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Bild: GettyImages/Montage

Unter 1000 Euro

Winzer Arne: "Betriebe müssen sich überlegen, was ihnen Azubis wert sind!"

Hier sprechen regelmäßig Menschen, die von Armut betroffen sind.

Arne (Name von der Redaktion geändert) ist 27 Jahre alt, verheiratet und macht eine Ausbildung zum Winzer. Im dritten Ausbildungsjahr bekommt er dafür 630 Euro brutto (490 Euro netto). Seine Frau studiert mit einem Stipendium und hat einen Nebenjob.

Zusammen hat das Paar ca. 1800 Euro netto monatlich zur Verfügung. Davon zahlen sie:

Dem Paar bleiben damit rund 450 Euro monatlich zum Leben.

Bevor du deine Ausbildung angefangen hast, hast du Lehramt studiert. Warum hast du das Studium aufgegeben?

Ich habe gemerkt, dass mich der Beruf sehr interessiert und dachte mir: 'Besser jetzt wechseln, als später'. Die Arbeit mit Kindern hat mir viel Spaß gemacht, deshalb war das ein langer Prozess. Je länger ich in der Schule war, umso mehr habe ich für mich festgestellt, dass ich nicht in diesen Strukturen arbeiten möchte. Es gibt viele Vorgaben und du musst innerhalb des Kollegiums funktionieren. An der Schule gibt es für alles klare Regeln.

Als Winzer habe ich viel mehr Möglichkeiten, so zu arbeiten, wie ich mir das vorstelle.

Was ist für dich das Besondere an deinem Beruf?

Als Winzer braucht man viele unterschiedliche Fähigkeiten. Ich bin viel draußen und muss mit den Händen arbeiten. Aber ich muss auch mit dem Kopf arbeiten. Wenn ich mir zum Beispiel Sachen wie Werbung ausdenken muss. Außerdem schaffe ich am Ende ein Produkt.

So weiß ich am Ende des Tages immer, was ich getan habe.

Floristin Stefanie hat auch wenig Geld und ist dennoch zufrieden:

Wer ist arm in Deutschland?

16,1 Millionen Menschen, also jeder fünfte Deutsche, war im Jahr 2015 von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht.

Ein Mensch gilt als von Armut bedroht, wenn mindestens eine der folgenden drei Lebenssituationen zutrifft: (Quelle: Leben in Europa EU-SILC).

1. Das Einkommen liegt unter der Armutsgefährdungsgrenze. 2015 lag dieser Schwellenwert für eine alleinlebende Person in Deutschland bei 1033 Euro, für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2170 Euro im Monat.

2. Der Haushalt ist von erheblicher materieller Entbehrung betroffen. Das bedeutet, dass jemand zum Beispiel nicht in der Lage war, Rechnungen für Miete, Hypotheken oder Versorgungsleistungen zu bezahlen, die Wohnungen angemessen zu beheizen oder eine einwöchige Urlaubsreise zu finanzieren.

3. Der Mensch lebt in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung.

erwerbsbeteiligung.eu-silc-bericht 2015

Würdest du dich selbst als arm bezeichnen?

Irgendwie kommen wir gut über die Runden. Das liegt aber daran, dass meine Frau Stipendiatin ist. Nur mit dem Ausbildungsgehalt würde es nicht funktionieren. Das empfinde ich als problematisch.

Wie lange dauert es, bis das Geld knapp wird?

Das ist immer gegen Ende des Monats.

Woran merkst du täglich, dass du arm bist?

Wir würden gerne bei der Ernährung mehr darauf achten, wo wir einkaufen. Da sind wir schon stark eingeschränkt und können uns nur sehr begrenzt die Produkte aussuchen oder höherwertige Lebensmittel kaufen.
Wir müssen dann doch immer im Discounter einkaufen, weil es sonst schwierig wird. Die andere Sache ist: Wenn wir dann mal sagen, dass wir essen gehen wollen oder in den Urlaub fahren wollen, dann müssen wir sehr lange dafür sparen.
Es sind vor allem die unvorhergesehenen Ausgaben, die Probleme bereiten. Kürzlich musste mein Fahrrad repariert werden, das kostete 250 Euro. Das wirft dann die ganze Planung über den Haufen und wird zum Problem.

