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In blau ist der Rassierer wesentlich günstiger. Bild: iStockphoto
Frauentag

"Pink Tax" für Frauen: Gleiches Produkt, gleicher Inhalt, aber teurer

08.03.2019, 12:06

Am 8. März wird watson zur Frau. Und das 24 Stunden lang. Am Internationalen Frauentag werden wir ausnahmslos Frauenabbilden, thematisieren und porträtieren. Trump, Hoeneß oder Kollegah haben dann Pause. Und ja, das wird auch Zeit. Auch auf watson.de sind Frauen in der Regel unterrepräsentiert. Und das liegt nicht nur an der Welt, in der wir leben, sondern auch an uns. Aber wir wollen besser werden. Heute ist ein guter Tag, um dafür ein Zeichen zu setzen.

"Gender Pricing" und "Pink Tax" sind zwei Reizworte für ein Phänomen: Frauen zahlen für manche Produkte und Dienstleistungen mehr als Männer – obwohl die Inhalte nahezu identisch sind.

Einem Marktcheck der Verbraucherzentrale Hamburg zufolge unterscheiden sich die Preise für etliche Rasierer nebst Schaum sowie für manche Parfüms nach wie vor deutlich – je nachdem, ob sich die Produkte an Männer oder an Frauen richten. Die Aufschläge betragen zum Teil mehr als 100 Prozent. Die Marktstichprobe wurde zum vierten Mal durchgeführt. "Die Preisdifferenz hat sich wenig verändert", bilanziert Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg

Deutliche Unterschiede bei Rasierern und Rasierschaum

Bei elf untersuchten Rasierprodukten aus sämtlichen Drogeriemärkten waren die Preise demnach durchschnittlich knapp 38 Prozent höher für die Frauenvarianten. Dabei seien Inhaltsstoffe und Zusammensetzung der untersuchten Produkte nahezu identisch. Ein ähnliches Phänomen gebe es bei Parfüm. Die Verbraucherzentrale Hamburg wittert dahinter pures Kalkül: Manche Pflegeprodukte werden Frauen teurer verkauft, weil diese Studien zufolge bereit sind, mehr Geld für ihr Äußeres auszugeben als Männer.

Bei elf untersuchten Rasierprodukten aus sämtlichen Drogeriemärkten waren die Preise demnach durchschnittlich knapp 38 Prozent höher für die Frauenvarianten. Dabei seien Inhaltsstoffe und Zusammensetzung der untersuchten Produkte nahezu identisch. Ein ähnliches Phänomen gebe es bei Parfüm. Die Verbraucherzentrale Hamburg wittert dahinter pures Kalkül: Manche Pflegeprodukte werden Frauen teurer verkauft, weil diese Studien zufolge bereit sind, mehr Geld für ihr Äußeres auszugeben als Männer.

Einen starken Preisunterschied fand die Verbraucherzentrale Hamburg unter anderem bei diesen Produkten:

Bild
Bild: Verbraucherzentrale Hamburg

So erklären Firmen die Preisdifferenzen:

Hersteller und Verkaufsstätten sehen in der unterschiedlichen Preisgestaltung keine Benachteiligung. Sie erklären die unterschiedlichen Verkaufspreise mit Stückzahl, verwendeten Inhaltsstoffen, Zusammensetzung der Rezeptur sowie den Lieferanten, von denen die Produkte bezogen werden.

  • Eine Pressesprecherin vom Drogeriemarkt Rossmann betont: "Die unterschiedliche Preisgestaltung ist nicht auf eine geschlechterspezifische Ungleichbehandlung zurückzuführen." Dahinter stecke keine diskriminierende Systematik, sondern eine laufend angepasste Preisfindung.
  • Das Rasiergel und die Einwegrasierer von Rossmanns Eigenmarke Isana etwa, bei denen eine "Pink Tax" vermutet wird, ähneln sich ihr zufolge zwar auf den ersten Blick, sie seien aber "nicht grundsätzlich miteinander gleichzusetzen".
  • Sie enthalten demnach eine höhere Menge pflegender Stoffe, was auf die Preisfindung Einfluss habe.
  • Zudem sei die abgefüllte Menge ein relevanter Faktor: Der "Isana Rasierschaum Sensitiv" für Frauen beinhaltet 150 ml, während es bei dem "Isana Men Rasierschaum Sensitiv" 300 ml Inhalt sind. Aufgrund der abweichenden Größe würden unterschiedliche Stückpreiskosten entstehen, die sich in der Preisgestaltung widerspiegeln.
  • Bei der männlichen Variante generiere Rossmann zudem eine höhere Zahl an Abverkäufen. "Somit haben wir hier die Möglichkeit, das Produkt zu einem geringeren Preis einzukaufen und infolgedessen auch unseren Kunden günstiger anzubieten."
  • Die Verkaufsmenge spielt einer Pressesprecherin des Drogeriemarkts Budni auch bei den Rasierklingen von BudniCare eine Rolle für den Preisunterschied, genauso wie die unterschiedliche Verpackung.
  • Die Männervariante wird in einem 10er-Pack verkauft, die Damenrasierer gibt es hingegen im 5er-Pack zu kaufen. "Allein dieser Unterschied kann dazu führen, dass es bereits im Einkaufspreis einen Unterschied gibt, weil zum Beispiel in der Produktion das eine Produkt auf einer anderen Maschine produziert wird oder eine andere Folie verwendet wird oder die Transportverpackungen anders ausfallen."
  • Zudem fügt sie hinzu: "Unser Einfluss als kleinster Drogeriemarkt auf die Preisgestaltung ist gering und hängt in hohem Maß von den Herstellungs- beziehungsweise Einkaufspreisen und vom Wettbewerb ab."
  • Miriam Hopprich, Bereichsverantwortliche für das Produktmanagement bei dm, erklärt den Preisunterschied bei den Rasierschäumen von Balea und Balea Men mit unterschiedlichen Rezepturen. "Jene für Damen-Rasierschaum enthalten einen höheren Anteil an pflegenden und feuchtigkeitsspendenden Inhaltsstoffen. Eine solche hochkonzentrierte Pflegeformel ist für die Herren-Produkte nicht notwendig, da Männerhaut robuster ist."
  • Der Hamburger Kosmetikhersteller Beiersdorf (Nivea) verwies hingegen darauf, dass er gegenüber dem Handel nur unverbindliche Preisempfehlungen (UVP) aussprechen könne. Hierauf habe das Geschlecht der Zielgruppe keinen Einfluss – "bei unmittelbar miteinander vergleichbaren Produkten gibt es seitens Beiersdorf keine Unterschiede im UVP", teilt das Unternehmen mit. "Unsere Produkte unterscheiden sich jedoch vielfältig hinsichtlich ihrer Formeln, der verwendeten Inhaltsstoffe, Positionierung und der Verpackungen – all das hat Einfluss auf die jeweilige Gestaltung des UVPs".

