Leben
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Zeige deine Klasse! Diese Autorin erklärt, wie ihre Herkunft sie ewig verfolgt

Sie hat studiert, sie hat einen Doktortitel, und trotzdem stellte Autorin Daniela Dröscher irgendwann fest, dass Familie,ihre  Herkunft aus einer Facharbeiterfamilie, sie weiter verfolgt. In ihrem neuen Buch "Zeige deine Klasse" hat sie ihre Erfahrungen aufgeschrieben. 

Daniala Dröscher wuchs in einem Dorf im Hunsrück nahe Mainz auf, heute lebt sie in Berlin. Für ihren Roman "Die Lichter des George Psalmanazar", erhielt sie 2012 den Koblenzer Literaturpreis.

Wir haben mit ihr über die kleinen Lasten der Familie, Herkunft, Bildung und was in der Schule alles falsch läuft, gesprochen. 

Die liebe Familie

"Steckbrief Ich: Geboren 1977. In: München. Wohnort: Berlin. Ausbildung: Doktor phil. Beruf: Autorin"

"Steckbrief Mutter: Geboren 1951. In: Beuthen/Polen. Ausbildung: Mittlere Reife. Beruf: Fremdsprachenkorrespondentin."

"Steckbrief Vater: Geboren 1946. In: unserem Dorf. Ausbildung: Volksschule. Beruf: Maschinentechniker [später Chefkonstrukteur]. Mutter: Geld ist nicht wichtig. Vater: Geld ist Sicherheit"

"Zeige deine Klasse", S.16, 19

Du unterscheidest "Klasse" und "Schicht". Was verstehst du darunter?
Früher gab es den Begriff der Klasse. In die wird man hineingeboren und sie definiert sich durch Grenzen und Undurchlässigkeit. Dieser Begriff wurde durch Schicht ersetzt. Ein Wort, das Durchlässigkeit suggeriert. Aber eben nur suggeriert.

Die Klasse lebt vom "Wir", die Schicht vom "Ich".

Du hast studiert, lebst als Schriftstellerin im Prenzlauer Berg in Berlin. Dennoch schreibst du von unsichtbaren Grenzen und stillen Codes der Klassen. Was meinst du damit?
Meine Mutter hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Da spielte auch ihre Unrechtserfahrung als Zugezogene aus Schlesien eine Rolle. Sie hat mich und meine Schwester gelehrt: Alle Menschen sind gleich, und wir behandeln alle Menschen gleich. In diesem schönen Selbstverständnis bin ich aufgewachsen. Die Grenzen sind durchlässig, man kann sich verändern. 

Aber irgendwann habe ich gemerkt, hey, es sind nicht alle gleich. Spätestens an der Uni, als es darum ging, elaboriert und schön zu sprechen.

Die Dialektik der Scham

"Wenn ich mich 'nach oben' schäme, also mich mit den Augen derjenigen sehe, die ihre Privilegien als selbstverständlich betrachten, gewähre ich diesen die Macht darüber, meinen gesellschaftlichen Wert zu bestimmen. Diese Scham sucht die Unsichtbarkeit. Das Versteck. Sie lähmt."

"Zeige deine Klasse", S. 24

Wie hat sich die Scham in deinem Leben gezeigt?
Auf dem Dorf ging es eher um eine Scham 'nach unten'. Da hieß es immer, grenze dich nicht ab, etwa durch Geld, sondern zeig', dass du dazugehörst. Später nach dem Studium kam eine Scham 'nach oben' dazu. Irgendwann hatte ich Freundinnen in der Stadt, die hatten ganz selbstverständlich Personal oder sind mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein aufgetreten.

Nämlich wie?
Die Sprache ist der größte Unterschied. Dabei geht es nicht allein um den Sprachschatz. Ich habe auch nie richtig Dialekt gesprochen, aber diese neue, schöne Sprache musste ich mir erst aneignen. Es gibt eben eine gewisse Selbstverständlichkeit, sich in einem Milieu zu bewegen. Mit welchem Selbstbewusstsein spricht man und meldet sich in Debatten zu Wort.

Die liebe Familie II

"Foto Mutter: Augen: groß, grün. Haar: hellbraun, lockig. Gesicht: rund, hohe Wangenknochen. Besonderheiten: ‚übergewichtig‘. Typ: Marianne Sägebrecht."

