happy woman holding plate with tasty sushi in restaurant
Unsere Autorin liebt Sushi, vor allem Lachs. Doch sie lebt vegan und sucht deshalb nach Alternativen.Bild: iStockphoto / LightFieldStudios
Vegan-Kolumne

Das Sushi-Dilemma – zwischen Lieblingsgericht und Leid

02.06.2022, 07:01

"As vegan as possible" – die watson-Kolumne zu vegetarischem und veganem Leben

Theresa Schwab
Theresa Schwab
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An Tagen, an denen ich mich dringend belohnen muss, bestelle ich mir eine "Deluxe Big Roll" mit kross frittierten Garnelen und Avocado, umwickelt mit Lachs, Thunfisch und Avocado, dazu Topiko-Topping und Spicy-Majo-Sauce. Würde mich jemand in ein Restaurant ausführen wollen, würde ich mich immer für die japanische Küche entscheiden. Und als ich zweimal im Krankenhaus lag, weil ich am Tag zuvor ein Kind geboren hatte, habe ich mir von meinem Mann ein Sushi-Menü aufs Zimmer gewünscht.

Auf die Geschmackszusammensetzung aus salzigen Meeresalgenblättern, gesüßtem Reis, zart schmelzendem Lachs, cremiger Avocado und würzigem Umami der Sojasauce hatte ich die gesamte Schwangerschaft, in der roher Fisch vermieden werden sollte, hingefiebert.

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Über die Autorin
As vegan as possible – das beschreibt Theresa Schwab am besten. In ihrer Kolumne berichtet die freie Journalistin über positive Erkenntnisse, über Anstrengungen und darüber, warum es okay ist, manchmal im Alltag an einem nicht-tierischen Lebensstil zu scheitern.

Bis heute ist Sushi für mich kein Alltagsessen, das ich schnell mal abends an der Asia-Theke im Supermarkt mitnehme. Für mich haftet diesem Gericht nach wie vor etwas Besonders an, etwas Luxuriöses. Ich zelebriere noch immer jedes einzelne Stück und bin bereit, für gute Qualität und kreative Zusammensetzungen einiges an Geld auszugeben.

Doch dann kam 2021 die viel diskutierte Netflix-Doku "Seaspiracy" heraus, in der es um die Auswirkungen der industriellen Fischerei geht. Anfang des Jahres schaffte ich es endlich, mir den Film anzusehen und auch wenn er teilweise sehr reißerisch aufgemacht ist, stieß er ein Thema bei mir an, das in den letzten Jahren in den Hintergrund geraten war: Fisch.

"Welche weitgreifenden Folgen diese zum Teil menschen- und tierverachtende industrielle Fischerei mit sich bringt, war mir nicht bewusst."

Vor langer Zeit hatte ich die Worte "ihre Schreie sind stumm" gelesen und es ist sicher etwas Wahres daran. Fische sind für mich keine Lebewesen, die mich emotional berühren. Was mich jedoch sehr wohl berührte, waren die Bilder, in denen halbtote Fische nach Luft japsten, Wale und Delfine abgeschlachtet wurden und verbluteten und ganz besonders, welche Auswirkungen ein leergefischtes Meer, zerstörte Ökosysteme sowie Plastik-Fischernetze, die im Meer treiben, auf uns Menschen haben. Oder besser gesagt: auf meine beiden Kinder und ihre Nachkommen haben werden.

Natürlich waren mir die Begriffe Beifang, Schleppnetze, Plastikmüll und Zerstörung der Riffe als Problematiken bekannt. Doch welche weitgreifenden Folgen diese zum Teil menschen- und tierverachtende industrielle Fischerei mit sich bringt, war mir nicht bewusst.

Ich habe gelernt, dass ich für folgende drei Punkte verantwortlich bin, wenn ich Fisch konsumiere:

1. Wie Klima und Meeresbewohner zusammenhängen

"Wenn Delfine, Wale und Haie sterben, stirbt der Ozean und somit auch wir", heißt es etwas dramatisch in der Doku. Wahr ist: Diese Meerestiere sind essenziell für den Ozean und somit auch für uns. Denn Wale und Delfine produzieren Nährstoffe für Phytoplankton, das pro Jahr viermal so viel Kohlenstoff wie der Amazonas-Regenwald aufnimmt und bis zu 85 Prozent unseres Sauerstoffs erzeugt. Haie sorgen dafür, dass das Meer und die Fischschwärme gesund bleiben, sie erhalten die Ökosysteme und Korallenriffe.