All dies wollen die Verbraucherschützer jedoch nicht gelten lassen.

  • Der Preis für Inhaltsstoffe spiele nur eine marginale Rolle.
  • Zudem habe die Verbraucherzentrale die angeblich unterschiedlichen Pflegestoffe bei vielen Produkten nicht gefunden. "Es ist oft das gleiche Produkt, nur in einer anderen Verpackung. Das ist diskriminierend", sagt Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg.
  • Und was sagt sie zum Argument, dass etwa Rasierschaum bei Männern mehr Abverkäufe hat und dadurch günstiger angeboten werden kann? "Dann würde ich eine Mischkalkulation erwarten."

Sie rät Frauen, in Drogeriemärkten einfach mal an den Männerregalen zu schauen und die Preise zu vergleichen.

Silke Schwartau

"Kauft blau. Außerdem sollten Verbraucher die Firmen, bei denen es ihnen auffällt, anschreiben – über Social Media oder Mail – und damit konfrontieren."
"Tampon Tax"
Auch in der Besteuerung von Tampons, Binden und ähnlichen Hygieneartikeln für Frauen sehen manche eine Benachteiligung. Auf diese Produkte fällt ein Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent an. Dabei sollten wichtige Güter des täglichen Bedarfs eigentlich mit dem reduzierten Satz von sieben Prozent besteuert werden. CDU-Familienpolitiker Marcus Weinberg kritisiert: "Damenhygiene gehört zum Grundbedarf von 50 Prozent der Bevölkerung und wird besteuert wie ein Luxusartikel."

Bereits 2015, 2016 und 2017 hatte die Verbraucherzentrale Preisaufschläge für Frauen überprüft.

Es zeigte sich: In den vergangenen Jahren hat sich hinsichtlich der Preispolitik wenig verändert. Die Preisunterschiede bei Pflegeartikeln zwischen einigen Frauen- und Männer-Produkten haben sich reduziert, sie sind trotzdem weiterhin vorhanden. Eine prinzipielle Abkehr vom Gender Pricing sei nicht festzustellen. Die Verbraucherschützer forderten Kosmetikhersteller und -händler auf, eine Preisdiskriminierung von Frauen zu unterlassen.

In einer Studie für die Antidiskriminierungsstelle des Bundes waren 2017 mehr als 1.682 im Wesentlichen identische Produkte für Frauen und Männer verglichen worden. Davon unterschieden sich den Angaben zufolge 3,7 Prozent (62 Produktvarianten) beim Preis – 2,2 Prozent waren für Frauen, 1,4 Prozent für Männer teurer. Der Preisaufschlag lag bei durchschnittlich rund fünf Euro. Unter solchen Preisaufschlägen waren etwa baugleiche Rasierklingen mit rosa und hellblauer Verpackung oder baugleiche Kinderfahrräder in rosa und hellblau.

Sie deckte des weiteren Preisunterschiede für Frauen von rund vier Euro bei Duschgels vor allem von Parfümmarken auf. Bei 246 Parfüms lag der durchschnittliche Preisaufschlag für Frauen-Düfte bei 19 Euro. Aber auch Männer zahlen zuweilen drauf: Bei Lippenpflegestiften, Tagescremes und Socken fand die Studie teurere Produkte für Männer.

In der Studie heißt es aber auch:

"Produktvarianten nach Geschlecht mit Preisunterschied machen nur einen geringen Anteil am Gesamtsortiment aus und sind damit nicht prägend für die Konsumausgaben bei Produkten insgesamt."

Problematischer sehen die Studienautoren hingegen die Preisunterschiede bei Dienstleistungen. Für einen vergleichbaren Kurzhaarschnitt zahlen Frauen beispielsweise im Schnitt 12,50 Euro mehr als Männer. Nur elf Prozent der Friseure bieten den Haarschnitt zum gleichen Preis an. Bei einem Drittel der Reinigungsbetriebe ist die Reinigung einer Bluse pauschal 1,80 Euro teurer als die eines Hemds. Unterschiede gibt es demnach auch beim Schuster bei der Neubesohlung von Schuhen.

(Dieser Text ist zuerst auf t-online.de erschienen)

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