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Schöne Wohnung und Kind: Das geht selten gut zusammen. (Symbolbild) Bild: Moment RF / Elva Etienne

watson-Kolumne

Die schönen Zeiten sind vorbei: Wie Flecken und Essensreste den Alltag einer Mutter bestimmen

"Schonungslos ehrlich" – die Mama-Kolumne ohne Insta-Filter

Ich erinnere mich noch gut, als wir keine Kinder hatten und eines Abends die Wohnung meiner Schwägerin verließen. Sie hatte uns gerade erklärt, dass sie ihr mit Flecken übersätes Ikea-Sofa nicht austauschen würde, solange ihre Kinder noch klein seien. Denn solange nicht auszuschließen sei, dass diese ein weiteres Mal ihren Blasen- und Mageninhalt darauf entleeren würden, würde sich das nicht lohnen.

Wir waren entsetzt. Und schworen uns, dass wir unsere Einrichtung nie nach unseren zukünftigen Kindern richten würden. Die hätten sich gefälligst anzupassen.

Die Situation heute? In unserem Wohnzimmer steht das alte Sofa meiner Eltern. Die meisten Gebrauchsspuren sind beim Waschen des Bezugs verblasst, einige sind geblieben. Wie es dazu kam?

Richtig schöne Möbel wird es in unserer Wohnung erst wieder geben, wenn mein Sohn älter ist

Natürlich besaßen wir ein wunderschönes Sofa, als unser Sohn zur Welt kam. Um es während meiner Dauer-Stillerei zu schonen, hängten wir es monatelang mit Decken ab. Als mein Mann drei Jahre später beschloss, es sei ihm zu unbequem geworden, verkauften wir es. Meine große Chance, endlich das Designer-Sofa meiner Träume anzuschaffen.

Ich ließ mich im Flagshipstore bezüglich der Stoffauswahl beraten. Ich wollte Samt und zwar genau diesen wunderschön kräftigen Fliederton. Als die Verkäuferin erfuhr, dass wir ein 3,5 Jahre altes Kind hatten, riet sie mir dringend ab. Zu empfindlich. Stattdessen schickte sie mich mit Alcantara-Proben nach Hause. Da könnte man selbst Kuliflecken auswaschen. Die Farbpalette war jedoch so langweilig. Ich konnte mich nicht durchringen, einen Haufen Geld für einen Kompromiss auszugeben. Aber Samt?

Das Sofa ist die persönliche Spielwiese unseres Sohnes. Darauf hüpft er, als wäre es ein Trampolin. Daran schmiert er seine Hände ab, wenn er mich provozieren möchte. Und auch wenn es schon lange nicht mehr vorkam, dass er bei seinem seltenen Mittagsschlaf auf dem Sofa in die Hose pinkelt, würde ich es nicht hundertprozentig ausschließen.

"Als der erste Kratzer im Leder des Vitra Lounge Chairs meines Mannes auftauchte, bekam er die Krise. Inzwischen nennen wir es Patina."

Am Ende ließen wir es. Und übernahmen erst mal übergangsweise das alte Sofa meiner Eltern. "Lass uns ein richtig Schönes kaufen, wenn er größer ist." Und weil ich keine bessere Idee hatte, konnte ich nur zustimmen.

Als der erste Kratzer im Leder des Vitra Lounge Chairs meines Mannes auftauchte, bekam er die Krise. Inzwischen nennen wir es Patina. Kein Nerv mehr, ständig aufzupassen. Und genau so sieht unser einst hübsch zusammengestelltes Wohnzimmer auch aus. Meine geliebte Gubi-Stehleuchte haben wir verbannt, nachdem sie umgefallen und der Lack abgeplatzt war. Jetzt fristet sie ein trauriges Dasein im Abstellraum. An den farbigen Wänden sind alle zehn Finger unseres Sohnes als Fett-Abdruck zu erkennen. Im Flur hat er das wunderschöne Aquamarin der Firma Little Green Company an insgesamt drei Stellen mit Kugelschreiber-Werken veredelt. Aber jetzt schon überstreichen? Lohnt sich nicht, wer weiß, was da noch kommt.

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Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonungslos ehrlich. Bild: Emmy Lupin Studio

Unsere Autorin...

... wurde mit Anfang 30 Mutter. Und kommt noch immer nicht damit klar, dass ihr altes, schönes Leben seitdem vorbei ist. Sie ist wütend, dass Eltern nie den Mut hatten, zu erzählen, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu haben. Aus diesem Grund legt sie alle zwei Wochen den Finger in die Wunde – und berichtet schonungslos. Und weil sie weiß, dass Mütter sehr giftig werden können, wenn es um ihr Heiligstes geht, bleibt sie lieber anonym. Die täglichen Entrüstungsstürme ihres Sohnes reichen ihr völlig aus.

