Kindern wird beim Kochkurs frühzeitig eine gesunde Ernährung beigebracht (Symbolbild).
Kindern wird beim Kochkurs frühzeitig eine gesunde Ernährung beigebracht (Symbolbild).Bild: Zoonar.com/Robert Kneschke / Robert Kneschke
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Der Zero-Waste-Koch: Wie Nachhaltigkeit in die Schulküche kommt

02.05.2022, 15:33

Schüsseln klappern, auf dem Herd zischt heißes Bratöl in der Pfanne, Kinder reden wild durcheinander – ein Messer saust durch eine Zwiebel: Zack! "Thore, was kann ich tun?" "Thore, wie schneide ich die Zwiebel am besten?" "Warte, ich zeige es dir."

Der Duft von Majoran, angebratenem Tofu und frischem Hefeteig zieht durch die Lehrküche des Schülerclubs "Kunterbunt" im Souterrain der "Grundschule unter den Bäumen" im Norden Berlins, dem Bezirk Pankow. Die Fünft- und Sechstklässler des Schülerclubs bereiten ihr Mittagessen vor. Heute steht auf dem Speiseplan: "Der Klassiker mal anders, Burger ohne Fleisch". Darüber: "Koch AG mit Thore. Das kreative und pflanzliche Kocherlebnis geht weiter!"

"Wir machen heute Burger. Wisst ihr, was alles in ein Burger-Brötchen reinkommt?"
Thore Hildebrandt fragt seine Kochschülerinnen nach den Zutaten für Burger

Zero-Waste-Koch Thore Hildebrandt kommt schon zum siebten Mal in den Berliner Schülerclub Kunterbunt, um den Kindern spielerisch das Kochen näherzubringen und dabei auch noch nachhaltig zu agieren. Diese beiden Aspekte bei Kindern unter einen Hut zu bekommen, ist häufig nicht einfach: "Die Aufmerksamkeitsspanne bei den Schülerinnen und Schülern ist meistens nicht sehr lang", sagt Thore.

Neben den Schülerkursen gibt der Berliner auch Workshops für Firmen oder private Gruppen, wie zu Geburtstagen oder Weihnachtsfeiern sowie Online-Kurse. Außerdem ist er an Kochvideoproduktionen und Live-Cooking-Aktionen auf Messen beteiligt.

Thore Hildebrandt bei einem Event zum nachhaltigen Kochen.
Thore Hildebrandt bei einem Event zum nachhaltigen Kochen.Bild: privat / ana torres

"Wir machen heute Burger. Wisst ihr, was alles in ein Burger-Brötchen reinkommt?", fragt Thore breit grinsend in die Runde. "Wasser, Mehl...", fangen die Schülerinnen an, aufzuzählen. Von jeder Seite aus wird etwas in den Raum gerufen.

Der 45-Jährige steht mit einer grünen Schürze, verwaschenen blauen Jeans, schwarzen Turnschuhen und einem weißen T-Shirt mit Firmenlogo vor seiner heutigen Kochklasse. "Thore Hildebrandt" steht auf seiner Brust, darüber ein Teller mit kreisförmigen Pfeilen darauf, die den Recycle-Prozess symbolisieren sollen und einer Gabel links und einem Messer rechts davon.

Thore trifft mit nachhaltigen Kochevents den Nerv der Zeit

Alle seine Kochevents führt Thore fast vollständig auf veganer Basis durch und befolgt nebenbei noch die Regeln des Zero-Waste-Kochens. Er verbraucht also beim Kochen so gut wie alle vermeintlichen Lebensmittelabfälle, wie beispielsweise Kartoffelschalen oder den Stiel des Brokkolis und zeigt, wie Eis aus überreifen Bananen gemacht werden kann oder wie hartes Brot noch verarbeitet werden kann.

Damit trifft er den Nerv der Zeit, denn Veganismus und Vegetarismus haben in den vergangenen Jahren an Beliebtheit gewonnen – aus unterschiedlichen Gründen von ethischen bis hin zu gesundheitlichen – oder schlicht wegen der Umwelt.

"Ihh! Meine Hände kleben!"
Eine Schülerin ist erschrocken über den Teig an ihren Händen

Selbst hat der gelernte Bankkaufmann zwar keine Kinder, umso mehr Spaß macht ihm aber der Umgang mit den Schülerinnen und Schülern im Berufsalltag. Ein Mädchen mit einer weinroten Kappe und dunklen Augen, die zwischen Kopfbedeckung und Maske hervorblitzen, ruft angewidert: "Ihh! Meine Hände kleben!" Die Fünftklässlerin zieht mit Zeigefinger und Daumen den mit Spinatpulver eingefärbten Hefeteig für die Burger-Brötchen von ihrer linken Hand. "Ich habe euch gefragt, ob ihr einen Knethaken wollt, damit passiert so etwas nicht", sagt Thore halb scherzend, halb ermahnend zu seinen Schützlingen.

Um mit den Kindern kochen zu dürfen, musste Thore ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Nach seiner beruflichen Laufbahn in einer großen deutschen Bank und zwei internationalen Großbanken hat er 2019 seine Leidenschaft des nachhaltigen Kochens zu seinem Beruf gemacht. Zusätzlich zu seiner IHK-Ausbildung zum Fachmann für Bio-Gourmet-Ernährung hat der Zero-Waste-Koch in den vergangenen Jahren spezielle Kochkurse für Kinder von sechs bis 16 Jahren entwickelt.

