Leben
Stadtansicht mit Neustaedter Marienkirche von der Sparrenburg in der blauen Stunde, Deutschland, Nordrhein-Westfalen, Ostwestfalen, Bielefeld view from Sparrenberg Castle to the town with church Neustadt Marienkirche in the evening, Germany, North Rhine-Westphalia, East Westphalia, Bielefeld BLWS503326 Copyright: xblickwinkel/S.xZiesex

Das ist sowas von Bielefeld. Bild: imago stock&people

Meinung

Die Bielefeld-Verschwörung aus Sicht eines Bielefelders: Verarscht uns ruhig...

Erzähle ich, dass ich in Bielefeld aufgewachsen bin, passiert immer das Gleiche:

1. Mein Gegenüber sagt: "Ah, Biiiieeelefeld"

2. Dem folgt ein mitleidiger Blick, als ob das Leben mir ein extrem bitteres Blatt gedealt hätte.

3. Und dann, unausweichlich: "Das ist doch die Stadt, die es nicht gibt." Wahlweise auch "Bielefeld? Das gibt’s doch gar nicht!". Besonders Lustige sagen auch: "Wen willst du eigentlich verarschen?"

Wenn mir mein Gegenüber unsympathisch ist, dann tue ich auf doof.

Gegenüber: "Bielefeld? Die Stadt gibt es doch gar nicht! Höhö!"
Ich: "Wie jetzt?"
Gegenüber: "Äääh. Kennst du das nicht, dass es Bielefeld nicht gibt?"
Ich: "Hä? Ich komme doch aus Bielefeld."
Gegenüber: "Kennst du echt nicht die Bielefeld-Verschwörung?"
Ich: "Ne, erklär mal."

Dann stammelt die Person sich ab und versucht die Herkunft dieses Mythos zu erklären. Bis ich eingreife und plötzlich sage:

"1993 auf einer Studentenparty in Kiel hat ein Informatiker zu einem Bielefelder gesagt ‘Das gibt’s doch gar nicht’. Dann hat er über die Anfänge des Internets diese Theorie verbreitet. In Bielefeld soll laut der Verschwörung der Eingang zu Atlantis sein und John F. Kennedy oder Elvis Presley noch dort leben. Ja, die Bielefeld-Verschwörung habe ich schon 1.000 Mal gehört."

Die Wahrheit ist, dass ich persönlich nichts gegen die Bielefeld-Verschwörung als solche habe. Ich erzähle gerne sogar noch weitere lustige Zusammenhänge, die ich über sie kenne.

Wenn man sich etwa auf der A2 befindet, dann fährt man durch das Stadtgebiet von Bielefeld. Durch die Stadt führt aber der Teutoburger Wald. Das Navi sagt einem also, dass man sich in Bielefeld befindet, sieht aber weit und breit keine Häuser. Sondern nur Wald.

Bild

Sie sehen: Bielefeld, kurz vor der Ausfahrt Bielefeld-Zentrum. imago

Und wenn ich zum Beispiel Ausländern davon erzähle, dann finden sie das immer sehr cool. Bielefeld steht nicht für viel, doch aber für den Mythos einer Geisterstadt. Welche Stadt hat das schon?

Bleibt die Frage, warum sich Bielefelder über die Verschwörung so aufregen.

Können sie nicht auf eigene Kosten etwas lachen? Die meisten Ostwestfalen haben den Ruf weg, etwas humorbefreit zu sein. Aber das ist nicht der Grund, warum Bielefelder nicht ironisch mit der Verschwörung umgehen wollen.

Denn, was bei der Theorie mitschwingt, ist das konstante Lustigmachen über die Stadt, das in der Verschwörung gipfelt. Immer wieder fallen in Medien oder Moderationen Sprüche wie "Da kann ich auch Urlaub in Bielefeld machen." Braucht man ein Synonym für einen langweiligen, spießigen Nichtort, dann muss Bielefeld herhalten. Oder Hannover.

Auf die Frage, wie Bielefeld so ist, antwortete Verschwörungs-"Vater" Achim Held:

"Schön, aber nicht wirklich interessant. Deshalb war Bielefeld ja auch so ein gutes Opfer für diese Verschwörungstheorie: Man hatte von der Stadt gehört, aber es gab dort keine Attraktion, wegen der man sie mal sehen wollen würde."

