Unterhaltung
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Derzeit ein gängiges Bild: Talkmasterin Anne Will (l.) sitzt im großen Abstand zu ihren übrigen Gästen, Experten schalten sich per Video in die Sendung. Bild: Screenshot ARD

Analyse

Inhalt, Zuschauer, Werbung: Wie die Corona-Krise das Fernsehen verändert

Das Coronavirus hat Deutschland fest im Griff. Die Auswirkungen der Krise stellen nicht nur Privatpersonen und Angestellte vor Herausforderungen, sondern auch jene, die in dieser unabsehbaren Situation für Information, Einordnung und – nicht unwichtig – Zerstreuung sorgen: die Fernsehsender.

Öffentlich-rechtliche und private Fernsehanstalten müssen in Zeiten von Corona erfinderisch werden. Denn sie haben mit harten Auflagen zu tun: Live-Shows dürfen nur noch ohne Publikum abgehalten werden, Kandidaten oder Gäste in Talkshows müssen einen Mindestabstand einhalten, Umarmungen dürfen nicht mehr stattfinden. Gar nicht so leicht umzusetzen für Sendungen wie "Let's Dance", "The Masked Singer" oder Polittalks wie "Anne Will" und "Markus Lanz".

Wie sich das Fernsehen in der Corona-Krise verändert hat, und welche Maßnahmen die Sender ergreifen – watson gibt einen Überblick:

Zuschauer

Restaurants, Clubs und auch die meisten Geschäfte sind geschlossen. Die Menschen sind angehalten, zu Hause zu bleiben. Kein Wunder, dass Streamingdienste wie Netflix gerade sehr gefragt sind. Aber auch das von vielen bereits totgesagte lineare Fernsehen ist keineswegs abgeschrieben. Die Nutzung steigt sogar an. Das können auch die privaten Sender beobachten.

"Die TV-Nutzungsdauer wächst derzeit entsprechend deutlich. In der Zielgruppe von 14 bis 49 Jahren um 16,8 Prozent im Vergleich zur Vorjahreswoche", sagte ein ProSieben-Sprecher gegenüber watson. "Und das auch bei den jungen Zuschauern von 14 bis 19 Jahren: Hier stieg die Sehdauer im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sogar um über 36 Prozent", hieß es weiter.

Auch bei RTL ist die Zunahme der Zuschauerzahlen zu spüren – beim linearen Fernsehen und auch online. "Die journalistische Gesamtreichweite der Mediengruppe RTL erreichte am 22. März im linearen TV und digital 34,33 Millionen Menschen. 24,23 Millionen Zuschauer nutzten dabei das lineare Fernsehen", teilte RTL watson mit. Auch bei den Unterhaltungsformaten mache sich das bemerkbar. "Die RTL-Show 'Let's Dance' erreichte am vergangenen Freitag mit 4,91 Millionen Zuschauer ab drei Jahren einen neuen Bestwert in diesem Jahr. Mit 3,94 Millionen Zuschauern verzeichnete "Deutschland sucht den Superstar" am Samstag die höchste Reichweite seit Ende Januar", heißt es weiter.

Corona-Krise: Nachrichtennutzung verdoppelt sich bei TV Now

In der Corona-Krise wollen sich die Zuschauer auch online vor allem umfassend über die aktuelle Lage informieren. RTL gab in einer Mitteilung bekannt, dass sich allein beim Streaminganbieter TV Now die Abrufe von "RTL aktuell" im Vergleich zur Vorwoche verdoppelt hätten. Und auch die Nutzung der ntv-Inhalte habe seit dem 13. März im Vergleich zum Vormonat um 71 Prozent zugenommen.

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RTL-Anchorman Peter Klöppel (l.) und seine Kollegin Ulrike von der Groeben. Bild: RTL

Der Konzern stellt deshalb den Usern ab sofort die Livestreams der verschiedenen Sender der Mediengruppe RTL auf TV Now kostenlos zur Verfügung. Das war zuvor nicht der Fall und endet spätestens Ende Juni wieder.

