Auch vegane Produkte können mit Tierleid verbunden sein.
Auch vegane Produkte können mit Tierleid verbunden sein.
Bild: iStockphoto / Ridofranz
watson-Kolumne

Augen auf beim Kauf: Warum auch einige vegane Lebensmittel Tierleid verursachen

13.09.2021, 11:38
Theresa Schwab
Theresa Schwab
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"As vegan as possible" – die watson-Kolumne zu vegetarischem und veganem Leben

Enthält ein Lebensmittel keine tierische Zutat, bin ich zufrieden: Ab in den Einkaufskorb. Inzwischen sehe ich jedoch einige Produkte kritischer, da ich dank gewisser Vegan-Bücher, Blogs und News-Accounts regelmäßig mit Fakten konfrontiert werde, die mich schockieren. Und damit meine ich nicht mal, dass vegane Schokolade genauso menschenunwürdige Arbeitsbedingungen auf Kakaoplantagen fördert, der Hafer des Haferdrinks tausende von Kilometern entfernt angebaut wird oder mehr als 1000 Liter Wasser für drei Avocados benötigt werden, die anschließend mit dem Flieger nach Deutschland kommen.

Ich rede von pflanzlichen Produkten, die dennoch Tierquälerei fördern. Zwei Themen, auf die ich in letzter Zeit aufmerksam geworden bin:

Über die Autorin
As vegan as possible – das beschreibt Theresa Schwab am besten. In ihrer Kolumne berichtet die freie Journalistin über positive Erkenntnisse, über Anstrengungen und darüber, warum es okay ist, manchmal im Alltag an einem nicht-tierischen Lebensstil zu scheitern.

1. Kokosprodukte

Auf Instagram entdeckte ich kürzlich einen Post von @petazwei: "Kokosmarken ohne Affenleid" lautete der Titel im Bild. Ich konnte nicht glauben, was ich darunter las: "In der thailändischen Kokosindustrie werden völlig verängstigte junge Affen an der Kette gehalten, gewaltsam trainiert und gezwungen, an Palmen hochzuklettern, um Kokosnüsse zu pflücken."

Und dann noch extremer: "Vielen Affen werden bereits als Babys illegal ihrem Zuhause in der freien Natur entrissen und von ihren Familien getrennt. Man legt ihnen ein starres Metallhalsband an und kettet oder bindet sie fest. Affen, die sich gegen die Quälerei wehren, werden offenbar die Zähne gezogen." Dann folgte der Hinweis, dass aus diesen Kokosnüssen anschließend Kokosnussmilch und andere Produkte für den weltweiten Markt hergestellt werden.

Nun kommt die Kokosnuss nicht täglich in meinen Gerichten vor, dennoch benutze ich für selbstgemachte Acai Bowls Kokoswasser sowie Kokosöl und als großer Fan der asiatischen Küche steht Kokosmilch definitiv in meinem Vorratsschrank. Davon abgesehen lasse ich mir mein Lieblings-Thai Curry regelmäßig nach Hause liefern.

Anlässlich der Veröffentlichung hat "Peta Zwei" bei verschiedenen Marken nachgefragt. Einige haben schriftlich zugesichert, dass sie ihre Kokosprodukte ohne die Nutzung von Affen beziehen. Skurrilerweise kannte ich eine einzige davon. Die gängigen Marken wie dm, Alpro oder Rapunzel hatten bis zu dem Zeitpunkt nicht geantwortet.

2. Wanderbienen

Vor ein paar Wochen hatte ich meinem Sohn das Kinderbuch "Wo kommt unser Essen her?" gekauft. Ein toll illustriertes Buch, in dem zu einigen Lebensmitteln – darunter Fisch, Fleisch, Tomaten, Brot, Milch, Äpfel und Eier – jeweils zwei unterschiedliche Entstehungsprozesse sehr realistisch gezeigt und erklärt werden. Auf der einen Seite der Kleinbetrieb, auf der anderen die Massenproduktion. Backstube versus Backfabrik, Bauernhof versus Legehennenbetrieb.

