Leben
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Frauen sollen mehr 'Arschloch' sein? Öhm, nee.

Als Mädchen lernt man früh, nett zu sein.

Besonders nett zu sein.

Das ändert sich gerade ein bisschen, aber oft genug ist es doch so: Jungs dürfen wilder toben, sich raufen und “Ich will aber!” schreien, während Mädchen wissen: Brav sein wird mehr belohnt. Und auf jeden Fall “Danke” sagen. Egal, was man bekommt. Bloß nicht fordern, bloß nicht anstrengend sein.

Mädchen sind nett. Jungs reißen die Klappe auf.

Wer diese Beschreibung für überholt hält, der muss sich leider sagen lassen, dass diese Rollenbilder auch im 21. Jahrhundert noch sehr stabil sind. Das wird von vielen Studien belegt.

Ein Beispiel: Frauen verdienen schlechter als Männer. Und das stimmt auch dann, wenn beide die gleiche Qualifikation haben. In einer Studie der Harvard Business School wurden die Einstiegsgehälter von Absolventen und Absolventinnen eines MBA-Programms verglichen.

Die Männer verdienten im Schnitt knapp 8 Prozent mehr als die Frauen. Der Grund dafür: Nur 7 Prozent der Frauen hatten versucht, das ihnen angebotene Einstiegsgehalt zu verhandeln. Im Gegensatz zu 57 Prozent ihrer männlichen Kollegen.

Merke: Wer fordert, der bekommt. Nicht immer. Aber wer nicht fragt, der bekommt garantiert nichts.

Das strukturelle Problem: Frauen lernen nicht nachzufragen, sondern sich mit dem zu bescheiden, was ihnen zugewiesen wird.

Als ich den ersten Job nach der Uni verließ, hatte ich ein Abschlussgespräch mit meiner Mentorin. Sie sagte zu mir:

"Frau Windmüller, Sie glauben doch nicht, dass irgendeiner der Kerle hier den Job bekommen hätte, weil sie die besten waren. Die haben einfach laut 'hier' geschrien.” Sie müssen 'hier' schreien, wenn Sie was wollen!"

Dieser Satz ist bei mir hängengeblieben. Ich versuche, ihn mir zu Herzen zu nehmen. Aber es fällt mir schwer. Darüber spreche ich auch regelmäßig mit Freundinnen: Wie schaffen wir es endlich besser, unsere Forderungen zu kommunizieren? Warum kriegen wir das, verdammt nochmal, so schlecht hin?

Ein weiteres Problem ist eben: Wir haben es nicht nur nicht gelernt, wir merken zugleich auch, dass selbstbestimmteres Verhalten nicht so gut ankommt. 

Auch das ist nicht nur eine persönliche Erfahrung aus dem Alltag, auch das wird durch Studien belegt.

Noch ein Beispiel: Wer selbstbewusst erscheint, hat beruflich größeren Erfolg. Männer zumindest. Für Frauen gilt anderes, wie eine Studie, die 2017 veröffentlicht wurde, gezeigt hat. Die Forscherinnen aus Deutschland, Spanien und Frankreich untersuchten dabei Daten aus einem Technologieunternehmen. Es stellte sich heraus, dass Frauen, die dort Einfluss ausübten, nicht einfach nur selbstbewusst auftreten mussten, wie ihre männlichen Kollegen, sondern zusätzlich auch nett sein mussten. Also ihrer Geschlechterrolle entsprechen mussten.

"Erfolgreiche Frauen konnten nur Einfluss ausüben, wenn ihr Selbstbewusstsein mit einer pro-sozialen Orientierung gekoppelt war."

Auszug aus "Appearing self‐confident and getting credit for it: Why it may be easier for men than women to gain influence at work" in "Human Ressource Management Journal"

Anders gesagt: Kompetent sein reicht nicht. Wir müssen auch nett sein.

Vor einiger Zeit musste ich gegenüber einem Kollegen Kritik an seiner Arbeitsweise äußern. Es war meine Aufgabe. Und ich habe es so rücksichtsvoll wie möglich versucht. Seine Reaktion: "Periode, oder was?"

Das war so sehr Klischee, mir fiel erst gar nicht ein, was ich sagen sollte. Und dann hätte ich ihn am liebsten laut beschimpft. Aber sowas macht man ja nicht. Das Mädchen in mir ist still geblieben.

Es sind auch solche Erlebnisse, die mir zeigen, dass es so nicht weitergeht. Ich habe die Schnauze voll. Ich habe die Schnauze voll, von meinem eigenen Nett-Sein, von dem einengenden Rollenbild, und der Abstrafung, wenn ich mich nicht rollenkonform verhalte.

Das ständige Bravsein nimmt uns die Chance auf die Dinge, die uns zustehen. Geld, Karriere, eine Meinung.

Und ich bin nicht die einzige, die die Schnauze voll hat. Immer wieder fordern Frauen öffentlich, dass dieses Nett-Sein aufhören muss. Das wir unbescheidener auftreten sollen, lautstarker und bestimmter.

Mehr Arschloch?!

In einem aktuellen Beitrag fordert eine Feministin sogar, wir sollten endlich "mehr Arschloch" sein. Gegen Diskriminierung und ungerechte Hierarchien sei sonst nicht anzukommen.

Ich mag solche Forderungen nach mehr Selbstbewusstsein. Ich mag aber keine Arschlöcher und möchte auch keins sein.

Arschlöcher: Menschen, die rücksichtslos sind, die einen in die Pfanne hauen, wenn es ihnen zum Vorteil gereicht. Menschen, die sich nicht um andere kümmern; die nie nachfragen, wie es anderen geht, denen das auch scheißegal ist, weil Hauptsache ihnen geht es gut.

Menschen, die immer laut sind, die immer glauben, nur weil sie etwas sagen, haben sie auf jeden Fall recht. Menschen, die keine Zweifel kennen und wenn doch, dann nur an anderen.

Ich kann Arschlöcher nicht ausstehen. Männliche Arschlöcher genausowenig wie weibliche Arschlöcher. Das ist nämlich keine Geschlechterfrage.

Nichtsdestotrotz stimmt es: Es muss sich wahnsinnig viel ändern. Wir müssen damit anfangen, hier und heute. Frauen müssen lauter werden, fordernder, Frauen müssen ihre Wut zulassen und endlich dafür sorgen, dass sie bekommen, was ihnen zusteht. Es wird uns nämlich nichts geschenkt.

Ich verstehe daher auch Frauen, die fordern, wir müssen mal so richtig auf die Kacke hauen – und zu Arschlöchern werden, im Sinne der Gerechtigkeit.

Aber ich möchte kein Arschloch werden. Ich möchte etwas ganz anderes: Ich möchte, dass sich die Welt arschlochtechnisch zurückentwickelt.

Wer möchte, dass sich kapitalistische und neoliberale Verhaltensweisen zurückbilden, der sollte vielleicht nicht versuchen, sie zu demokratisieren. Eine Welt, in der dann irgendwann einfach alle Arschlöcher sind, entspricht weder meiner Sicht auf Männer noch meiner Vision einer Welt in der ich gerne leben möchte.

Ich möchte, nein, ich WILL, dass Frauen endlich viel mehr von den Dingen bekommen, die ihnen zustehen. Aber als Arschloch möchte ich das nicht. Wirklich nicht.

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