Achim Held für Puls

Bielefeld ist der stadtgewordene Handtuch-Reservierungs-Witz

Ich habe auch eine Theorie zur Verschwörungstheorie. In Deutschland machen wir uns gerne über das lustig, was besonders deutsch ist. Und Bielefeld ist eben der stadtgewordene Handtuch-Reservierungs-Witz.

In anderen Worten: Bielefeld ist Deutschland.

Und zwar so sehr, dass Warentester und Meinungsforscher in der Stadt am Teutoburger Wald ihre Zelte aufgeschlugen, weil sie den Durchschnittsdeutschen dort vermuten. Eines der ersten Meinungsforschungsinstitute "Emnid" wurde dort gegründet. Die soziologische Fakultät der Uni Bielefeld gilt als eine der besten der Republik.

Und tatsächlich liegt Bielefeld mit seinen 333.000 Einwohnern (die 18-größte Stadt Deutschlands) so häufig in der goldenen Mitte. Alters-, Geschlechter- und Migrations-Struktur – alles im bundesweiten Durchschnitt. Bei der letzten Wahl des Bielefeld Stadtrats 2014 bekam die SPD 30,8 Prozent, die CDU 30,2.

Und auch das Stadtleben repräsentiert alles, was die Bundesrepublik so zu bieten hat. Bielefeld hat genauso Problem-Gegenden wie Villen-Viertel. Überall finden sich Mittelständler, aber genauso auch große international erfolgreiche Unternehmen wie Dr. Oetker oder Fensterbauer Schüco. Nebenan in Gütersloh sitzen Bertelsmann und Miele. Bielefelder gehen gewissenhaft zur Arbeit, in einer Stadt die gesäumt ist von hässlichen Nachkriegsbauten und wunderschönen Grünflächen.

Ravensberger Spinnerei, VHS Bielefeld, Deutschland, Nordrhein-Westfalen, Bielefeld spinning company Ravensberger Spinnerei, Germany, North Rhine-Westphalia, Bielefeld BLWS467119 Copyright: xblickwinkel/S.xZiesex

Die Ravensberger Spinnerei in Bielefeld Bild: imago stock&people

Bielefelder quatschen nicht, sie machen. Die beste Analogie dazu ist die Tatsache, dass Kondome-Hersteller Ritex aus Bielefeld stammt und keiner in der Stadt damit angibt, dass "Liebefeld" (was auch niemand sagt) für Liebe im Leben der Menschen sorgt.

Übermäßigen (Lokal-)Patriotismus lassen Bielefelder einfach nicht raushängen, es sei denn, es ist Fußball. Die Arminia ist ein völlig entrückter Verein, der in den Neunzigern als Arminia "Vielegeld" nach Europa strebte und vor ein paar Jahren sich fast in den Ruin wirtschaftete. Und was die Kultivierung unseres Akzents angeht, nähern wir uns eher dem hochdeutschen Hannover als dem westfälischen Dortmund, obwohl wir genau in der Mitte liegen.

Hätte Bundeskanzler Ludwig Erhard für sein Modell der Sozialen Marktwirtschaft einen Ort gesucht, wäre er in Bielefeld gelandet. Denn Bielefeld hat nicht nur eine stabile Wirtschaft, es ist auch unglaublich sozial. Der größte Arbeitgeber der Stadt sind die Von Bodelschwinghschen Stiftungen. Im Stadtteil Bethel betreiben sie zum Beispiel Werkstätten, in denen behinderte Menschen etwa Bremsklötze für große deutsche Autobauer produzieren.

Bielefeld versucht, niemanden zurückzulassen. Und zumindest für mich ist das die perfekte Vorstellung der gesamten Republik.

Also: Ihr könnt Bielefeld ruhig weiterhin verarschen, aber dann solltet ihr auch wissen, dass ihr auch das perfekte Modell von Deutschland veräppelt. Wenn ihr damit umgehen könnt, dann werden auch wir zähneknirschend die Bielefeld-Verschwörung weglächeln.

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