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Fester Job vs. Selbstständigkeit – jetzt gehe ich meinen Traum an

Bild: Unsplash

Unplanbares Einkommen ist seit der Schule mein größter Albtraum. Doch was bringt mir Verbindlichkeit, wenn sie mich nicht glücklich macht?

Yasmina Banaszczuk
Yasmina Banaszczuk

Manchmal liege ich nachts wach und überlege, wie schnell ich auf der Straße landen könnte. Ein paar Monate keine Miete gezahlt, ein paar Schulden hier, ein paar Schufa-Einträge dort, und zack: wohnungslos.

Was für die meisten wie eine absurde Angst klingt, verfolgt mich als Worst-Case-Szenario seitdem ich Abitur habe. Konstant. Und das, obwohl ich nie nennenswerte Schulden gemacht habe, selten über die Stränge schlage, und seit der Ausbildung nicht mehr im Dispo war. Nein, es reicht vollkommen, dass ich in finanzieller Unsicherheit aufgewachsen bin.

Ich habe vor kurzem beschlossen, mich selbstständig zu machen. Wo andere in der Selbstständigkeit die Erfüllung ihrer Träume sehen, läuft mir beim Gedanken daran ein kalter Schauer über den Rücken. Doch genau diese Unsicherheit tue ich mir gerade aktiv an. Wie viele Artikel kann ich diese Woche unterbringen? Wie hoch wird mein Einkommen im nächsten Monat? 

Kann ich es mir heute leisten, eine Pizza zu bestellen, wenn ich übernächsten Monat vielleicht gar keine Aufträge habe?

Woran das liegt? Anders als Menschen, deren Familien jedes Jahr in Urlaub fliegen, wuchs ich ohne doppelten finanziellen Boden auf. Schon in der Schule war klar: Ich bin künftig auf mich allein gestellt. Nach der Trennung meiner Eltern schlief meine Mutter in der neubezogenen, kleineren Wohnung im Wohnzimmer auf der Couch während mein Bruder und ich eigene Zimmer bekamen.

Mit 16 begann ich einen Job in einer Schlosserei. Dort verputzte ich samstags Schweißnähte bis ich mir eine Sehnenscheidenentzündung holte. Einmal vergaß ich die Schutzbrille und der Augenarzt musste Metallsplitter aus meinem Lid holen. Aber anders als bei meinen Freundinnen war das dort erarbeitete Geld für mich eine wichtige Ressource, die mir Kino oder mal eine Markenjacke erlaubte. Für nichts hätte ich das aufgegeben.

Als ich in meine erste Wohnung zog und mein Erspartes nicht reichte, musste ich mir von meinen Großeltern ein paar Hundert Euro leihen. Was für andere ein normales Budget für Weihnachten oder Geburtstage ist, war für mich ein Betrag, den ich über Jahre ansparen musste. Was geliehenes Geld angeht waren meine Dimensionen stets anders: größer, gravierender, gefährlicher. 

Die Angst, etwas nicht zurückzahlen zu können, war omnipräsent.

Irgendwann traf ich mich mit einem Kollegen, wir sprachen über Finanzen. Als er verstand, mit welchem Budget ich mich durch meine Ausbildungszeit wuselte, verlieh er mir spontan einen Orden, den er ausdruckte und persönlich übergab. Erst da verstand ich: Das ist nicht normal. Die Art und Weise, wie ich mich zurücknahm, wie ich große Teile meiner Zeit mit Geldsorgen verbrachte, kennen viele andere nicht. Scham überkam mich.

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Bild: Unsplash

Und überkommt mich immer noch: Selbst jetzt, in diesen Zeilen, habe ich Angst, dass es mich befleckt, weniger wert macht, diskreditiert.

Ich versuchte alles, um das Geld schnellstmöglich zurückzuzahlen. Wenn ich ausging, gönnte ich mir maximal ein Getränk. In der Kantine lief ich kopfrechnend von Essensausgabe zu Essensausgabe um ja nicht über den maximal als Azubi bezuschussten Betrag zu kommen. Privat verbot ich mir so gut wie alle Ausgaben. Sagen wir so: 

Mit fünf Euro pro Woche einkaufen macht zwar kreativ, aber keinen Spaß.