"Foto Vater: Augen: schwarz. Haar: blond, glatt, Seitenscheitel. Gesicht: feminin. Besonderheiten: Brille, Typ/Familienähnlichkeit. Schauspieler Helmut Fischer/Monaco Franze."

"Zeige deine Klasse", S. 41

Geht es bei dir um einen Aufstieg aus dem ländlichen Milieu oder einer klassischen 70er-Jahre Facharbeiter-Aufstiegsfamilie?
Beides. Natürlich hat das Landei-Gefühl mit der ländlichen Herkunft zu tun. Das Dorf ist klassenübergreifend und eine eigene soziale Welt. Der Prenzlauer Berg in Berlin ist da etwas ganz Anderes. Ich habe hart daran gearbeitet eine Idee von Familie zu entwickeln, die sich nicht bürgerlich anfühlt.

Und das bedeutet?
Meine Mutter hatte immer eine Art Imperativ, der lautete, nicht besser zu sein als andere. Weil es immer den Verdacht gab, da will sich jemand erheben über andere. Und das steckt bis heute in mir drin. Eine Freundin sagt immer: 'Habitus erkannt, Habitus gebannt.' Das ist aber nicht so. Ich muss mit beiden Welten leben.

Ich glaube sogar, dass beide Welten sehr viel voneinander lernen können, die dörfliche und die urbane, die intellektuelle und die nicht-intellektuelle.

Die berühmte Augenhöhe, darin liegt ein tiefes Glück.

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  • 43%Ja, die Schnösel mit Button-Down-Hemd nerven, nicht nur in der BWL-Vorlesung.
  • 40%Nö, ist eben wie überall. An der Ampel fahren auch nicht alle mit Opel Corsa an.
  • 11%Mir egal. Digital 1st, Bedenken 2nd. Läuft bei mir! Okay, Papi besorgt den Praktikumsplatz und bei der Bachelorarbeit hat Mama den Statistikteil gemacht. Aber das ist doch normal.

Du hast gesagt, die dörfliche Welt sei "klassenübergreifend". Wie meinst du das?
Das Dörfliche hält auf jeden Fall klassenübergreifende Räume bereit: Es gibt nur einen Sportverein, eine Dorfkneipe oder – wie in meinem Fall – einen Chor für alle Kinder des Dorfes. Auch für die, die nicht so schön singen. 

An solchen Orten lässt sich Gesellschaft einüben.

In Großstädten fehlen diese gesamtgesellschaftlichen Räume. Schulwahl ist extrem wichtig und die Abgrenzung nach unten. Bildung spielt eine große Rolle in deinem Buch. Auch Chancengleichheit. Verschreckt 'Bildung' nicht alle jene, die mit der Institution Schule nicht so gut zurecht kommen?
Beim Bildungsbegriff meiner Eltern ging es nicht um, mach Abitur, dann verdienst du mehr. Es ging eigentlich um Herzensbildung, mach das, was dir Spaß macht. Egal, ob Musik oder Sport. Suche dir eine Passion und lebe diese Passion. Das finde ich heute noch pädagogisch super.

Was muss Schule leisten?
Fehler zulassen. Der Fehler ist erlaubt. Der Fehler ist konstruktiv, aus Fehlern lernen wir. Das Schlimmste sind Noten als Sanktionierung.

Dalei Lama Schule Glück

Bild: imago montage

Du bist eine "West-Autorin". Dein Buch stößt auch im Osten auf großes Interesse. Woran liegt das?
Wolfgang Thierse hat nach der Wende gesagt: 'Wir müssen uns unsere Biografien erzählen.' Und das ist nicht passiert. In meinem Buch liegt nun der Westen unter dem Brennglas. Eine Kollegin sagte, endlich liegt der Westen mal auf der Couch. Das ist, glaube ich, für viele interessant, gerade auch in Ostdeutschland. 

Ich erzähle das Drama der Normalität. Vielleicht wirft das Buch einen Ring ins Wasser und man erzählt eine Geschichte. Über Scham sprechen eben.

Der Buchtitel "Zeig deine Klasse" ist ein Imperativ. Wie ist das zu verstehen?
Es ist eine Anspielung an Joseph Beuys 'Zeig deine Wunde'. Es ist die Aufforderung, seid offen, sprecht darüber, macht euch verletzlich. Denn, wenn wir Gefühle ändern, dann ändern wir die Realität.

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