Leben
dpatopbilder - 23.06.2018, Sachsen, Leipzig: Helene Fischer tritt in der ausverkauften Red Bull Arena Leipzig auf. Das Konzert ist der Auftakt ihrer Deutschland Tournee. Foto: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

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Kommentar

Helene Fischer ist nicht "nuttig"! Hört endlich auf, Frauen wegen Klamotten zu shamen

Frauen, die kurze Kleider und tiefe Ausschnitte tragen, werden schnell als leicht zu haben bezeichnet. Als billig, als ordinär.

Diese Vorurteile sind altbekannt. Leider. Jüngstes Beispiel dafür: ein Artikel über Helene Fischer.

Die Sängerin hat ein Konzert in Hamburg gegeben. Wie sie dabei angeblich wirkte, lässt sich später in einem, nennen wir es Konzertbericht, nachlesen:

"Man könnte es ‘nuttig’ nennen."

Gemeint war ihr Outfit.

In dem Text bespricht der Autor unter anderem die Bühnenshow, Fischer habe gleich mehrere Outfitwechsel vollzogen. Und so beschreibt er sie:

"Da stand sie auch bereits im dritten Outfit auf der Bühne, nach Hot Pants in Teil eins, die man wohlwollend als preiswert hätte beschreiben dürfen, auch wenn der gern mal derbe Hanseat vielleicht sogar zum Wort „nuttig“ gegriffen hätte, folgte das kurze, silbrige Paillettenkleid, es sollten, so wir uns denn nicht verzählt haben, fünf weitere Roben folgen."

Stefan Krulle in "Welt"

Zunächst: Helene Fischer ist Popsängerin. Zum Wesen des Pop gehört – von David Bowie über Madonna bis Rihanna und ja, Schlagerstars inklusive – die Inszenierung durch Mode.

Mehrere Outfitwechsel bei Konzerten sind normal, sie gehören dazu. Beyoncé und Jay-Z sind nicht die einzigen, aber wohl die prominentesten Musiker, die sich von Star-Designern für ihre Auftritte auffällige Outfits maßschneidern lassen.

Beispiel A:

Das kann man irgendwie oberflächlich finden, die Kritik sollte sich dann aber an eine ganze Branche richten, die mit schönem Schein und nackter Haut Geld umsetzt – und an das Publikum, uns, das das ja offenbar sehen will.

Hier geht es aber um etwas anderes. Hier geht es zum einen um die Wortwahl. Und es geht um das Abstrafen von Klamotten. Das Gleichsetzen von Kleidungsstil und sexueller Verfügbarkeit.

Kann eine Frau sich nicht einfach mal kleiden, wie sie will, ohne dafür geshamed zu werden?

Das Wort “nuttig”. Es stand sogar in der Überschrift des Artikels.

Denn wer ein Outfit "nuttig" nennt, der beschreibt nicht einfach objektiv ein Kleidungsstück. "Nuttig" ist nicht gleichbedeutend mit “kurz” oder “rot” oder “fransig”.

Nuttig wertet. Nuttig wertet ab.

"Nutte" war ursprünglich ein abwertend gemeintes Wort für das weibliche Geschlechtsteil. Eine "Nutte", so wie der Begriff heute verstanden wird, ist eine Prostituierte. Eine billige Prostituierte. Eine billig herausgeputzte Frau. Sexuell verfügbar. Leicht zu haben, aber auch leicht loszuwerden.

In anderen Worten: Nicht viel wert.

Eine Frau trägt Hotpants und erscheint so, wie "der derbe Hanseate" sagen würde – höhö – "nuttig", heißt es in dem Text. Kurz wird hier gleichgesetzt mit billig; das müsste sie auch eigentlich wissen und dürfte sich also vermutlich noch nicht mal selber über diese Bewertung beschweren.

Frei nach dem Motto: "Wenn du das nicht willst, dann knöpf dir doch die Bluse zu!"

Dafür lassen sich etliche Beispiele finden.

Nennen wir ein paar: Nachdem sie ihr Video zu "Dangerous Woman" veröffentlicht hatte, wurde Ariana Grande von unzähligen Usern in den sozialen Medien als "slut" (Nutte) oder "whore" (Hure) beschimpft. Ihr Vergehen? Sie ist in dem Video in Unterwäsche zu sehen.

Wenn Heidi Klum Fotos in Unterwäsche postet, wird gefragt, wie tief sie noch sinken wolle. In ihrem Alter! Ihr Vergehen? Sie ist über 40.

Chrissy Teigen, die mit einem hochgeschlitzten Kleid auf einer Award-Show auftrat, bekam danach nicht nur zu hören, dass sie eine "Hure" sei. Auch "peinlich" sei sie, "billig" und "widerlich".

Merke: Als Frau darf man nicht ungestraft Haut zeigen.

Das gilt auch für Nicht-Promis. So hieß es über die sexuelle Belästigung einer Frau in der Pressemitteilung der Polizei Leipzig:

"Magisch von den ebenmäßigen Formen einer 25-Jährigen angezogen, griff er ihr in der Straßenbahn Linie 9 an die Brust und erntete dafür wohlverdient ihren Missmut."

Der Täter war "magisch angezogen", also quasi machtlos. Hätte sie sich mal was anderes angezogen!

Noch ein paar Sätze, die wir so nicht mehr hören kennen:

Die Kleidung einer Frau sagt nichts darüber aus, von wem sie wie angefasst werden möchte. Denn das entscheidet die Frau selbst und nicht ihre Hosenlänge.

Daher zum Mitschreiben: Niemand muss sich die Bluse zuknöpfen. Und Helene Fischer, Chrissy Teigen, Heidi Klum, sowie alle anderen, dürfen tragen, was sie möchten. Hotpants, Glitzerkleidchen, Kartoffelsäcke oder teure Roben. Völlig egal.

Jede Frau hat das Recht dazu. Und jede Frau hat zugleich das Recht dazu, wegen ihres Outfits nicht beleidigt zu werden. Nicht abschätzig beurteilt zu werden. Nicht in Frage gestellt zu werden. Das Outfit einer Frau sagt nichts aus über ihre Moral oder ihren Wert. Genauso wenig wie die Anzahl ihrer Partner, ihr Tanzstil oder ihr Make-up.

Aber bevor solche Klischees nicht endlich verschwinden, werden wir wohl keine Hoffnung auf eine Gesellschaft haben können, in der Frauen sein dürfen, was sie möchten. Ohne Angst, dafür abgewertet oder – schlimmstenfalls – angegriffen zu werden.

Die Freiheit einer Frau hört nicht an ihrem Rocksaum auf!

Man kann Helene Fischers Klamotten gerne unschön finden; schlecht geschnitten, zu bunt, zu Glitzer, wasauchimmer.

Man kann auch Helene Fischer selber zu bunt, zu glitzernd oder wasauchimmer finden.

Aber nuttig, nuttig ist sie nicht.

Update: Die "Welt" hat mittlerweile das Wort "nuttig" aus dem Artikel gestrichen.

Eine Frau mit auffälligen Outfits, die sie ständig wechselt und wir feiern: Nanny Fran Fine

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    Alle Leser-Kommentare
  • Ralf Großedirkschmalz 18.07.2018 09:30
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