Millionenzuwachs für die "Tagesschau"

Und bei den öffentlich-rechtlichen Sendern? Einen guten Eindruck, wie es um die Informationssucht der Menschen steht, geben die aktuellen Quoten der "Tagesschau". Im Vergleich zur Vorjahreswoche gewann die Nachrichtensendung um 6,1 Prozent an Marktanteil hinzu – durchschnittlich schalten jetzt jeden Abend 13,47 Millionen Zuschauer ein. Auch die Abrufzahlen in der Mediathek sind im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen, wie ein ARD-Sprecher watson sagte: von 26,1 Millionen pro Märzwoche auf 35,8 Millionen.

Das ZDF erklärte in einer Mitteilung, dass sich in Zeiten von Corona "73 Prozent aller 18- bis 75-Jährigen in Deutschland gut oder sehr gut über die Entwicklungen rund um das Virus informiert fühlen." Die mit Abstand meistgenutzte Quelle, um sich über die Entwicklungen rund um das Coronavirus zu informieren, ist dabei mit 64 Prozent öffentlich-rechtliches Fernsehen wie ARD und ZDF (inklusive Internetangebote und Apps).

Ein ZDF-Sprecher sagte watson: "Mit 7 Millionen Visits erreichte die ZDF-Mediathek am 22. März einen neuen Spitzenwert, der nur von der Fußball-WM 2018 übertroffen wird (9,4 Mio. Visits am 27. Juni 2018). Es gibt vor allem eine deutliche Zunahme der Zugriffszahlen auf Informationssendungen. Das erfolgreichste Video darunter ist 'Terra X: Coronavirus – unnötiger Alarm bei COVID-19?' mit 414 Tsd. Sichtungen."

Übrigens: Im Schnitt schaut jeder Deutsche aktuell täglich 252 Minuten lang fern. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr waren es noch 211 Minuten.

Inhalte

Neben den Polittalks von ARD und ZDF sind auch Serienproduktionen von der Corona-Krise betroffen. Das Erste musste bereits reagieren und die Nachmittagsformate "Rote Rosen" und "Sturm der Liebe" in eine zweiwöchige Drehpause schicken. Ob es bei diesen zwei Wochen bleibt, wird sich zeigen. Für rund acht Wochen können die Zuschauer trotzdem noch mit neuen Folgen rechnen.

Auch der Sender Vox muss auf die Corona-Krise reagieren und sein Tagesprogramm umstellen. Betroffen sind alle Inhalte von 14 bis 20.15 Uhr. Das Sendungs-Line-up wird sich zwar nicht ändern, aber man zeige nun keine neuen, sondern bereits gesendete Episoden von "Shopping Queen" und anderen Formaten. Zu den Gründen sagte Vox zwar nichts, aber dass diese Maßnahmen aufgrund der Corona-Krise ergriffen werden, ist mehr als naheliegend. Denn gerade Formate wie "Das perfekte Dinner" oder "Shopping Queen" können aktuell nicht aufgezeichnet werden. Bei RTL wird die Neuproduktion von Serien wie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", "Alles was zählt" und "Unter uns" zunächst auf Eis gelegt.

Schnellere Reaktion bei öffentlich-rechtlichen Sendern

Damit reagiert der Privatsender im Vergleich zum öffentlich-rechtlichen Sender ARD allerdings zögerlicher. Noch vor einer Woche, als die ARD-Telenovelas bereits ihre zweiwöchige Produktionspause beschlossen hatten, erklärte ein Sendersprecher auf watson-Nachfrage, dass bei den Studioproduktionen mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen Maßnahmen diskutiert und angewendet würden. "Besondere Vorsichts- und Hygienemaßnahmen" galten zu dem Zeitpunkt bereits.

Ähnlich zögerlich reagierte auch Vox, als es um das Aussetzen der "Höhle der Löwen"-Produktion ging. Erst gingen die Dreharbeiten mit besonderen Vorsichtsmaßnahmen weiter, dann wurde sich doch dafür entschieden, die Dreharbeiten vorerst ruhen zu lassen.

Wenn es also um den Schutz der Mitarbeiter ging, griff der öffentlich-rechtliche Sender schneller durch. Andererseits muss man immer auch bedenken, dass es bei solchen Entscheidungen auch um Arbeitsplätze geht und Sender wie RTL oder die Produktionsfirmen zudem die wirtschaftlichen Auswirkungen weiter im Blick haben müssen.

