Leben
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privat/getty/montage: watson

Reportage

Wie Isa sich aus einer gewaltvollen Beziehung befreite

Die Geschichte einer Befreiung in 5 Akten.

Meral Al-Mer

Berlin. Eine Seitenstraße in Neukölln. Isa* öffnet die Glastür einer Schule. Dort arbeitet sie als Beraterin und Familienhelferin. Schwerpunkt: Kinderschutz. Familiäre Gewalt kennt Isa nicht nur aus Erzählungen. Die Befreiung aus der Beziehung zu ihrem Ex-Mann dauert für sie bis heute an.

Isa schließt die Tür ab. "Willkommen! Das ist meine Hood im tiefsten Neukölln!", sagt sie und lacht. Typ: Model. Blond, groß, schlank, strahlender Blick aus blauen Augen. Sie schwenkt einen großen Schlüsselbund, als sei sie Schließerin einer JVA. Es riecht nach Grundschule und ihre Worte hallen durch gelbe Gänge. Isa breitet die Arme aus und sieht aus wie Prinzessin Elsa, die ihr Königreich präsentiert.

Türen schlagen. Dann ein großes Schild: Schulstation. Drinnen ist alles einladend, gemütlich, sieht so gar nicht nach Sozialarbeiter-Büro aus. Auf einem Nierentisch stehen Plätzchen. Isa setzt Teewasser auf.

Und dann beginnt sie, ihre Geschichte zu erzählen.

Wir gegen den Rest der Welt

Gewalt fange oft vor der ersten Ohrfeige an, sagt sie.

"Psychische Gewalt zum Beispiel. Die kann man nicht sehen. Gewalt ist schon da, wo Demütigungen und Abwertungen sind. Auch in der Sprache."

Isas Geschichte beginnt mit ihrem Ex. Als sie sich kennen lernen, ist sie gerade 26 Jahre alt. Auch heute, 7 Jahre nach der Trennung, hat sie noch Angst vor ihm. "Leider hat er noch sehr viel Raum in meinem Leben, durch meine beiden Kinder", sagt sie. Opfer aber sei sie nicht. Sie nennt es "Betroffene".

Isa hat die Schuhe ausgezogen und sitzt im Schneidersitz auf einem Lammfellimitat. Aufgewachsen ist sie in Neuköln. Sie ist die jüngste von zwei Schwestern.

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Das ist Isa. Bild: Privat

Isa verlässt mit 18 das Elternhaus und beginnt eine Ausbildung zur Erzieherin. "Ich war immer eigenständig, weil das Leben mir nie was geschenkt hat. Ich habe mir genommen, was ich brauchte und hab getan, was getan werden musste." Isa stand fest auf eigenen Beinen, erzählt sie, doch plötzlich kam da jemand und bot ihr an, sie auf Händen zu tragen. Familie als "Save-Space". Wir gegen den Rest der Welt.

Nicht sehen wollen

Leon*. Ihr Ex. Er ist Geschäftspartner des Mannes einer Freundin. Typ: Schwiegermutter-Traum. "Leon, war groß, gut aussehend, wahnsinnig eloquent und ebenfalls blond", sagt Isa.

Dieser Mann wollte sie. Und nur sie. "Da kann man schon mal das Laufen verlernen und am Ende hat es mir echt den Boden unter den Füßen weggerissen." Leon sei sofort sehr präsent in ihrem Leben gewesen, erzählt Isa weiter. "Ich fand das super, dass er sich so um mich kümmerte. Ich hielt das zu dem Zeitpunkt für Fürsorge." Love-Bombing, sagt sie. "Und on top: Alles was man sich vorstellen kann. Fern-Reisen, Luxus, Geschenke, immer neue Autos, Uhren etc." Isa schmeißt mit unsichtbaren Scheinen um sich.

"Frauen wie Isa gehen nicht bewusst in eine Beziehung mit einem gewalttätigen Mann. Sie geraten ungewollt hinein", sagt Niki Drakos von den Frauenberatungsstelle "Frauenkreise Berlin". Isas Geschichte sei typisch. Am Anfang der Beziehung könne es dem erst so zärtlichen und liebevollen Mann gar nicht schnell genug gehen. Es folgen Liebesschwüre und Geschenke. "Dabei kann es Frauen mit wenig Beziehungs- und Lebenserfahrung genau so treffen wie Frauen, die mitten im Leben stehen und sich selber nie in einer abhängigen Beziehung gesehen hätten", sagt die Expertin.

Sprüche, die Frauen nicht mehr hören können:

Die Geschenke, die Aufmerksamkeit, diese riesengroße Liebe – so soll es für immer bleiben. Isa lässt es geschehen. Woher das ganze Geld kommt, danach fragt sie nicht. Es sei auch nicht das Geld gewesen, dass sie beeindruckt habe. "Nein. Ich fand seine Zielstrebigkeit beeindruckend und das mich mal jemand umsorgt. Da war auf einmal ein Wir-Gefühl. Das kannte ich nicht von zuhause." Leon erfüllte Wünsche von denen Isa nicht mal wusste, dass sie sie hatte.

