Jürgen Klopp zeigt sich am Spielfeldrand unzufrieden.
Jürgen Klopp zeigt sich am Spielfeldrand unzufrieden.
Bild: www.imago-images.de / Andrew Yates
Analyse

Drei Gründe, warum Jürgen Klopp und der FC Liverpool in der Krise stecken

06.03.2021, 10:3509.03.2021, 14:47

Als der ruhmreiche FC Liverpool im Stadion Anfield Road endgültig auf das Niveau eines "Pub Teams" gesunken war, verschlug es sogar dem sonst so wortgewaltigen Jürgen Klopp kurz die Sprache. "Es ist wirklich schwer, eine große Aufgabe. Mein Englisch reicht nicht aus, um das in Worte zu fassen", sagte Klopp nach dem niederschmetternden 0:1 am Sonntag gegen den Abstiegskandidaten FC Fulham, der sechsten (!) Heimniederlage hintereinander. Denn die Reds straucheln immer mehr, die Saison droht für den Titelverteidiger zum Desaster zu werden.

Erlebt er vor dem Achtelfinal-Rückspiel in der Champions League gegen RB Leipzig am Mittwoch einen der Tiefpunkte seiner 20-jährigen Trainerkarriere? "Ich wünschte, ich könnte nein sagen. Aber ja, das ist so", sagte Klopp und lächelte gequält. Die missliche Lage über Nacht zu verbessern käme "einem Meisterstück" gleich, gab er zu. Der einzige Lichtblick: "Gottseidank spielen wir jetzt in einem anderen Wettbewerb." Denn in der Premier League steht der FC Liverpool bereits sieben Punkte hinter Platz 4, der zur Teilnahme an der Champions League berechtigen würde.

Die Gründe für die Krise ziehen sich bereits durch die komplette Spielzeit und sind vielschichtig.

1. Mentale und körperliche Müdigkeit

Jürgen Klopps Idee von Fußball ist für die Spieler sehr intensiv und funktioniert nur, wenn jeder Akteur auf dem Platz mindestens 100 Prozent gibt. Bei gegnerischem Ballbesitz müssen die Spieler genau erkennen, wann der Zeitpunkt gekommen ist, den Gegner zu attackieren – und das in einem enorm hohen Tempo. Schaltet auch nur ein Spieler nicht schnell genug oder sogar gedanklich total ab, ist die Laufarbeit seiner Mitspieler hinfällig. Sind nicht alle Spieler fokussiert, kostet das enorm viel Kraft.

Ähnlich verhält es sich bei Ballverlusten. Jürgen Klopp will, dass seine Mannschaft direkt den gegnerischen Spieler wieder unter Druck setzt. Auch das funktioniert nur, wenn alle zu 100 Prozent bei der Sache sind und bissig in den Zweikämpfen bleiben.

"Es geht nicht um Taktik oder so. Man muss die Widerstände aushalten. Es geht darum, Herz zu zeigen. Was nicht heißt, dass sie das nicht gemacht haben. Aber es geht um die letzten, entscheidenden zwei, drei, vier Prozent." Er nehme sich von der Kritik aber nicht aus, betonte Klopp.

Alle drei Tage ein Spiel für den
FC Liverpool

Bei der Spielart des 53-Jährigen ist es normal, dass über die Zeit gewisse Verschleißerscheinungen auftreten. Dies wurde nun noch einmal durch den engen Spielplan in Zeiten der Corona-Krise mit den zahlreichen nationalen Wettbewerben in England sowie der Champions League verschärft. Es gibt für Liverpool fast nie mehr als drei Tage Zeit zur Erholung. Für die Spieler ist es aber absolut unmöglich, jedes Spiel mit der gleichen Intensität anzugehen. Andere Teams sind einfach ausgeruhter und frischer.

Seit Klopp 2015 angetreten ist, ging es für den FC Liverpool stetig nach oben. Der Aufwärtstrend gipfelte im Gewinn der Champions League 2019 und der ersten Meisterschaft seit über 30 Jahren in der vergangenen Saison.

"Ich glaube, das ist einfach eine mentale Müdigkeit, denn was willst du noch erreichen? Du hast nur eine kurze Sommerpause und dann musst du wieder etwas tun, das du eigentlich schon allen bewiesen hast", schätzt auch England-Experte Joachim Hebel gegenüber watson ein.

Dass auch Liverpool in diese schwierige Phase kommen würde, sei vollkommen normal. "So wie es bisher für Klopp lief, ist es absolut nicht selbstverständlich."

2. Verletzungspech

Natürlich könnte Jürgen Klopp die mentale und körperliche Müdigkeit seiner Spieler versuchen abzufedern, indem er viel rotiert und seinen absoluten Stars regelmäßige Pausen gönnt. Doch Liverpool ist in der aktuellen Saison von einem enormen Verletzungspech geplagt.

Im Sommer wechselte beispielsweise Thiago Alcantara vom FC Bayern nach Liverpool. Er sollte das Spiel nochmal auf eine andere Ebene heben. Seine ersten zwei Einsätze waren vielversprechend, doch dann folgten eine Corona-Infektion und eine schwere Knieverletzung, die ihn zu zwei Monaten Pause zwang. Da er zudem keine Vorbereitung mit der Mannschaft absolvierte, dauert auch seine Eingewöhnungsphase noch an.

