetter verabschiedet. Der erste Sommertag des Jahres wurde nur knapp verfehlt. 25 Grad wären dafür nötig gewesen. Trotzdem: Das Thermometer kletterte am Ostersamstag mancherorts in die Höhe und erreichte Werte von bis zu 24,9 Grad.

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