Zwischen den vielen Berichten über die verheerenden Feuer in und um Los Angeles, ist eine Nachricht fast untergegangen: Das Jahr 2024 war seit Messbeginn das erste, das weltweit im Schnitt über 1,5 Grad wärmer als im vorindustriellen Mittel gewesen ist.
Damit war es zugleich das wärmste je gemessene Jahr, wie der Klimawandeldienst des EU-Programms Copernicus berichtete. In den vergangenen Monaten hatte Copernicus bereits ähnliche Vorab-Schätzungen präsentiert.
Das Jahr sei neuesten Daten zufolge sogar 1,6 Grad wärmer als die geschätzte Mitteltemperatur von 1850 bis 1900 gewesen. Zugleich gehörte jedes der letzten zehn Jahre (2015 bis 2024) zu den zehn wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen.
Solche Fakten stimmen einen natürlich wenig optimistisch – erst recht, wenn man die schrecklichen Bilder aus Los Angeles sieht. Aber was bedeutet das nun? Geraten wir in einen Strudel aus Klimakatastrophen, aus dem es kein Entkommen gibt? Oder existiert doch noch ein Quäntchen Hoffnung?
Feststeht: Das Pariser Klimaabkommen ist offiziell noch nicht gescheitert. Denn das 1,5-Grad-Ziel bezieht sich in der Regel nicht auf ein einzelnes Jahr, sondern auf einen längeren Zeitraum, meist das Mittel von 20 Jahren.
So erklärt es auch Nico Wunderling vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) gegenüber watson: "Die 1,5-Grad-Marke wurde in einem einzelnen Jahr überschritten, jedoch handelt es sich hierbei nicht um ein dauerhaftes Überschreiten der Grenze."
Auch wenn es zunehmend schwieriger werde, ist es aus Wunderlings Sicht immer noch möglich – nach zeitweisem Überschreiten – wieder zurück zur 1,5-Grad-Marke zu kommen.
Im Moment haben viele Menschen wohl dennoch die Befürchtung, dass die 1,5-Grad-Marke auch in den kommenden Jahren immer wieder gerissen wird. Kann man denn wenigstens darauf hoffen, dass sich die Erde um nicht mehr als zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter erwärmt?
Wenn alle Zusagen und Ziele eingehalten werden würden, erklärt Wunderling, würde die Menschheit knapp über zwei Grad herauskommen. Angesichts der politischen Lage hält er das aber aktuell nicht für realistisch.
Im Gespräch mit watson stellt er klar:
Manchen drängt sich angesichts solcher Aussichten die Frage auf, wie sinnvoll es überhaupt noch ist, am Ziel von 1,5 Grad oder selbst von 2 Grad festzuhalten. Der renommierte Klimawissenschaftler Mojib Latif erklärte der Deutschen Presse-Agentur bereits im November vergangenen Jahres, dass der Fokus auf ein zwanzigjähriges Mittel in Bezug auf die Erderwärmung unsinnig sei.
Der Treibhausgas-Ausstoß sei auch im Jahr 2023 wieder historisch hoch gewesen, alle Klimaparameter wiesen in die falsche Richtung. Es sei absolut klar, dass die Erderwärmung weiter zunehmen werde – für eine Bestätigung müsse man keine 20 Jahre warten. "Ohnehin ist es lächerlich, sich noch am 1,5-Grad-Ziel orientieren zu wollen", wurde Latif zitiert.
Wunderling vom PIK hält es dagegen weiterhin für sinnvoll, an den gesteckten Zielen festzuhalten. Denn: "Die Auswirkungen des Klimawandels sind jetzt schon überall auf der Welt zu spüren und werden umso stärker, je weiter wir die globale Temperatur nach oben treiben". Ein Beispiel seien die extremen Wald- und Buschbrände in Kalifornien derzeit.
Beim Überschreiten von 1,5 oder 2 Grad bestehe zudem das Risiko, Kippelemente zu verlieren. Als Beispiel nennt der Klima-Experte den Golfstrom, den Amazonasregenwald und die großen Eisschilde auf Grönland und der Westantarktis.
Wunderling stellt deshalb klar: "Die globale Erwärmung ist ein Maß, wie stark wir Menschen den Planeten bisher schon beeinflusst haben und bleibt daher weiterhin sehr wichtig und aussagekräftig."
(mit Material von dpa)