Im ersten Gruppenspiel gegen Ungarn traf Cristiano Ronaldo doppelt.
Im ersten Gruppenspiel gegen Ungarn traf Cristiano Ronaldo doppelt. Bild: dpa-Zentralbild / Robert Michael
Analyse

"Deutschland wird auf einen anderen Cristiano treffen": Kenner erklärt Ronaldos fußballerischer Wandlung vor dem Duell mit der DFB-Elf – und warum er noch nie gegen Deutschland getroffen hat

19.06.2021, 15:5619.06.2021, 18:16

Mit Rekorden kennt sich Cristiano Ronaldo eigentlich ganz gut aus. In der Champions League hält er fast alle Torrekorde, mit fünf Titelgewinnen in Europas Königsklasse hat er sie öfter gewonnen als viele Top-Klubs in Europa. Und seit seinem Doppelpack gegen Ungarn am Dienstag ist er mit elf Treffern auch der erfolgreichste Torschütze der Europameisterschaft. Seine fünfte Teilnahme und 21 Spiele in der Endrunde sind natürlich auch Rekord.

"Er ist nicht nur einer der torgefährlichsten Spieler der Welt, sondern auch eine Identifikationsfigur für die jungen Spieler und Fixpunkt im Offensivspiel."
Experte Nils Kern über die Rolle von Cristiano Ronaldo bei Portugal

Doch eines ist dem 36-jährigen Ausnahmestürmer in seiner Karriere noch nie gelungen: ein Länderspieltor gegen Deutschland. Viermal ging es gegen die DFB-Elf, viermal blieb der fünffache Weltfußballer tor- und sieglos.

"Gegen Deutschland war bisher immer ein bisschen der Wurm drin. Da hat die deutsche Defensive bisher immer ein Gegenmittel gehabt. Wenn man ihm die Lust am Spiel nimmt und eng verteidigt, dann wird es schwierig für ihn", sagt Nils Kern, Chefredakteur von "Real Total", dem größten deutschen Online-Magazin über Real Madrid, gegenüber watson. Kern begleitete Ronaldo während seiner Zeit bei den "Königlichen", für die er von 2009 bis 2018 spielte, ehe er zu Juventus Turin wechselte.

Warnung an Löws DFB-Elf

"Deutschland wird auf einen anderen Cristiano treffen als bei den vergangenen vier Partien", warnt der Ronaldo-Kenner. Mit mittlerweile 36 Jahren ist er nicht mehr der Spieler für Sprints und Tricks an der Außenlinie. "Er ist mehr Strafraummonster statt Flügelspieler", sagt Kern und erklärt: "Er nimmt den Ball kurz an und haut direkt aufs Tor." Schon während seiner Zeit bei Real Madrid verschob sich seine Position immer mehr ins Angriffszentrum.

"Er ist ruhiger geworden und wartet auf seine Chancen im Strafraum. Er will bedient werden, statt sich den Ball im Mittelfeld zu holen".

Das war auch im ersten Spiel gegen Ungarn gut zu sehen. Eigentlich machte Ronaldo kein gutes Spiel, vergab sogar aus wenigen Metern eine 1000-prozentige Chance. Doch am Ende knackte er mit zwei Toren den bisherigen EM-Torrekord des Franzosen Michel Platini und steht jetzt bei elf Toren bei Europameisterschaften. Ein Elfmeter und eines nach einer Körpertäuschung im Strafraum sicherten Portugal den Sieg.

Viel Kritik aus Italien

Wo Ronaldo spielte, war er lange ein Erfolgsgarant. Mit Juventus Turin wurde er zweimal italienischer Meister und in diesem Jahr mit 29 Treffern Torschützenkönig. Doch der Wechsel zum italienischen Serienmeister verfehlte ein wenig seine erhoffte Wirkung. Ronaldo sammelte zwar weitere Titel und individuelle Auszeichnungen, aber er schaffte es nicht, Juve auf die nächste Ebene und zu einem Champions-League-Titel zu führen. In dieser Saison reichte es nach neun Meisterschaften sogar nur zu Platz 4 und erst am letzten Spieltag gelang die Qualifikation zur Champions League. Mit einem 2:1-Sieg über Atalanta Bergamo holten sie immerhin den italienischen Pokal.

Über die komplette Saison wurde er immer wieder heftig als Fremdkörper in Juves Spielsystem kritisiert und Italiens Ex-Nationalspieler Antonio Cassano kam im "Corriere dello Sport" zu dem Schluss: "Sie sind mit ihm schlechter als sie es in der Vergangenheit ohne ihn waren."