2008 wird sie das erste Mal schwanger. Leon besteht auf eine Hochzeit vor der Geburt. Ein rauschendes Fest. Kind, Haus, Hund, Garten. Traumfamilie. Isa hat sich ihr Leben nie so vorgestellt. Plötzlich aber ist das alles da. Ein eierschalenfarbenes Haus wird gekauft und alles beige eingerichtet.

Der Deal war denkbar einfach: Sie blieb zuhause beim Kind. Er kümmerte sich um die Finanzen.

"Sein Treiben als Geschäftsmann habe ich nie hinterfragt." Grund dazu habe es wohl genug gegeben: Zu der Zeit, erzählt sie, habe er eine "Firma" gehabt, die mit Musik-Playern handelte. Der Vertrieb geht irgendwann insolvent, davon erzählt er ihr aber nur in einem Nebensatz. Weiter nachgefragt habe sie nicht.

Der Bruch

2009 bekommt Isa ihr zweites Kind – eine Tochter. Isa wird krank. "Ich hatte durch das Stillen eine Brustentzündung bekommen, mein kleiner Sohn wurde auch krank und ich befand mich im Wochenbett. Leon schien das gar nicht wahrzunehmen."

Je schwächer sie wurde, desto kälter wurde er, sagt sie.

Isa fiebrig, Kinder fiebrig, Tochter hungrig, weil sie nicht gestillt werden konnte. Leon geht Feiern. "Ich habe nicht mehr funktioniert", erzählt Isa. Das ließ Leon sie spüren. Sie hatte den "Vertrag" gebrochen und wurde dem Deal nicht mehr gerecht.

Der Hebamme fällt auf, dass Isa von ihrem Mann in dieser schwierigen Zeit alleine gelassen wird. Sie hat die Wut, die Isa eigentlich hätte haben sollen. Sie sagt Leon die Meinung. Der lässt seine Wut an Isa aus.

"Er beschimpfte mich und drehte durch, wie ich dazu käme, mit einer Fremden über unsere Familie zu sprechen. Er baute sich bedrohlich auf, schrie, ich sei nichts ohne ihn. Ich lag zusammengekauert auf dem Boden neben dem Couchtisch."

Innerlich sei an diesem Tag etwas zerbrochen, erzählt Isa. Vertrauen. Sicherheit. Die Zuversicht in diese Beziehung. "Ich habe nach diesem Vorfall nie mehr mit ihm geschlafen." Bis zur endgültigen Trennung wird es noch zwei Jahre dauern.

Leon ist in dieser Zeit viel unterwegs: Geschäftsreisen. Zuhause häufen sich Anrufe von aufgebrachten Kunden oder Geschäftspartnern, sagt Isa. Mal wütend, mal verstörend. Richtig nachgeforscht habe sie nie. "Er hat alles kontrolliert", sagt sie. Konten, Verträge, Geschäfte und ihre sozialen Kontakte. Sie erzählt, er hätte Deals unter ihrem Namen abgeschlossen. Isa verschuldet sich, ohne es zu merken, oder merken zu wollen.

Übt sie Kritik, verweist er sie auf "ihren Platz". "Schau doch mal, was Du alles hast!“, sagt er dann.

Die ersten psychosomatischen Beschwerden machen sich bemerkbar. "Ich hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen."

Beschimpfungen, Demütigungen, Drohungen. "Das ist ein Verhalten, das darauf abzielt, die Frau zu kontrollieren, sagt Niki Drakos von der Frauenberatungsstelle. "Es geht um Macht und um Isolation. Oft wird überzogenes Kontrollverhalten am Anfang einer Beziehung noch 'aus Liebe' begründet, spätestens wenn es Versuche gibt, Kontakte mit Freundinnen oder Familie einzuschränken, sollte das ein Alarmsignal sein", sagt Drakos.

Isa erfährt all das am eigenen Leib. Die Kontrolle durch Leon, die Isolation, die Stimmungsschwankungen, die Erniedrigungen und das ständige klein gemacht werden, die Drohungen und darauf folgende Entschuldigungen. Auch bei Isa war es ein schleichender Prozess.

Auch das: typisch. In etwa jeder fünften aktuellen Paarbeziehung gäbe es folgenreiche Formen von körperlicher, sexueller und psychischer Gewalt gegen Frauen, sagt Niki Drakos. "Frauen, die über längere Zeit hinweg psychische Gewalt erfahren haben, zweifeln an sich, ihren Fähigkeiten und ihrer eigenen Wahrnehmung, sie werden unsicher."

Auch Isa weiß irgendwann nicht mehr, "ob ich das nur so empfand, oder ob ich es wirklich erlebte."