Das prägt. Bis heute.

Letzte Woche bummelte ich durch Primark, den großen Laden mit Billigmode. Ich sah einen Schlafanzug mit Susi und Strolch drauf, einem meiner Lieblingsfilme von Disney. Flauschiger Pulli, warme Hose: Ich war verliebt und legte den Schlafanzug in meinen Einkaufskorb. Doch dann dachte ich daran, dass ich mich gerade selbstständig gemacht habe. 

"Nur das Nötigste kaufen" hallte immer wieder in meinem Kopf.

19 Euro, das geben manche an einem Abend für Drinks aus. Für mich fühlt es sich teilweise immer noch wie gefährliche Geldverschwendung.

19 Euro, das sind eine Woche Essen oder einen halben Monat Internet. Nichts, was man einfach so auf den Kopf haut.

Ich hatte Glück, ergatterte eine verhältnismäßig gut bezahlte Ausbildung mit anschließender Übernahme – und kämpfte mich aus der prekären Lage in ein geregeltes Einkommen. Umso mehr hielt ich allerdings auch daran fest. Träume, etwas anderes mit meinem Leben zu machen als eine leidenschaftslose Erwerbstätigkeit für ein Unternehmen, verbot ich mir genauso wie den Ikea-Einkauf auf Ratenzahlung.

Mein Leben lang nahm ich festen Job nach festen Job an, verzichtete auf das Traum-Studium, auf ein Volontariat, auf unbezahlte Praktika; nur um jeden Monat ein geregeltes Einkommen auf dem Konto eintrudeln zu sehen. 

Finanzielle Planbarkeit ist für mich so sexy wie Tom Hardys Sixpack.

Aber dann geschah etwas Unerwartetes: Mit Mitte 20 brannte ich aus. All die Arbeit, all das krampfhafte Festhalten an Sicherheit, hatte mich krank gemacht. Burnout.

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Bild: Privat

Monatelang kam ich kaum aus dem Bett, konnte keinen klaren Gedanken fassen, weinte immer wieder unkontrolliert. Es dauerte Jahre, bis ich mich ganz ans Licht zurückgekämpft hatte.

Danach begann ich, meine Prioritäten neu zu sortieren. Den Traum vom Schreiben leben zu können, hatte ich als Jugendliche mangels finanziell sicherer Perspektiven aufgegeben. 

Doch was bringt mir Verbindlichkeit, wenn sie mich nicht glücklich macht?

Stück für Stück begann ich, mich von dem falschen Sicherheitsgefühl frei zu machen. Das kostete mehr als ein bisschen Überwindung, einige wachgelegene Nächte und so manches abgekautes Ohr bei meinen Freundinnen. Am Ende blieb mir aber ein Satz im Gedächtnis, den ich irgendwo einmal aufgeschnappt hatte: Man soll immer das machen, wovor man am meisten Angst hat.

In meinem Fall bedeutete das: Selbstständigkeit.

Seit Kurzem bin ich freie Journalistin. Nein, ich bereue es (noch?) nicht. Dennoch bleibt es ein Kampf, vor allem mit mir selbst. Aber ich bin großzügiger und mutiger geworden. Und wenn ich einen erneuten Tag gegen die Angst gewonnen habe, kann ich mich auch mal mit einer Pizza belohnen. Selbst, wenn ich es in zwei Monaten bereuen sollte

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Bild: Privat

Über die Autorin

Yasmina Banaszczuk lebt und schreibt in Berlin. Bevor sie 2016 in Soziologie promovierte, arbeitete sie sieben Jahre lang in einem internationalen Großkonzern. Während ihrer Promotion begann sie zu publizieren. Seitdem erschienen ihre Texte u.a. bei watson, VICE, Handelsblatt und Spiegel Online. Ihr erster Gedichtband erschien 2018 beim Achje Verlag.

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