Auch die vielgelobte Defensive um Torhüter Alisson Becker ist enorm anfällig. Mit 35 Gegentoren hat Liverpool die schwächste Defensive der Top-7-Mannschaften der Premier League.

Torhüter Alisson leistet sich unerklärliche Aussetzer. Der Ausfall von Abwehrchef Virgil van Dijk, der sich Mitte Oktober einen Kreuzbandriss zuzog, wiegt zudem schwerer als angenommen. Zumal auch seine Ersatzleute Joel Matip und Joe Gomez enorm verletzungsanfällig sind. Gomez fällt aktuell ebenfalls mit Patellasehnenproblemen aus und Matip mit einer Knöchelverletzung. Ob beide in dieser Saison noch einmal auf dem Feld stehen, ist fraglich.

Um als Innenverteidiger gegen Stürmer wie Timo Werner (r.) zu bestehen, fehlt Fabinho die nötige Schnelligkeit.
Um als Innenverteidiger gegen Stürmer wie Timo Werner (r.) zu bestehen, fehlt Fabinho die nötige Schnelligkeit.
Bild: www.imago-images.de / Oli Scarff

So kam es, dass Klopp zeitweise mit Fabinho oder Kapitän Jordan Henderson gelernte zentrale Mittelfeldspieler in der Innenverteidigung aufbieten musste. Aktuell fehlt auch Kapitän Henderson nach einer Leisten-OP. Er wird erst Anfang April zurückerwartet. Immerhin konnte Fabinho gegen Chelsea sein Comeback feiern. Doch auch der 27-Jährige hat in dieser Saison immer wieder mit muskulären Problemen zu kämpfen.

Zwar verstärkten sich die Reds im Winter noch mit Schalkes Ozan Kabak, doch der 20-Jährige erwischte mit einem krassen individuellen Fehler einen unglücklichen Start. Er braucht einfach noch Zeit, um sich an das Niveau zu gewöhnen. Zumal seine Nebenleute mit Rhys Williams (20 Jahre/zwei Premier League Spiele) und Nathaniel Philipps (23/acht Spiele) auch alles andere als erfahrene Top-Leute sind.

3. Die fehlende Chancenverwertung

Mit 47 Toren nach 27 Spielen hat der FC Liverpool die drittbeste Offensive der Liga, aber dennoch ist die Verwertung von Chancen in dieser Spielzeit ein enormes Problem.

Aus viel Ballbesitz übt Liverpool zu wenig Druck auf den Gegner aus und kreiert zu wenige Chancen. "Unser Problem ist die letzte Entscheidung, der letzte Pass. Der ist so oft zu kurz, nicht hart genug, nicht überzeugend genug", sagte Klopp am vergangenen Donnerstagabend und verfiel in Durchhalteparolen. "Es ist einfach ärgerlich, immer und immer wieder über dieselben Dinge zu reden. Es ist schwierig."

Salahs Berater äußert sich kryptisch

Zwar steht auch Top-Star Mohamed Salah in dieser Saison bei 24 Treffern, doch die Stimmung zwischen ihm und Jürgen Klopp ist aktuell nicht die beste.

Auch am Sonntag gegen Fulham fand Liverpool auf einen Rückstand keine Antwort. Salah, der vor dem Gegentreffer den Ball verlor, und seine Stürmerkollegen haben seit über elf Stunden kein Heimtor mehr aus dem Spiel heraus erzielt. "Sie haben immer noch alles – aber sie können es im Moment nicht zeigen", sagte Klopp und betonte: "Aber wir werden uns da durchkämpfen."

"Oft haben sie in der Abwehr kleine Fehler gemacht, die sofort zu Gegentreffern geführt haben und vorne haben sie die Tore nicht gemacht", analysiert Experte Hebel bei watson.

Fazit

Um seinen Job braucht sich Jürgen Klopp noch nicht zu sorgen. Doch nur ein Punkt in sieben Heimspielen 2021 – das ist die schlechteste Bilanz aller 92 Profiklubs in England. Sollte Liverpool aber nur auf Platz 5 landen und in der kommenden Spielzeit statt in der Champions League nur in der Europa League antreten dürfen, könnte ein größerer Umbruch im Kader drohen. Und wer weiß, vielleicht ist Jürgen Klopp ab dem kommenden Sommer nach dem Rücktritt von Jogi Löw auch Trainer der deutschen Nationalmannschaft.

Die englischen Medien, die sonst Klopp für seine Art und Weise feierten, gehen mit dem deutschen Coach zunehmend härter ins Gericht. Die Schreckensbilanz "beleidigt" die Institution FC Liverpool, kommentierte die "Times", der "Telegraph" attestierte einen "beispiellosen Verfall", den die englische Fußball-Legende Gary Lineker für "eine der größten Überraschungen im Fußball" überhaupt hält, "und ich habe einiges erlebt".

Ein Hintertürchen bleibt den Reds noch: die Champions League. Gewinnt Liverpool den Wettbewerb, ist das Team im kommenden Jahr wieder dabei. Das Viertelfinale ist nach dem 2:0-Hinspielsieg gegen RB Leipzig zumindest schon in greifbarer Nähe.

(mit Material vom sid)

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