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Bild: Getty Images/JackF/montage gk

"Ich schalte im Winter den Kühlschrank ab" – Rentnerin Gertrud in unserer Armutsserie

Helena Düll, Christina zur Nedden
Helena Düll
Helena Düll

Christina  zur Nedden
Christina zur Nedden

Hier sprechen regelmäßig Menschen, die von Armut betroffen sind.

23.04.18, 13:36 30.04.18, 07:43

Gertrud ist 71 Jahre alt, Renterin, und wohnt in einer deutschen Kleinstadt. In der DDR hat sie als Bibliothekarin gearbeitet. 1989, drei Wochen vor dem Mauerfall, floh sie in den Westen, wo sie in einer Drogerie arbeitete, bis sie nach ihrer Scheidung krank und erwerbsunfähig wurde. Heute lebt sie von einer Rente über 672 Euro und gelegentlichen Geldgeschenken. Gertrud ist nicht ihr richtiger Name, sie möchte anonym bleiben. 

Altersarmut in Deutschland: 

Aktuelle Zahlen zeigen, dass Rentner neben Alleinerziehenden und Arbeitslosen die am dritthäufigsten von Armut betroffenen Menschen sind. Laut einer Statistik vom Statistischen Bundesamt waren im vergangenen Jahr 18,3 Prozent der Menschen über 65 Jahren arm oder von Armut bedroht. Frauen sind mit 20,8 Prozent in ihrer Altersgruppe stärker von Altersarmut betroffen als Männer mit 15,6 Prozent. 

Statistisches Bundesamt

Von ihrer Rente zahlt Gertrud: 

Bild: hd

Es bleiben 107 Euro zum Leben. Davon zahlt sie 18 Euro für den Frisör und 25 Euro für die Fußpflege und den Rest für Essen.

Das war die dritte Folge der Serie:

Gertrud, würden Sie sich selbst als arm bezeichnen?

Klar. Ich werde ja auch so angesehen. Wenn jemand hört, dass ich Rente bekomme und freiwillig auf die Grundsicherung verzichte, werde ich sofort in die unterste Schublade gesteckt. 

Entsprechend werde ich dann auch behandelt und fühle mich, als sei ich nichts mehr wert.

Gertrud

Wieso verzichten Sie auf Grundsicherung?

Ein paar Jahre lang bekam ich zusätzlich zur Rente eine monatliche Grundsicherung über 120 und 180 Euro. Auf diese verzichte ich jetzt aber. Ich will nicht abhängig vom Sozialamt sein. Das Amt hat Einsicht in Konten und ich muss für alles Rechenschaft abgeben. Ich muss alle Einnahmen und Geschenke angeben, das wird alles verrechnet oder abgezogen. Wenn ich zum Beispiel Strom spare und Geld zurückkriege, wird es mir wieder abgezogen. Manchmal gewinne ich auch etwas im Kreuzworträtsel, das müsste ich dann auch verrechnen lassen. Ich hätte keine Möglichkeit mir etwas anzusparen, so wie ich es jetzt tue.

Was soll ich mit den monatlichen Almosen von 180 Euro, die sich Grundsicherung nennt, wenn ich meine Würde und Freiheit dafür aufgeben muss.

Gertrud

Seit ich auf die Grundsicherung verzichte, fühle ich mich besser, ich habe meine Selbstachtung zurück.

Was ist Grundsicherung? 

Die Grundsicherung ist eine aus Steuermitteln finanzierte Sozialleistung – dann, wenn Rente und eventuelle weitere Einkommen nicht für den Lebensunterhalt ausreichen. Dadurch wird die Zahlung von Sozialhilfe vermieden und das Vermögen von Eltern oder Kindern bleibt unangetastet.  Der Anspruch auf Grundsicherung ist im Vierten Kapitel, Zwölftes Sozialgesetzbuch (SGB XII) geregelt . Als Faustregel gilt: Liegt das monatliche Einkommen unter 838 Euro, kann ein Anspruch bestehen. 

Bundesministerium für Arbeit und Soziales

Woran merken Sie täglich, dass Sie arm sind?

Ich nehme oft Essen und Getränke selber mit, damit ich mir unterwegs nichts kaufen muss. Auch sonst merke ich, dass ich arm bin. Nach meiner Scheidung wollte ich meinen Namen ändern und musste mir einen Anwalt nehmen. Das hat 1500 Euro gekostet, die ich nicht hatte. Also habe ich einen guten Freund um einen Kredit gebeten. Am Ende hat er mir die Summe dann geschenkt. Wenn ich etwas ändern will, muss ich immer erst kämpfen.

Das ist unsere Serie "Unter 1000 Euro"

Die allein erziehende Mutter, der junge Künstler und der Rentner, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt: Auf den ersten Blick haben sie nichts gemeinsam. Doch sie alle sind von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, genauso wie jeder Fünfte in Deutschland. watson trifft regelmäßig Menschen, die mit weniger als 1000 Euro netto im Monat auskommen müssen.

Wie lange dauert es, bis das Geld knapp wird?

Im Dezember bekomme ich immer mein Sparguthaben von der Bank ausbezahlt, das ich vorher gespart habe. Das sind ungefähr 600 Euro, mein Notgroschen. Zu Weihnachten bekomme ich von manchen Menschen Geld, das hebe ich dann auch auf. Hungern muss ich nicht, aber ich achte auch sehr auf mein Geld und suche immer Wege es zusammenzuhalten.

Im Winter spare ich zum Beispiel Strom, indem ich meinen Kühlschrank abschalte und die Lebensmittel draußen lagere.

