Nachhaltigkeit
BOLOGNA, ITALY - OCTOBER 09: Hundreds of students in Piazza Maggiore call for concrete action against climate change during a demonstration as part of the global climate strike throughout Italy promoted by the Fridays For Future network, on October 09, 2020 in Bologna, Italy. (Photo by Michele Lapini/Getty Images)

Aus einem Haufen ziemlich verrückter Kids sind Profis geworden, schreibt unser Gastautor. Bild: Getty Images Europe / Michele Lapini

Gastbeitrag

Zwei Jahre Fridays for Future: "Aus Klimakids sind politische Akteure geworden"

Jonathan auer, gastautor

Im August 2018 setzt sich Greta Thunberg zum ersten Mal vor das schwedische Parlament – es ist der Beginn der Schulstreiks fürs Klima. Sie findet schnell Nachahmer auf der ganzen Welt, in Deutschland gibt es im Dezember 2018 die ersten Demonstrationen. Mittlerweile ist Fridays for Future zwei Jahre alt ganz schön erwachsen geworden. Gastautor Jonathan Auer zieht zum Geburtstag Bilanz.

Zwei Jahre sind eine lange Zeit. Und doch scheinen sie vergangen zu sein wie im Flug. Als wäre es gestern gewesen. Vor zwei Jahren, ich erinnere mich, war Fridays for Future noch ganz am Anfang. Die ersten Demos. Ein Haufen ziemlich verrückter Kids, die Klimastreiks organisierten. Alles war neu, wir fingen gerade erst an, zu lernen. Jeden Freitag war die Motivation groß, wir waren stolz auf viele Wochen voller Streiks und stolz auf zwanzigtausend Teilnehmerinnen und Teilnehmer in ganz Deutschland.

Ich war stolz, freitags nicht in der Schule, sondern auf der Straße zu sein. Das war neu. Das war aufregend. Wir waren frisch im Neuland unterwegs, haben vieles ausprobiert und vieles verworfen, vieles umständlicher gemacht, als es sein sollte, aber auch den Grundstein für unsere heutige Arbeit und Struktur gelegt. Seitdem hat sich viel verändert – und das ziemlich unbemerkt.

Wir haben uns professionalisiert, und zwar extrem. Haben Prozesse automatisiert, Workflows verbessert und unsere Arbeit und unser Engagement maximiert. Aus einer Whatsapp-Gruppe wurden hunderte. Stunden und Tage voller Telefonkonferenzen. Noch im September streikten wir mit 200.000 Menschen in ganz Deutschland. Vor zwei Jahren wäre das eine Sensation gewesen, heute ist es trotz Corona-Pandemie keine große Besonderheit mehr, sondern schon fast wieder vergessen und mit ein bisschen Enttäuschung über die eher niedrigen Zahlen aufgenommen worden.

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Alle zwei Wochen melden sich Aktivistinnen und Aktivisten von Fridays for Future in einem Gastbeitrag bei watson zu Wort, um zu zeigen: Wir können noch etwas gegen den Klimawandel tun – wenn wir jetzt handeln. bild: watson

Ohne Pause, ohne festzustellen, was wir leisten, haben wir weiter gemacht. Aktionen und Ereignisse beinahe im Minutentakt: Der Danni wurde besetzt, unsere eigene wissenschaftliche Studie veröffentlicht, wir stellten Europa-Forderungen und feierten den traurigen fünften Geburtstag des Pariser Klimaabkommens. Viele unglaublich krasse Projekte, die wir beinahe nebenher und wie selbstverständlich managten. Dabei ist das alles nur eines nicht: selbstverständlich.

"Organisiert wie ein mittelständiges Unternehmen, strukturiert wie ein eigenständiger kleiner Staat und mit den Ansprüchen von Top-Managern."

Viel eher ist Fridays for Future, ist diese Jugendbewegung, unglaublich. Organisiert wie ein mittelständiges Unternehmen, strukturiert wie ein eigenständiger kleiner Staat und mit den Ansprüchen von Top-Managern. Und das, obwohl wir immer noch Jugendliche sind. Ehrenamtlich arbeitende Jugendliche, die wie nebenher ihr Abi, die Schule, Lohnarbeit oder ein Studium meistern. Die ihre Freizeit opfern. Für die der Klimaaktivismus ein Leben geworden ist.