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Gottschalk (o.l.), Pocher und Jauch (u.r.) in ihrer "Quarantäne-WG". Bild: Screenshot TV Now

Was die Inhalte an sich betrifft, reagierten die privaten Sender zackiger – zumindest im Hinblick auf neue Unterhaltungsshows, die gerade für die dringend benötigte Zerstreuung sorgen sollen.

Doch die Sender machen aus der Not eine Tugend – und so haben die Verantwortlichen bei Sat.1, RTL, Vox und ProSieben allein in dieser Woche vier neue Formate aus dem Ärmel geschüttelt: Günther Jauch, Oliver Pocher, Thomas Gottschalk, Luke Mockridge und Mark Forster senden live aus ihrer häuslichen Quarantäne, Klaas Heufer-Umlaufs Podcast "Baywatch Berlin" bekommt eine Fernseh-Version.

Private Sender experimentieren mit neuen Shows – nicht ohne Schwächen

Das Ergebnis schrammt oft knapp an einer selbst produzierten Instagram-Story vorbei und kommt nicht ohne Fehler aus. So zeigte sich die RTL-"Quarantäne-WG" geschlossen in weißen Oberteilen vor weißen Wänden, was die Webcams teils überforderte. Mark Forster versuchte in seiner ersten Ausgabe der "Forster Straße" dreimal vergeblich, James Blunt anzuskypen und saß irgendwann verloren in seinem Studio am Schreibtisch. Immerhin klappte es am Ende doch noch. Und: Der Zuschauer bekommt so ungefiltertes, spontanes Live-TV in einer ganz neuen Sparte, das es ohne Corona so sicher nie gegeben hätte.

Werbung

Die privaten TV-Sender leben zum großen Teil von ihren Werbeeinnahmen. Doch wer will und kann derzeit noch werben? Reisen beispielsweise sind momentan nur schwierig an den Mann zu bringen. Denn weder innerhalb noch außerhalb Deutschlands ist ein Urlaubstrip derzeit machbar. Wann das wieder bedenkenlos möglich ist, steht noch in den Sternen. Wieso sollten also Reise-, Event- oder Freizeitanbieter jetzt noch Werbespots buchen? Für die Sender keine leichte Situation.

Ein ProSieben-Sprecher erklärte watson:

"Natürlich spüren auch wir die Herausforderungen der Corona-Pandemie im Werbegeschäft."

Zu konkreten Zahlen könne man sich aber derzeit noch nicht äußern, Anfang Mai würde der Sender dann aber im Rahmen seiner Quartalsberichterstattung Stellung beziehen. Aktuell sei "noch nicht absehbar, welche Konsequenzen das Coronavirus insgesamt auf die allgemeine konjunkturelle Lage, für den Konsum und auf die Werbekunden hat. Wir stehen im engen Dialog mit unseren Kunden und unterstützen mit Beratung und Orientierung", heißt es von Senderseite weiter.

"Auswirkungen der Corona-Situation noch nicht verlässlich abschätzbar"

Bei RTL hält man sich zu diesem Thema bedeckt und verweist auf den Geschäftsbericht zum Jahr 2019, den Hauptanteilseigner Bertelsmann gerade veröffentlicht hat. Darin wird deutlich, dass mögliche Werbeeinbußen dem Konzern wohl nicht allzu stark zusetzen würden. Man fühle sich angesichts des positiven Geschäftsverlaufs "gut gewappnet", um durch die Corona-Krise zu kommen.

Thomas Rabe, Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann, sagte dazu: "Mit der breiten Aufstellung unserer Geschäfte sind wir weniger anfällig für konjunkturelle Schwankungen und können weiter in unsere Zukunft investieren, ohne an die Substanz zu gehen." Auf einen Ausblick für 2020 habe man hingegen "bewusst verzichtet, weil die Auswirkungen der Corona-Situation nicht verlässlich abschätzbar sind", wie das Unternehmen auf Nachfrage von watson erklärte.

Auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern wollte man sich über konkrete Auswirkungen auf Nachfrage noch nicht äußern. Fest steht zumindest: Ihren Informationsauftrag nehmen angesichts der Lage alle Sender sehr ernst.

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