Ich sehe es nicht ein, im Übergangsmodus zu leben

Ich bin wirklich kein Sauberkeits-Fanatiker. Aber wenn mein Sohn zum fünften Mal neben die Toilette pinkelt, der halbe Sandkasten sich erst in unserem Flur und dann im Wohnzimmer befindet und der Sisal-Teppich unter dem Esstisch bald anfängt zu leben, weil er täglich mit Essensresten gefüttert wird, dann reicht es irgendwann.

Doch wie sollen wir dem ausweichen? Ich habe genug Freunde, die ihre Wohnsituation auf funktional umgestellt haben. Sie verzichten auf gemütliche Teppiche und legen transparente Schutzmatten unter die Kinderstühle. Sie verlegen kein Parkett, sondern Vinyl, weil das kratzfester ist. Sie kaufen ausschließlich Ikea-Möbel, solange die Kinder klein sind. Sie leben in einem Übergangsmodus, in einer Welt, die eigentlich nicht ihrem Geschmack entspricht.

"Ein Baby mag es noch nicht verstehen, aber ein Dreijähriger ist sehr wohl in der Lage, Dinge zu wertschätzen."

Das sehe ich aber nicht ein! In einem Showroom zu leben und sich täglich abzustressen, weil man das Kind vor jeder Berührung darauf hinweisen muss, nichts dreckig oder kaputtzumachen, ist auch keine Option. Und trotzdem finde ich es wichtig, dass ein Kind lernt, mit gewissen Dingen vorsichtig umzugehen. Ein Baby mag es noch nicht verstehen, aber ein Dreijähriger ist sehr wohl in der Lage, Dinge zu wertschätzen. Ein Sessel, der in Handarbeit hergestellt wurde und für den wir bewusst gespart haben, muss nicht mit einem Messer bearbeitet werden. Also wie finde ich das Mittelmaß?

Über Sand, Rindenstücke und trockene Essensreste schaue ich inzwischen großzügig hinweg. Weil sie sich – theoretisch – aufsaugen lassen. Das Sofa bleibt erst mal, weil es ok aussieht und ich in einem Samtstoff aktuell tatsächlich keinen Sinn sehe. Ich bringe gerade meinem Sohn bei, dass vom Tisch aufstehen bedeutet, die Hände mit einem bereitstehenden Papiertuch abzuwischen. Und bewusstes Zerstören unserer Möbel wird weiterhin mit unkontrollierten Schreianfällen und drohender Bestrafung (kein Conni am Wochenende!) meinerseits kommentiert.

"Das kommt doch alles wieder" – Das reicht mir nicht

Wenn ich von Optik und Ästhetik spreche, meine ich nicht nur unsere Einrichtung oder den Sauberkeitsgrad unseres Haushalts. Ich habe für Modemagazine geschrieben und mich für Designerkleidung begeistert. Ein bestimmter Stoff in Kombination mit einem gewissen Muster und einem außergewöhnlichen Schnitt ließen mich mein Portemonnaie zücken.

Inzwischen sind diese Kleidungsstücke nur noch eine Erinnerung an mein scheinbar ehemals glamouröses Leben. An dem Tag, an dem ich den Krankenhauskittel nach der Geburt ablegte, schlüpfte ich in Baumwollpullis, in denen ich zwei Jahre lebte. Erst das Stillen und Spucken, dann die ständig dreckigen Hände des Kindes und immer überall Essensreste.

"Wenn ich schon so viel Zeit mit Kind zu Hause verbringe, möchte ich mich zumindest an dem Anblick eines jeden einzelnen Raumes erfreuen. Und gerne auch mal wieder an meinem eigenen beim Blick in den Spiegel."

Ich erinnere mich an einen kleinen Ausreißer bei der Hochzeit meiner Schwester. Ich hatte mir ein wunderschönes Seidenkleid von einem meiner Lieblingsdesigner gekauft. Das Bedürfnis nach etwas Besonderem, nach einem Hauch Glamour, nach Schönaussehen war groß geworden. Und dann? Jedes Mal, wenn ich stillte, musste ich meinen kompletten Oberkörper entblößen, weil das Kleid lediglich einen Reißverschluss am Rücken hatte. Und die Spuckflecken des Kindes auf der Seide sind bis heute wie eine Mahnung an mich: Vergiss es! Die Zeiten sind vorbei. Ab jetzt nur noch Baumwoll-Kleider.

Das kommt doch alles wieder, bekomme ich so oft zu hören. Aber das reicht mir nicht. Wenn ich schon so viel Zeit mit Kind zu Hause verbringe, möchte ich mich zumindest an dem Anblick eines jeden einzelnen Raumes erfreuen. Und gerne auch mal wieder an meinem eigenen beim Blick in den Spiegel.

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