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Jonathan Auer ist Schüler und seit Anfang 2019 bei Fridays for Future aktiv. In seinem Heimatort gründete er eine FFF-Ortsgruppe, auf Bundesebene ist er unter anderem in die Kampagnenplanung, Newsletter- und Pressearbeit involviert. Außerdem twittert er professionell unter @jonathan_auer bild: Sarah Frank

Wenn wir sagen, in den vergangenen Jahren hat sich nichts verändert, dann können wir das zwar auf die Klimapolitik, auf die GroKo, auf die Einhaltung der Pariser Klimaziele beziehen, nicht aber auf Fridays for Future. Fridays for Future hat sich in den vergangenen zwei Jahren unglaublich verändert: Wir sind Profis geworden, stecken in die Bewegung mehr Arbeitszeit als so mancher Festangestellte in die eigene Firma oder NGO – und wir merken es nicht einmal.

"Die nächsten Jahre entscheiden über die Zukunft."

Wenn wir sagen, es hat sich nichts verändert, dann müssen wir das vor allem auf unsere Denkweise beziehen. Wir müssen jetzt beginnen, neu zu denken. In den vergangenen Jahren haben wir gelernt. Gelernt, durchzuhalten. Gelernt, zu überleben. Gelernt, aktiv zu bleiben. Und das werden wir auch weiterhin, denn uns bleibt keine andere Wahl. Die nächsten Jahre entscheiden über unsere Zukunft. Entscheidende Kipppunkte werden erreicht, die Auswirkungen werden deutlich. Schon heute leiden Menschen im globalen Süden und auf der ganzen Welt unter den katastrophalen Folgen der Klimakrise.

Wir sind kein unstrukturierter Haufen Amateur-Aktivisten mehr, wir sind Profis, besser als viele andere. Und so sollten wir auch denken und handeln. Wir haben politische Schlagkraft gewonnen, äußern uns zum Tagesgeschehen und werden dazu auch in Medien zitiert, eine Einladung in eine Talkshow – Anfang 2019 noch das Highlight der Bewegung schlechthin – ist keine große Besonderheit mehr.

Jahr der Entscheidungen steht an

Aus den Schulschwänzern von damals, aus den kleinen Klimakids, sind ernstzunehmende politische Akteure geworden. Aus den Belächelten sind Aktivistinnen und Aktivisten mit eigener Meinung, eigener Stärke geworden. Aber wir haben unsere Professionalisierung normalisiert und nehmen sie nicht mehr als etwas Besonderes wahr. Und das ist ein Fehler: Wir müssen anerkennen, dass wir Großes leisten und noch Größeres leisten könnten, wenn wir unsere Kapazitäten sinnvoll nutzen und unser strategisches Denken weiterentwickeln.

"Seit zwei Jahren werden wir Monat für Monat totgesagt. Und seit zwei Jahren zeigen wir Monat für Monat: Wir geben nicht auf."

Die Grundlage unserer Arbeit hat sich geändert und das muss uns bewusst sein. Seit zwei Jahren werden wir Monat für Monat totgesagt. Und seit zwei Jahren zeigen wir Monat für Monat: Wir geben nicht auf. Wir überstehen Sommerloch, Winterpause, Coronapandemie. Wir kämpfen weiter. Seit zwei Jahren und solange es nötig ist. Denn unsere Botschaft ist größer als diese Bewegung, größer als die leeren Worte irgendwelcher Politiker, größer als die müden Bemühungen der Vergangenheit. Wir geben nicht auf, für sie zu kämpfen: für unsere Zukunft.

Mit Blick in die Vergangenheit sehen wir, wie viel wir schon erreicht haben, wie sehr wir uns entwickelt haben. Mit Blick in die Zukunft können wir uns auf ein großes, spannendes, entscheidendes Jahr freuen. Die Bundestagswahlen weisen den Weg in die nächsten vier Jahre, weitere Großstreiks stehen an, und wir werden nicht schweigen. Auf ein Jahr der Entscheidungen, der Hoffnung und der Zuversicht. Auf ein weiteres Jahr, in dem wir sagen: Wir bleiben hier, wir bleiben laut, weil man uns die Zukunft klaut.

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