"Thore, du bist toll. Ich bin froh, dass ich in den Schülerclub gekommen bin und die Kochstunden bei dir bekommen habe."
Eine Schülerin macht Thore ein Kompliment

An zwei großen Holztischen in der Schulküche haben sich die sechs Mädchen, die mit Thore die fleischlosen Burger zubereiten wollen, verteilt. Jede hat eine Aufgabe: Eine Schülerin schneidet Tofu-Würfel, ein achtet auf eine einheitliche Größe der Würfel, das Mädchen mit der dunkelroten Kappe greift nach der Raspel für die Karotten. Sobald jemand untätig ist, gibt es etwas Neues zu tun. Langeweile kommt in der Lehrküche nicht auf. Thore ist die meiste Zeit damit beschäftigt, die unzähligen Fragen der Kinder zu beantworten. Immer wieder ruft jemand laut seinen Namen.

Schülerclub: "Das Kochevent mit Thore passt ideal zu unserem Konzept"

Die Grundschule unter den Bäumen ist seit 2013 Klimaschule und thematisiert die Nachhaltigkeit tagtäglich im Schulalltag mit den Kindern. Martin Biermann, einer der leitenden Erzieherinnen und Erzieher des Schülerclubs, erzählt:

"Unsere Schülerinnen und Schüler haben bei einem Projekt zum Beispiel Zugriff auf die Heizung in der Schule bekommen und durften entscheiden, in welchem Raum zusätzlich geheizt werden musste und wo es überflüssig war. Thematisch passt das Kochevent mit Thore also ideal zu unserem Konzept."

Die Schülerin mit der dunkelroten Kappe sieht plötzlich irritiert von ihrem Kochplatz mit der Raspel auf: "Was war das?" Ein lautes Piepen ertönt. Es ist der Ofen: Die Burger-Brötchen sind fertig. Die Mädchen bestaunen die frischen Brötchen im Ofen, ein wohlig warmer Geruch von Hefe weht durch den Raum. "Ein bisschen stolz auf uns bin ich ja schon", sagt die Fünftklässlerin mit der roten Kappe, während sie die gläserne Backform mit den grünlich eingefärbten Brötchen mit schwarzen Ofenhandschuhen in Richtung Tisch balanciert.

Kinder bei einem Kochkurs (Symbolbild).
Kinder bei einem Kochkurs (Symbolbild).Bild: dpa / Arne Dedert

Das Kochen hat Thore schon als Kind begeistert: "Als kleiner Knirps im Alter von sechs Jahren habe ich Spaghetti für meine Eltern gekocht. Allerdings mit kaltem Wasser, ohne Salz, viel zu lange gekocht und zu allem Überfluss mit Ketchup." Gelobt wurde er von seinen Eltern trotzdem, aufgegessen haben sie es auch.

Mittlerweile scheinen ihm seine Gerichte besser zu gelingen, was zumindest die strahlenden Kindergesichter in der Schulküche vermuten lassen.

"Thore, du bist toll. Ich bin froh, dass ich in den Schülerclub gekommen bin und die Kochstunden bei dir bekommen habe", ruft ein Mädchen und strahlt unter ihrer schwarzen Maske.

Kinder sollen auch Fehler machen dürfen

"Messerspitze nach unten, wenn ihr lauft!", ruft der Zero-Waste-Koch zum wiederholten Mal. Zwei seiner Kochschülerinnen laufen immer wieder mit ihrem Messer und dem Schneidebrett vom Tisch Richtung Tür, um Zwiebelschalen und andere Reste in den Müll zu befördern. "Wichtig bei Kindern ist vor allem, den richtigen Umgang mit Messern zu aufzuzeigen, wie man den Platz sauber hält, keinen Quatsch zu machen, sich zu konzentrieren und vorsichtig mit dem Herd und dem Bratfett umzugehen", sagt Thore.

Bei der Arbeit mit Kindern ist es für Thore vor allem wichtig, viele Fragen zu stellen. So findet der Zero-Waste-Koch heraus, was seine Kochschülerinnen und Kochschüler bereits wissen und baut seinen Kurs auf diesen Kenntnissen auf. "Es ist wichtig, als Kind selbst zu kochen und alles auszuprobieren, aber auch Fehler machen zu dürfen", sagt Thore. Er will in den Kindern die Neugierde auf das Neue und Unbekannte wecken und sie anschließend mit dem Geschmack überzeugen.

"Tisch decken! Wir brauchen noch Teller!", trommelt Thore seine Kochschülerinnen zusammen. Plötzlich ist es still in der Schulküche im Berliner Norden. Andächtig belegen die Mädchen ihre selbstgemachten Burger-Brötchen mit Tomaten, Salat, angebratenem Tofu und Burger-Pattys aus Soja-Granulat und Bulgur.

Zum ersten Mal an diesem Tag kommen ihre Gesichter unter den Masken zum Vorschein und diesmal lässt sich einwandfrei feststellen: Sie alle scheinen zufrieden.

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