Jonas Mattisseck stammt aus der Jugend von Alba Berlin.
Jonas Mattisseck stammt aus der Jugend von Alba Berlin.
Bild: www.imago-images.de / Markus Fischer
Interview

"Mentale Probleme sind im Leistungssport gang und gäbe und keiner redet darüber": Alba Berlins Co-Kapitän Jonas Mattisseck über Druck im Profi-Sport und den Meisterkampf in der Basketball-Bundesliga

30.09.2021, 09:3030.09.2021, 18:47

Zweimal Deutscher Meister, einmal Pokalsieger, deutscher Nationalspieler und Fan-Liebling bei seinem Jugendverein Alba Berlin und das mit gerade einmal 21 Jahren – Jonas Mattisseck hat in seiner noch jungen Profi-Basketballkarriere bereits so einiges erlebt.

Mit einer Auftaktniederlage zu Saisonbeginn im Gepäck geht es für Mattisseck und Alba Berlin heute Abend gegen die Fraport Skyliners darum, den Saisonauftakt nicht komplett zu verpatzen. Der gebürtige Berliner ist dann auch wieder Co-Kapitän seiner Mannschaft. Nicht jeder Spieler würde mit dieser Belastung in diesem jungen Alter so gut klarkommen.

"Die Bezeichnung 'Psychologe' und 'Psychologin' ist erstmal damit behaftet, dass du ein Problem hast oder irgendwas nicht stimmt. Ich habe mit vielen Sportlern gesprochen, die zunächst ähnlich gedacht haben, aber das ist ja völliger Schwachsinn."
Basketball-Profi Jonas Mattisseck

Im Interview mit watson spricht der Aufbauspieler über seine neue Rolle als Co-Kapitän des Deutschen Meisters, die Arbeit mit einer Sportpsychologin und die veränderte Drucksituation, als amtierender Meister in die Saison zu starten.

watson: Herr Mattisseck, Sie sind im Sommer das zweite Mal in Folge Deutscher Meister geworden, Fan-Liebling bei ihrem Jugendverein Alba Berlin und mit nun 21 Jahren auch Co-Kapitän. Konnten sie das alles schon so richtig realisieren?

Jonas Mattisseck: Im Sommer hatte ich ein bisschen Zeit herunterzukommen und das zu verarbeiten…

… zwischen Ihren blühenden Pflanzen und Erdbeeren auf Ihrem Balkon?

Denen geht es leider nicht so gut (lacht). Ich hatte sie mir während des ersten Lockdowns geholt, da hatte ich viel Zeit und habe das intensiv verfolgt. Aber jetzt herrscht dort nicht mehr so das blühende Leben. Dadurch, dass wir viel unterwegs sind, habe ich dafür keine Zeit.

Wie schwierig war es für Sie, sich an das Leben eines Profi-Sportlers zu gewöhnen?

Eine große Umstellung war es vor allem, dass man das ganze nun wirklich beruflich macht. Am Anfang hast du vielleicht noch die Einstellung, dass es nicht so schlimm ist, wenn es nicht läuft, weil du von deinem Team mitgezogen wirst. Aber irgendwann ist das auch vorbei, dann muss man abliefern und seine Qualität zeigen. Leute erwarten einfach Sachen von dir und wenn du die nicht zeigst, spielst du eben nicht mehr.

Hatten Sie auch Phasen, in denen Sie zu Hause im Bett lagen und Selbstzweifel hatten?

Ich glaube, jeder hat Phasen, wo es nicht so gut läuft. Wichtig ist es, da nicht hereinzufallen und zu denken: "Was ist, wenn es nie wieder gut läuft?" Aber dort haben wir auch enorm viel Hilfe von unserer Sportpsychologin. Ich bin auch noch sehr jung und es wird immer wieder Phasen geben, wo es nicht so läuft, aber bisher bin ich damit ganz gut klargekommen.

Teamkollege Maodo Lô (Mitte) und Jonas Mattisseck (r.) <br>feiern den Gewinn der deutschen Meisterschaft.
Teamkollege Maodo Lô (Mitte) und Jonas Mattisseck (r.)
feiern den Gewinn der deutschen Meisterschaft.
Bild: www.imago-images.de / Tilo Wiedensohler

In einem Interview haben Sie erzählt, dass Sie einer Sportpsychologin zunächst skeptisch gegenüber
waren. Warum?

Die Bezeichnung "Psychologe" und "Psychologin" ist erstmal damit behaftet, dass du ein Problem hast oder irgendwas nicht stimmt. Ich habe mit vielen Sportlern gesprochen, die zunächst ähnlich gedacht haben, aber das ist ja völliger Schwachsinn. Wenn man überlegt, wie viele Stunden wir die Woche trainieren, um an unseren physischen Fähigkeiten zu arbeiten, aber im Gegensatz dazu keine Sekunde an unserer mentalen Stärke arbeiten. Du kannst bei 95 Prozent deiner Leistungsfähigkeit sein und der Sportpsychologe hilft dir, die letzten fünf Prozent herauszuholen. Das ist ein Aspekt, der jetzt im Leistungssport eine immer größere Bedeutung bekommt.

"Es ist ein Zeichen an alle Menschen zu zeigen, dass es kein Problem ist, wenn du mental mal nicht ganz fit bist oder über Sachen reden möchtest."

Nicht zuletzt bei den Olympischen Spielen sprachen verschiedene Sportler immer wieder öffentlich auch über mentale Probleme.