Die größte Bedrohung? Der kommerzielle Fischfang. Über 300.000 Wale und Delfine sterben pro Jahr als Beifang – allein 10.000 Delfine an der französischen Atlantikküste. Die Hälfte der getöteten Haie sind ebenfalls Beifang von kommerziellen Fischerflotten. In Japan werden Delfine sogar bewusst getötet, weil sie eine Konkurrenz für die Fischer darstellen. Delfine fressen zu viele Fische – eine weitere Folge der Überfischung.

"Schleppnetzfischerei vernichtet jährlich über 1,5 Milliarden Hektar Meeresboden."

Zudem kommt das Ökosystem nicht nur durch die Entnahme der Fische ins Wanken, sondern auch durch die Art und Weise. Schleppnetzfischerei vernichtet jährlich über 1,5 Milliarden Hektar Meeresboden.

2. Das eigentliche Problem des Plastikmülls

Fast jeder kennt sie: Bilder von gestrandeten Walen, deren Mägen mit Plastikmüll gefüllt sind. Was ich nicht wusste? Das im Meer umhertreibende Plastik besteht zu einem Großteil aus Fischereizubehör, darunter 46 Prozent Fischernetze.

3. Menschenrechtsverletzungen

Rund 60 Prozent des Fischimports stammt aus Ländern, in denen die Arbeitsbedingungen zum Teil schlecht bis katastrophal sind. In Thailand ist sogar von Sklaverei an Bord die Rede. Ein thailändischer Ex-Mitarbeiter erzählt von Misshandlungen, Missbrauch und Mord.

Bliebe nun die Aquakultur als Alternative für Sushi-Lachs? Wie ich lerne, ist Fischzucht auch nur eine Art verkappter Wildfang. Denn die Herstellung des Futters von Zuchtspeisefischen benötigt mehr Fische als man am Schluss herausbekommt. Dazu kommen in der industriellen Massenhaltung die Themen Umweltverschmutzung, und Krankheiten.

"Wie ich lerne, ist Fischzucht auch nur eine Art verkappter Wildfang."

Was dann? Ich recherchiere nach einem veganen Sushi-Restaurant in meiner Nähe und teste das Menü. Besonders interessiert mich die Lachs-Alternative, denn ja, Gurken- oder Avocado-Makis sind nettes Beiwerk, aber keine wirkliche Geschmacksexplosion. Zuvor habe ich in einem Biosupermarkt den "Räucher Lax" von Rice Up gekauft – marinierte und geräucherte Karottenschnitzel. "Lecker für Sushi" stand auf der Packung.

Es schmeckte tatsächlich so köstlich, dass ich es in Zukunft für mein Abendbrot einplanen werde, aber nicht für Sushi. Denn mal ehrlich: Lachs schmeckt doch dann am besten, wenn er zart auf der Zunge zergeht, aber neutral im Geschmack bleibt, auf gar keinen Fall eine typische Fischnote und eben auch keine marinierter Räuchernote aufweist.

Und nun zurück zu meinem veganen Sushi-Restaurant: Die Inside-Out-Rollen mit "veganem Lachs" kamen in Konsistenz und Geschmack dem Original tatsächlich extrem nahe. Ich fragte nach, welche Alternative hierfür verwendet worden war und bekam die Antwort: Tapioka. Tapiokastärke, die aus der Maniokwurzel hergestellt wird, ist auch in dem viel gelobten Vegan-Lachs der Marke Vegan ZeaStar enthalten, das laut der Vegan-Community dem echten Fisch am nächsten kommen soll. Leider ist es nicht in allen gängigen Supermärkten zu bekommen.

Was mich, neben all den Grausamkeiten der Doku, ebenso bewegt, ist die Antwort auf die Frage, ob Fische Schmerzen haben. Die interviewte Ozeanografin Sylvia Earle kann nicht verstehen, wieso man Fische derart barbarisch behandelt, denn "Fische haben ein Nervensystem. Sie verfügen über alle Grundbausteine, die auch Wirbeltiere besitzen. Sie haben die Fähigkeit zu fühlen, auf einer für uns kaum vorstellbaren Ebene. Wir spüren Schmerz und Berührung. Fische wiederum haben sogenannte Seitenlinienorgane, mit denen sie kleinste Strömungsänderungen wahrnehmen können." Neben dem Empfinden von Schmerz und Angst können auch Fische ein komplexes soziales Leben führen.

"Ich sehe mein Sushi inzwischen mit völlig anderen Augen."

Ich sehe mein Sushi inzwischen mit völlig anderen Augen. In welchem Verhältnis steht mein kurzer Genuss zu Verletzung von Menschenrechten, unserer Gesundheit, Klimaauswirkungen, Zerstörung unseres Planeten und zuletzt – zu dem Schmerz, den diese Tiere stumm ertragen müssen? Und wieder einmal ist es an der Zeit, ein weiteres tierisches Produktfeld neu zu denken. Tapiokastärke, ich setze auf dich!

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