Im Datendschungel: watson-Journalistin Camille Kündig.
Im Datendschungel: watson-Journalistin Camille Kündig.
watson / lea senn
Reportage

watson-Journalistin macht Datenstriptease: Das wissen Google, Apple und Zalando über mich

28.12.2018, 10:0529.12.2018, 14:26
camille kündig, lea senn

Ich kaufe meine Kleider online, fahre mit Uber, poste Fotos auf Instagram und in meiner Wohnung genügt ein Machtwort in Richtung Alexa, damit die "digitale Sprachfee" von Amazon die Heizung um ein Grad wärmer stellt.

Damit gebe ich viel über mich preis. Aus Bequemlichkeitsgründen nehme ich das – wie viele andere – in Kauf. Dennoch bin ich neugierig: Wie tief in unser Privatleben dringen die Tech-Giganten ein?

Mit Verweis auf die neue EU-Datenschutzverordnung habe ich bei Netflix, Apple, Amazon und Co. nachgefragt, was sie über mich wissen. Die Antwort findet sich in 19 Gigabyte an Daten. Das macht ausgedruckt ein Buch über etwa 11.000 Seiten.

Ein Datenstriptease der Schweizer Journalistin.

Google – der BFF

Google kennt mich am besten. Seit 2010 speichert der Internet-Gigant fein säuberlich jede meiner Suchanfragen, egal ob ich diese von meinem Smartphone aus oder über den PC getätigt habe. Dies sogar mit exakter Angabe der Uhrzeit. Wer die 15,2 Gigabyte Daten über mich konsultiert, die Google irgendwo in der Welt auf einem Server abgespeichert hat, könnte meine Biographie schreiben.

Am 11. Oktober 2011 um 21.52 Uhr habe ich zum ersten Mal ein Youtube-Video angeklickt: ein Song von Pitbull featuring Afrojack und Ne-Yo.

🎼🎼🎼"Grab somebody sexy, tell 'em hey, give me everything tonight." 🎼🎼🎼

  • 2010: Ich google oft nach Stichworten wie "ESL Sprachreisen" oder "Apartment in Long Island". Noch im selben Jahr fliege ich für einen Sprachaufenthalt nach New York.
watson 
  • 2011/ 2012: Anfragen wie "historische Linguistik" und "argumentative essay" prägen meinen Suchverlauf. Ich habe soeben mein Sprachstudium begonnen. Was mir bei der Lektüre meines Datenauszugs auffällt: mein fragwürdiger Musikgeschmack von damals. Am 11. Oktober 2011 um 21.52 Uhr klickte ich zum ersten Mal ein Youtube-Video an: ein Clip von Pitbull featuring Afrojack und Ne-Yo.
  • Ende 2013: Ich surfe oft auf Immobilienseiten. Mein langjähriger Freund hat mich verlassen und ich suche nach einer neuen Bleibe. Google wird in dieser Zeit zum treusten Freund. Ich frage die Suchmaschine: "Wie Liebeskummer überwinden?".
  • 2014: "Semantik", "homöopathische Beruhigungstabletten" und "jobs.ch" sind oft gegoogelte Stichworte. Dieses Jahr ist geprägt von Prüfungsstress und der Suche nach einem Praktikum.
  • 2015 / 2016: Laut Google konsultiere ich in dieser Zeitspanne oft das Schweizer Reiseportal "sbb.ch" und schaue mir viele Youtube-Tutorials zum Thema Filmen und Schnittprogramme an. Während dieser zwei Jahre pendle ich unter anderem sechs Monate lang von Zürich nach Bern und erlerne das VJ-Handwerk.
  • 2017: Im Frühling 2017 stalke ich diverse watson-Mitarbeiter um mich auf den neuen Job vorzubereiten. Aus unklaren Gründen macht Sportkollege Reto Fehr den Anfang. Einige Tage später google ich die Namen meiner zukünftigen Teamkollegen Christoph Bernet und William Stern.
  • 2018: Dieses Jahr ist geprägt von Duden-Suchen, dem Schweizer Bundesamt für Statistik, ein lokaler Skandal um einen Kinderporno in Appenzell und "kalorienarme Schokolade". Einen Suchverlauf, wie ihn nur eine Journalistin auf Diät aufweisen kann.

Alexa Echo – die Hilfskraft

  • Seit ich Amazons Sprachassistentin Alexa Ende 2016 Einlass in meine Wohnung gewährte, registrierte sie 5824 Befehle und Fragen.
  • Ihre häufigste Aufgabe ist es, mich um sieben Uhr zu wecken.
  • Den entsprechenden Befehl gebe ich meistens gegen 23 Uhr ab, wie aus der Auflistung von Amazon hervorgeht. Anschließend frage ich jeweils nach, um sicherzustellen, dass der Wecker wirklich gestellt ist. Das Unternehmen könnte somit theoretisch herausfinden, wann ich zu Bett gehe und wieder aufstehe.
  • Amazon weiß auch, wie warm es in meiner Wohnung ist. Denn auch die Heizung steuere ich über Alexa.