Das fand ich sehr mutig und absolut bewundernswert, denn mentale Probleme sind im Leistungssport gang und gäbe und keiner redet darüber. Es ist ein Zeichen an alle Menschen zu zeigen, dass es kein Problem ist, wenn du mental mal nicht ganz fit bist oder über Sachen reden möchtest. Es ist wichtig, dass es normalisiert wird und zum allgemeinen Wohlbefinden einfach dazugehört.

Als neuer Co-Kapitän bei Alba Berlin sind Sie nun auch für das Wohlbefinden Ihrer Mitspieler verantwortlich, damit das ganze Team erfolgreich sein kann.

Ich habe mich sehr darüber gefreut und werde die Rolle sehr ernst nehmen. Es interessiert mich auch für die Zukunft, Kapitän eines Teams zu sein.

Wird sich Ihre Rolle auf dem Feld dadurch ändern?

Ich bin auf dem Feld immer sehr aktiv und kommuniziere viel und das ist vielleicht auch eine kleine Auszeichnung für meine Arbeit bisher. Aber auf mein Spiel wird es keinen großen Einfluss haben. Ich muss weiter hart arbeiten, um meine Minuten zu verdienen.

Kommunikativ müssen Sie in Ihrer neuen Rolle auch außerhalb des Feldes sein. Trotz Ihrer erst 21 Jahre stehen Sie mehr in der Öffentlichkeit als Ansprechpartner für Medien.

Ich war schon oft Ansprechpartner für die Medien und die Pressearbeit ist mir bisher immer recht leichtgefallen. Daher denke ich nicht, dass in der kommenden Zeit große Veränderungen auf mich zukommen.

Jonas Mattisseck (r.) holt sich Tipps von Individualtrainer <br>Carlos Frade.
Jonas Mattisseck (r.) holt sich Tipps von Individualtrainer
Carlos Frade.
Bild: www.imago-images.de / Tilo Wiedensohler

Bei mindestens 34 Spielen in der Bundesliga, 34 Spielen in der Euroleague, die für Sie am Freitag in Barcelona startet, dem Deutschen Pokal und den anschließenden Playoffs müssen sie auch schon immer den nächsten Gegner im Kopf haben. Wie schwer ist es, mental immer voll auf der Höhe zu bleiben?

Das ist eine sehr schwere Angelegenheit und einer der härtesten Aspekte als Profi-Sportler. Unser Spiel ist zudem auf Leidenschaft und viel Energie ausgelegt und es ist total wichtig, dass man das jedes Spiel abruft.

"Wenn wir dann ein Spiel in letzter Sekunde gewinnen und mit den Fans in der Kurve stehen und jubeln, wird das sehr sentimental werden."

Nachdem Alba in den vergangenen Jahren in den Bundesliga-Playoffs oft im Halbfinale oder Finale gescheitert ist, haben Sie jetzt zweimal in Folge die deutsche Meisterschaft gewonnen. Nimmt das den Druck, diese Saison unbedingt erfolgreich sein zu müssen?

Unsere zwei Meisterschaften sorgen für etwas Positives und etwas Negatives.

Wie meinen Sie das?

Die Leute erwarten jetzt ganz andere Sachen von uns, weil wir als eines der Top-Teams in die Saison gehen. Dadurch haben wir auf der einen Seite einen gewissen öffentlichen Druck. Aber für uns persönlich ist es etwas leichter, weil es dann nicht heißt, dass wir es zum dritten Mal nicht geschafft haben. Zudem haben wir nun die Erfahrung, wie wir mit gewissen Situationen und Schwächephasen umgehen müssen.

Jonas Mattisseck (hinten) gilt als einer der besten <br>Verteidiger der Basketball-Bundesliga.
Jonas Mattisseck (hinten) gilt als einer der besten
Verteidiger der Basketball-Bundesliga.
Bild: www.imago-images.de / Tilo Wiedensohler

Hinzu kommen die Fans, denn die Hallen dürfen je nach Bundesland wieder bis zu 70 Prozent ausgelastet werden.

Das wird unglaublich und wir können das kaum erwarten. Wenn wir dann ein Spiel in letzter Sekunde gewinnen und mit den Fans in der Kurve stehen und jubeln, wird das sehr sentimental werden. Und ich glaube, man wird es jetzt einfach ganz anders wertschätzen und es wird eine andere Verbindung zwischen Team und Fans entstehen.

Auch in dieser Saison gelten Alba und der FC Bayern Basketball wieder als große Favoriten auf den BBL-Titel. Doch Sie beide haben ihre Spiele zum Saisonauftakt verloren.

Es wird sich auf dem Feld zeigen, wer die bessere Mannschaft ist. Wichtig wird es, dass du dich über die Saison hinweg steigerst und am Ende die Qualität hast, die Spiele zu gewinnen. Bayern wird extrem heiß sein, uns zu schlagen und wir werden extrem heiß sein, unseren Titel zu verteidigen. Aber auch andere Teams wie Ulm oder Ludwigsburg haben gute Teams. Die BBL wird dieses Jahr sehr stark.

Also droht keine Langeweile wie in der Fußball-Bundesliga, in der der FC Bayern neun Meistertitel in Folge holte?

Das glaube ich nicht. Ich hätte aber auch nichts dagegen, wenn Alba zehnmal in Folge deutscher Meister wird.

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