Das ist unsere Serie "Unter 1000 Euro"

Die allein erziehende Mutter, der junge Künstler und der Rentner, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt: Auf den ersten Blick haben sie nichts gemeinsam. Doch sie alle sind von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, genauso wie jeder Fünfte in Deutschland. watson trifft regelmäßig Menschen, die mit weniger als 1000 Euro Netto im Monat auskommen müssen.

Was müsste sich ändern, um die Situation von Winzer-Azubis in Deutschland zu verbessern?

Ich glaube, dass das ein Teil des Gesamtproblems der gesamten Winzerbranche ist. Sehr viele Winzer sind kleine selbstständige bis mittelständige Betriebe. Es gibt natürlich viele, die versuchen durch Qualität einen höheren Preis zu erzielen.
Aber es gibt eben auch viele, die einen Preiskampf führen wollen oder müssen, weil sie auch gegen Großunternehmen antreten. Da kommt es sehr darauf an, die Sachen günstig zu produzieren.

Azubis sind sehr günstig, günstiger als Saisonarbeiter, die den Mindestlohn bekommen müssen.

Wie kann man dieses Problem deiner Meinung nach lösen?

Hier muss ein Umdenken stattfinden. Oft hört man dieses 'Ja, das war halt schon immer so und da musste jeder durch.' Dieses Denken funktioniert, solange es die eigenen Kinder sind, die den Betrieb später mal übernehmen können.
Aber ab dem Zeitpunkt, in dem vermehrt Menschen den Beruf ausüben, die kein eigenes Weingut zu Hause haben funktioniert das nicht mehr.

Weshalb?

Im Moment haben wir fast genauso viele Quereinsteiger, wie Menschen, deren Eltern einen Betrieb haben. Wenn du von einem Weingut kommst, dann kannst du da auch während deiner Ausbildung wohnen und das ist fein. Für die Quereinsteiger funktioniert das aber nicht.

Schon alleine Miete braucht einen Großteil des Gehalts auf.

Hast du einen konkreten Vorschlag, wie man das ändern könnte?

Das ist etwas, womit ein paar Betriebe einfach mal anfangen müssten. Also sich nicht an diesen Mindestsatz für die Ausbildung zu halten, sondern sich konkret zu überlegen: 'Was ist mir ein Azubi wert?'. Und das dann auch entsprechend zu zahlen. Ein Problem ist, dass es keine Vertretung für die Azubis gibt und jeder in seinen einzelnen Betrieben ist.

Dort sind Azubis naturgemäß in einer schwachen Position.

Und was könnte die Politik machen?

Natürlich könnte ein gesetzlicher Rahmen geschaffen werden, der einen höheren Lohn für Azubis festlegt. Für die kleineren Betriebe könnte das aber wieder problematisch werden, weil sie sich die Azubis dann nicht mehr leisten könnten.

Das ist kein einfaches Problem.

Wie stehst du zu einem bedingungslosen Grundeinkommen?

Meine Meinung hat sich geändert. Früher habe ich immer gesagt, dass es das nicht braucht. Da war ich aber selbst auch noch nicht in der Situation, die Erfahrung gemacht zu haben, dass es mit Grundeinkommen sehr viel einfacher wäre. Zudem hatte mich auch noch nicht intensiv damit auseinandergesetzt.

Inzwischen bin ich aber der Meinung, dass das Menschen die Freiheit gibt, sich in die Richtung zu bewegen, die man gehen möchte.

Ob das nun das Studienfach ist und die Möglichkeit, das studieren zu können, was man möchte, oder, dass jeder die Ausbildung machen kann, die er machen möchte. Das geht ja so weit, dass es auch bei einer Existenzgründung total hilfreich wäre. Wenn man wüsste, dass alle wichtigen Kosten gedeckt sind, ist ja auch der Schritt, sich in der Selbstständigkeit zu versuchen, viel einfacher.

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Jeder fünfte Deutsche ist von Armut bedroht. Darüber müssen wir sprechen. Würdest auch du dich als arm bezeichnen und möchtest mit uns - gerne anonym - darüber sprechen? Dann schreib uns an redaktion@watson.de.

Wir lassen Menschen zu Wort kommen, die wissen wie sich Armut anfühlt:

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