Uber – das Daten-Taxi

  • Den Fahrdienst Uber habe ich insgesamt neun Mal in Anspruch genommen, wie die Auflistung zeigt. Die App hat all meine Fahrten inklusive Details wie An- und Abfahrtsort sowie die entsprechenden Uhrzeiten angesammelt.
  • Da die Fahrten in Zürich immer wieder an die gleiche Zieladresse erfolgten, könnte Uber meinen Wohnsitz herausfinden.
screenshot uber

Facebook – Sammelband der Peinlichkeiten

  • Facebook weiß, wen ich liebe. Sorgfältig aufgereiht kann ich im per Mail gelieferten Datenpaket außerdem die Namen meiner Ex-Partner nachlesen.
  • Zuckerbergs Imperium führt ebenfalls Buch über alle Personen, die ich aus meiner Freundesliste gelöscht habe. Darunter eine ehemalige gute Freundin, die sich mit nervigen Pferdefotos ins digitale Jenseits beförderte.
  • Seit November 2015 registriert Facebook mehrmals pro Tag wo ich gerade bin, inklusive exakter GPS-Daten. Es ist klar ersichtlich, an welcher Adresse ich meine Nächte verbringe und an welcher ich arbeite.
  • Seit 2008 habe ich auf dem sozialen Netzwerk 114 Events zugesagt. Facebook kennt Ort, Datum und Zeit der Veranstaltungen.
Es ist klar ersichtlich, an welcher Adresse ich meine Nächte verbringe und an welcher ich arbeite.
  • Laut Facebook sind die meisten meiner Freunde, meine "Peergroup" wie sie das Netzwerk bezeichnet, "am Anfang des Erwachsenenlebens".
  • Von vielen kennt Facebook die Telefonnummer.
  • Ausserdem erfahre ich aus dem Datenpacket, dass Airbnb, Candy Crush, Spotify und Zalando mir aufgrund meiner Daten Werbung angezeigt haben.
  • Ich habe bisher 1001 Nachrichten im Facebook-Messenger ausgetauscht.
  • 2008 habe ich als 17-Jährige den Test "Welche Darstellerin von American Pie bist du?" gemacht. Was das über mich aussagt, bleibe dahingestellt.

Netflix – der Streaming-Spion

  • Seit 2015 protokolliert Netflix die Titel aller Serien und Filme, die ich mir anschaue mit Angabe der exakten Uhrzeit. Im Frühjahr 2017 war ich anscheinend besonders begeistert von der US-Polit-Serie "Designated Survivor".
  • Netflix weiß auch, wo ich mir die Serien und Filme anschaue. Sobald ich mich einlogge, speichert der Streamingdienst die entsprechende Region sowie meine IP-Adresse.
  • Netflix registriert ebenfalls, ob ich von meinem Fernseher aus auf das Angebot zugreife, vom PC oder vom Smartphone.

Apple – die Datenkrake

Eindrücklich ist auch der riesige Haufen an Daten, den Apple über mich bunkert. Klar: Ich bin seit 2012 rege Nutzerin der iCloud-Services, brauche täglich mein iPhone, iPad und Mac.

  • Aus einer Datei mit vielsagendem Namen "Call History" erfahre ich, dass das Tech-Unternehmen weiß, mit wem bzw. mit welcher Nummer ich innerhalb des letzten Monates telefoniert habe und wie lange die Anrufe dauerten.
  • Apple speichert ebenfalls ab, ob es sich um eingehende oder ausgehende Anrufe handelt.
  • Auch der US-Tech-Gigant registrierte über fast zwei Jahre lang meine genauen GPS-Daten, kannte also zu fast jeder Zeit meinen exakten Standort. 

Instagram – das Hashtag-Gedächtnis

  • Die HTML-Datei von Instagram enthält alle meine veröffentlichten Fotos, aber auch Stichworte und Namen, nach denen ich gesucht habe. #paddleboard #summerpic #cats – so geht das zeilenlang weiter.
  • Ebenfalls nachlesen kann ich in den Instagram-Dateien die wenigen Gespräche, die ich auf der Chat-Funktion der App geführt habe.
  • Außerdem hortet Instagram alle Fotos und Videos, die ich seit der Eröffnung meines Accounts im Jahr 2014 gelikt habe.

WhatsApp – mein reges Gruppenleben

  • WhatsApp kennt alle auf meinem Smartphone gespeicherten Nummern – auch diejenigen, die ich blockiert habe.
  • Außerdem speichert der Messaging-Dienst die Betreffzeile meiner diversen Gruppenchats.
  • Nicht in der Übersicht enthalten sind hingegen die Inhalte der Gruppenchats sowie der anderen ausgetauschten Nachrichten.

Twitter – "25 and up"

  • Twitter sammelt alle meine Direktnachrichten. Meine Gesprächspartner treten jedoch nicht mit Profilnamen, sondern unter einer Nummer auf.
  • Das soziale Netzwerk teilt mich in seine Werbekategorie "25 and up" ein.
  • In der Datenauflistung sind ebenfalls diverse Unternehmen aufgeführt, die ihre Werbekampagnen in meine Timeline spielten. Darunter beispielsweise die französische Zeitung "Le Monde" und der Onlinehändler Galaxus.

Weight Watchers – die digitale Waage

Die Diät-Firma hat auf seinen Servern mein Gewicht, meine Größe und Adresse gespeichert.

Zalando – Kleider für Daten

  • Beim Analysieren der Zalando-Daten wird klar: Sobald ich mich auf meinem Profil einlogge, speichert die Firma meine IP-Adresse.
  • Mein Zalando-Konto habe ich 2012 eröffnet. Seither bestellte ich 54 Mal beim Online-Versandhändler.
  • Der Gesamtwert meiner Bestellungen liegt im tiefen fünfstelligen Bereich. Aber: Bei den meisten Bestellungen habe ich ein oder mehrere Kleidungsstücke zurückgeschickt. Der entsprechende Betrag wird in der Datenliste von Zalando nicht aufgeführt.
  • Die Firma teilt mir bei jeder Bestellung außerdem einen Credit Score zu.

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