Das Kinderbuch von Julia Dürr wurde von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet.
Das Kinderbuch von Julia Dürr wurde von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet.
bild: beltz.de

Beim Thema Apfel wurde ich stutzig. Links handelte es sich um eine Streuobstwiese, rechts um eine Apfelplantage. "Blühen die Apfelbäume auf einer Apfelplantage, werden für kurze Zeit ganz viele Bienen benötigt", begann der Text. "Dafür werden Wanderbienen bestellt. Sie bestäuben die Blüten. Danach werden sie zu anderen blühenden Obstbäumen gefahren." Daneben war ein Mann im Imker-Anzug abgebildet, der Kartons aus seinem LKW entlud. Kartons, wie ich bald recherchierte, in denen die Bienenvölker transportiert werden.

Ich recherchierte weiter und mir wurde bewusst, dass der Apfel, den ich im regulären Supermarkt kaufe, höchstwahrscheinlich von einer dieser Obstplantagen stammt. Aufgrund ihrer exorbitanten Größe, ihrer Monokultur und fehlender Blühstreifen, müssen Bienen eben künstlich in die Anbaugebiete herangeschafft werden. Schließlich steigert eine Bestäubung den Ertrag unterschiedlicher Obstsorten um einen enormen Anteil. Bei Äpfeln sind es 55 Prozent mehr, bei Erdbeeren 60 Prozent und bei Pfirsichen sogar 95 Prozent.

Heißt, entweder werden Bienen im Intensivobstbau von Firmen gemietet und per Postversand geliefert oder zeitweise von einem Bienenvolkbesitzer vor Ort ausgesetzt. Im besten Fall stecken erfahrene Imker aus der Region dahinter, im schlimmsten Fall handelt es sich um Wanderbienen, die über lange Strecken von einer Plantage zur nächsten gekarrt werden.

Das Buch von Bettina Hennig war ein Spiegel-Bestseller.
Das Buch von Bettina Hennig war ein Spiegel-Bestseller.
bild: fischerverlage.de

Langsam erinnere ich mich an eine Passage in dem Buch "Ich bin dann mal vegan", das ich vor Jahren gelesen hatte. Darin schreibt die Autorin Bettina Hennig, wie sie durch den Dokumentarfilm "More than Honey" von den grausamen Methoden der Massenbienenhaltung in den USA erfuhr. Dort werden im Frühjahr riesige kalifornische Mandelplantagen bestäubt. Erst kürzlich hatte ich im Supermarkt nach Mandeln gesucht und lediglich eine Packung mit der Aufschrift "Kalifornische Mandeln" gefunden. Kein Wunder, denn die USA sind inzwischen der weltweit größte Mandel-Produzent.

"Auf Trucks geladen, sind viele der Bienen nach einer kompletten Nachtfahrt stark geschwächt oder tot."

Ich hole das Buch heraus und lese nach, denn auch sieben Jahre später hat sich leider nichts verändert: Nach der vierwöchigen Bestäubung werden die Bienen in dunkle Kisten gepackt, in denen sie kaum Luft bekommen und ihre eigenen Exkremente einatmen müssen. Das kann für Bienen tödlich sein, da sie ihre ganze Umwelt über ihren Geruchssinn wahrnehmen. Auf Trucks geladen, sind viele der Bienen nach einer kompletten Nachtfahrt stark geschwächt oder tot.

Pro Saison legen die Bienen 10.000 Kilometer zurück, schreibt Hennig. Dazu kommen Antibiotika-Gaben, damit die Bienen das Bestäubungspensum schaffen. Sie bekommen unnatürliche Nahrung, zum Beispiel Sirup mit hohem Fruktoseanteil ohne echte Nährstoffe. Sie werden durch das viele Reisen von Krankheiten befallen, darunter die gefährliche Varroamilbe. Und manchmal passiert es eben, dass ein ganzes Bienenvolk von 50.000 Bienen dabei zugrunde geht. Zuletzt lese ich in aktuellen Artikeln, dass Pestizide, ohne die große Obstplantagen nicht auskommen, ebenfalls ein großes Risiko für die Bienen darstellen.

Persönliches Fazit

Mein Fazit aus diesen beiden Informationen, die für mich neu waren: Ich sollte mich wieder mehr auf regionale Produkte fokussieren und direkt beim Hersteller einkaufen. Weniger Supermarkt, mehr Hofladen. Weniger Exotik, mehr Bauernwochenmärkte. Denn wie gerne hätte ich persönliche Einblicke in die Herstellung und den Anbau. Dafür müsste ich auf einige Zutaten verzichten und mir die Zeit nehmen, auf Produzentensuche in meinem Umkreis zu gehen. Ich denke, das bekomme ich hin – irgendwann.

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