Die Entscheidung reift

Sind andere dabei, spielt Leon den Super-Dad. Die meiste Zeit ist Isa aber alleine mit den Kindern. Eines Tages steht dann plötzlich die Polizei vor der Tür, sagt Isa. Hausdurchsuchung. Leon ist nicht da. Kriminalbeamte beginnen das Haus mitsamt Garten zu durchsuchen. Die Vorwürfe, erzählt Isa: Bandenkriminalität und Geldwäsche.

"Meine Tochter saß im Hochstuhl und weinte." Die Polizei fragt Isa, wie lange sie noch so tun wolle, als wüsste sie von nichts.

An diesem Abend denkt sie zum ersten Mal an Auszug.

"Meine Mutter sagte mir mal, sie vermisse mein Lachen. Danach habe ich den Kontakt abgebrochen."

Darüber reden kann sie nicht. "Meine Freunde waren weg. Er hatte mir verboten, über uns zu sprechen, daran hielt ich mich. Ich hatte ohnehin zu viel Scham, sie wieder zu kontaktieren." Langsam erkennt sie, dass sie in einem goldenen Käfig lebt. Sie ist nicht mehr freiwillig da, ihr Wunsch nach einer heilen Familie hält sie gefangen.

Und wieder steht die Polizei vor der Tür. "Es gab eine zweite Hausdurchsuchung", sagt Isa. Ein Wendepunkt. "Ich wollte nicht, dass meine Kinder so etwas nochmals erleben", sagt sie.

Isa sucht sich einen Job und fasst den Entschluss, ihren Mann zu verlassen.

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Isa lebensfroh Bild: Privat

Als Leon das merkt, entzieht er ihr alle Privilegien, sagt sie. "Er hat an mir gezerrt. Er beschimpfte mich immer öfter, ich sei nichts ohne ihn. Er schloss alle oberen Räume ab, so dass ich im Keller schlafen musste. Der Rest des Hauses war mir verboten. Ich merkte aber jetzt, ich musste aus der Abhängigkeit irgendwie raus." Isa mietet eine Wohnung an. Als Leon davon Wind bekommt, beginnt ein Sorgerechtsstreit.

"Während des gesamten Prozesses gab es Übergriffe, er verfolgte mich mit dem Auto. Einmal zog er mich aus meinem Wagen", sagt sie. Offiziell hat sie nichts in der Hand gegen ihn. "Es gibt keine Atteste. Ich hatte ja auch nichts gebrochen und keine blauen Flecken."

Doch: "Die Machtausübung findet bis heute statt", sagt sie. "Ich bin teilweise jetzt noch vor Angst gelähmt". Und mit einem Blick in Isas Gesicht wird einem plötzlich klar, auch körperliche Spuren bleiben: Isas Lachen ist ein bisschen schief. Sie hat eine Lähmung im Gesicht. Woher die kommt, weiß sie nicht genau. "Geschlagen hat er mich ja nie", sagt sie. "Das, was ich habe, ist eine Parese. Eine unvollständige Lähmung. Kam letztes Jahr." Durch Stress, sagt Isa.

Es gibt ein Leben danach

Isa schafft den Absprung. Sie holt sich Hilfe, geht zu Beratungsstellen, fängt wieder an, soziale Kontakte zu knüpfen, studiert soziale Arbeit und versucht, sich finanziell unabhängig zu machen. Der Weg sei hart, aber lohne sich, sagt sie heute.

"Als ich gelernt habe, Grenzen zu setzen, wurde mein Leben besser."

Als Familienhelferin weiß sie heute, worüber sie oft sprechen muss. Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass Frauen, die Gewalterfahrungen in Beziehungen machen, häufig auf Unverständnis stoßen: Oft merke man, wie das Gegenüber sich innerlich frage: "Tja, warum bist du nicht gegangen? Tja, so schlimm kann es ja nicht gewesen sein. Tja, bestimmt ne schlimme Kindheit gehabt."

Heute lebt Isa mit ihren Kindern außerhalb von Berlin, hat neue Freunde und eine Beziehung auf Augenhöhe. Und vor allem: Sie kann heute über Erlebtes sprechen, auch weil sie anderen Frauen Mut machen möchte. Und weil sie zeigen will, wie schön es sein kann, sich das eigene Leben wieder zurückzuholen.

* Die Namen wurden geändert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text stammt aus dem März dieses Jahres. Anlässlich des Internationalen Tags zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen haben wir ihn noch einmal veröffentlicht.

Beratungsangebot für Frauen

Erfährst Du Gewalt in Deiner Beziehung? Der Verein "Frauen gegen Gewalt e. V." hat eine große Datenbank mit Hilfsorganisationen in Deiner Nähe. Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" ist ein bundesweites Beratungsangebot für Frauen, die von Gewalt betroffen sind, und für Angehörige und Freunde, die sich kostenfrei beraten lassen möchten, wie sie helfen können. Die Nummer ist 08000116016.

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Video: watson/Gunda Windmüller, Lia Haubner

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