Zu dieser Einschätzung wird wohl kein Portugiese kommen. Viel mehr machte der langjährige Kapitän der Nationalmannschaft Nuno Gomes bei "t-online" deutlich: "Ronaldo hat noch eine Menge im Tank."

Im Nationalteam immer noch unverzichtbar

Bei der Nationalmannschaft begleitete Ronaldo seit dem verlorenen EM-Finale 2004 gegen Griechenland lange das Image, dass er mit seinem Land keinen großen Titel gewinnen kann. Zumindest war das bis zur Europameisterschaft 2016 so.

Vor fünf Jahren besiegte er mit seinem Team überraschend Gastgeber Frankreich mit 1:0 im Finale. Das besondere dabei: Ronaldo selbst musste nach 25 Minuten verletzt ausgewechselt werden. Doch statt zu schmollen, coachte er sich in die Herzen vieler Fußballfans, die ihn zuvor als egoistisch, arrogant und selbstverliebt gesehen hatten. Er gab den Co-Trainer von Chefcoach Fernando Santos und unterstütze seine Kollegen am Spielfeldrand mit Anweisungen und feuerte sie immer wieder an.

"Er hatte insgesamt viele positive Szenen bei der EM wie zum Beispiel auch, als man seine Freudentränen gesehen hat. Da hat er gezeigt, dass er irgendwo trotzdem noch das Kind ist, das sich freut, wenn eine Aktion gelingt und alles tut, um ein Tor zu erzielen."

Zudem habe er den Ruf des arroganten Schnösels mittlerweile abgelegt. "Er hat eher den Ruf, dass er ein absoluter Kämpfer ist und alles für den maximalen Erfolg tut", sagt Kern.

Cristiano Ronaldo (r.) unterstützte während des EM-Finales 2016 seinen Coach Fernando Santos an der Seitenlinie.
Cristiano Ronaldo (r.) unterstützte während des EM-Finales 2016 seinen Coach Fernando Santos an der Seitenlinie.Bild: picture alliance / Pressefoto ULMER

Der Sieg bei der Europameisterschaft bedeutete den ersten großen Titel für Portugal – den das Team mit einer sehr defensiv ausgerichteten Mannschaft gewann. Die Mannschaft von 2016 hatte nicht ansatzweise so viel Talent wie der heutige Kader. Aktuell ist die Mannschaft wieder gespickt mit internationalen Topstars: darunter die Stürmer André Silva (Eintracht Frankfurt/28 Saisontore) und Diego Jota (Liverpool/9 Tore), die Mittelfeldspieler Bruno Fernandes (Manchester United/18 Tore) und Bernardo Silva (Manchester City) oder auch Rúben Dias (Manchester City), der vor kurzem in der Premier League zum Spieler des Jahres gewählt wurde.

Man könnte fast meinen, dieses Team brauche keinen 36-jährigen Stürmer, der nur um und am Strafraum lauert, aber fast keine Defensivarbeit verrichtet.

Fixpunkt im Offensivspiel

"Er ist nicht nur einer der torgefährlichsten Spieler der Welt, sondern auch eine Identifikationsfigur für die jungen Spieler", erklärt Nils Kern. Und Portugal ist mit Akteuren wie Dias (24 Jahre), Ruben Neves (24), Renato Sanches (23), Joao Félix (21), André Silva (25), Fernandes (26) und Silva (26) für die kommenden Jahre gut aufgestellt.

Dass Ronaldo selbst im hohen Fußballer-Alter viele andere in den Schatten stellt, nötigt auch seinen nicht weniger talentierten Mitspielern gehörigen Respekt ab. "Wir alle kennen seine Qualitäten und wissen, wie einfach es für ihn ist, Tore zu schießen", sagte Spielmacher Fernandes.

"Er ist auch weiterhin der Fixpunkt im System. Es ist wichtig, dass man immer jemanden hat, den man anspielen kann. Sie brauchen ihn definitiv noch, denn er strahlt vor dem Tor eine extreme Ruhe in Situationen aus, wo viele nervös werden", sagt der Ronaldo-Kenner.

Aktuell liegt CR7 noch drei Tore hinter der iranischen Fußballlegende Ali Daei, die 109 Länderspieltore erzielte und den aktuellen Rekord hält. Doch das ist eine weitere Bestmarke, die Ronaldo unbedingt noch erreichen möchte und der er mit einem Treffer gegen Deutschland ein Stück näher kommen will.

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