Gertrud

Wenn ich beim Fernsehen nicht arbeite oder Kreuzworträtsel mache, habe ich auch keine Lampe an. Die Tageszeitung leiht mir mein Vermieter aus.

Hilft Ihnen jemand?

Ja, ein Freund hilft mir regelmäßig. Sonst ginge es gar nicht, vor allem ohne Grundsicherung. Er geht einmal die Woche mit mir frühstücken, danach kaufen wir für mich für die Woche im Supermarkt ein. Außerdem gibt er mir "Bewegungsgeld", womit ich mir Fahrkarten kaufen kann. 

Manchmal stört mich, dass er mit mir spricht, wie mit einem schutzbedürftigen Kind.

Es ist mir eh schon peinlich, dass ich nicht anders über die Runden komme. Außerdem hilft mir mein Sohn. Er ist eigentlich nicht mein Sohn, sondern ein christlicher Flüchtling aus dem Iran, den ich vor einem Jahr in meiner Kirche kennengelernt habe und seitdem jeden Tag treffe. Ich helfe ihm, Deutsch zu lernen, dafür hat er mir bei meinem Umzug geholfen.

Was machen Sie sonst, um an Geld zu kommen?

Ich kaufe jeden Monat ein Los für 14 Euro und mache bei vielen Gewinnspielen und Rätseln in Zeitschriften mit. Dabei habe ich nie mehr als 250 Euro Bargeld gewonnen, dafür aber andere Dinge wie zum Beispiel einen Abnehmkurs und drei Übernachtungen in einem 5-Sterne-Hotel. Oft ist dann aber An- und Abreise und Verpflegung nicht mit inbegriffen. Als ich im 5-Sterne-Hotel mein mitgebrachtes Butterbrot auspackte, kam ich mir ganz fehl am Platz vor.

Wer ist arm in Deutschland?

16,1 Millionen Menschen, also jeder fünfte Deutsche, war im Jahr 2015 von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht.

Ein Mensch gilt als von Armut bedroht, wenn mindestens eine der folgenden drei Lebenssituationen zutrifft: (Quelle: Leben in Europa EU-SILC).

1. Das Einkommen liegt unter der Armutsgefährdungsgrenze. 2015 lag dieser Schwellenwert für eine alleinlebende Person in Deutschland bei 1033 Euro, für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2170 Euro im Monat.

2. Der Haushalt ist von erheblicher materieller Entbehrung betroffen. Das bedeutet, dass jemand zum Beispiel nicht in der Lage war, Rechnungen für Miete, Hypotheken oder Versorgungsleistungen zu bezahlen, die Wohnungen angemessen zu beheizen oder eine einwöchige Urlaubsreise zu finanzieren.

3. Der Mensch lebt in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung.

eu-silc-bericht 2015

Was haben Sie sich zuletzt gegönnt?

Eine Rentner-Monatskarte für 83 Euro. Damit konnte ich dann einen Monat ein bisschen rumfahren, denn ich nutze gerne jede Gelegenheit, um aus der Kleinstadt zu kommen. Das macht mir Spaß. Ich besuche dann auch viele Sozial-Kaufhäuser, wo ich lustige oder interessante Sachen für wenig Geld finde. Mittagessen ist aber nicht drin, ich nehme dann etwas mit und esse es alleine im Park auf einer Bank.

Kontakt zu Menschen kriege ich da natürlich nicht.

Gertrud

Und worauf verzichten Sie?

Ich vermisse es, auf Konzerte oder ins Theater zu gehen. Außerdem würde ich gerne alle vier Wochen zum Frisör gehen, schneide mir aber nun oft selbst die Haare. Bis auf die Sterbeversicherung habe ich alle Versicherungen gekündigt. Ich muss seitdem vorsichtig leben, damit nichts passiert.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach in Deutschland ändern um Ihre Situation zu verbessern?

Ich bin der Meinung, dass meine Rente falsch berechnet wurde, so wie das bei vielen Ost-Flüchtlingen der Fall ist. Sie fällt viel zu niedrig aus. Außerdem habe ich das Gefühl, die Regierung verharmlost die Situation von armen Menschen.

Jens Spahn sollte mal versuchen, ein Jahr lang von Hartz-IV zu leben.

Gertrud

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Jeder fünfte Deutsche ist von Armut bedroht. Darüber müssen wir sprechen. Würdest auch du dich als arm bezeichnen und möchtest mit uns - gerne anonym - darüber sprechen? Dann schreib uns an redaktion@watson.de.

Wir lassen Menschen zu Wort kommen, die wissen, was Armut ist:

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    Alle Leser-Kommentare
  • Elisabeth Müller 24.04.2018 11:18
    Highlight Sehr traurig, dass es in Deutschland so viele arme Menschen gibt.
    6 0 Melden
  • Songarete 23.04.2018 21:30
    Highlight Ich verstehe nicht, warum Menschen wie Gertrud in unserer Gesellschaft so abwertend behandelt werden. Ich kann sehr gut nachvollziehen, warum sie auf die Grundsicherung verzichtet. Würde es wohl genauso machen, man fährt im Endeffekt besser damit.
    3 0 Melden
  • Marc Michael Mays 23.04.2018 13:45
    Highlight Der Kühlschrank?
    3 9 Melden
    • Songarete 23.04.2018 21:26
      Highlight Ist ein ganz schöner Stromfresser. Abschalten im Winter dürfte sich bemerkbar machen.
      3 0 Melden

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