Im Urlaub Gutes tun? Nicht immer die beste Idee.

03.04.2018, 10:0317.08.2020, 17:12

Ein neues Land kennen lernen und dabei Gutes tun? Viele Deutsche finden das toll und leisten im Urlaub 2-4 Wochen Freiwilligenarbeit. Doch oft schaden diese Einsätze mehr, als sie helfen.

In einer aktuellen Studie von TourismWatch, Brot für die Welt und ECPAT Deutschland e.V. warnen diese nun vor "Volountourismus". Wir erklären, worum es geht.

Das Problem

Klar, wir reden nicht von einem sozialen Jahr oder Ärzte ohne Grenzen. Es geht um kurzfristige und kommerzielle Angebote, die sich an Touristen richten, die nur 1-4 Wochen bleiben, zumeist das Arbeitsfeld nicht mal kennen.

"Barbie Savior" prangert Voluntourismus auf Instagram an.

"Weit verbreitet sind Waisenhaus- und Kinderheimaufenthalte, die wir stark kritisieren. 14 der von uns untersuchten 25 Anbieter bieten solche Projekte an", heißt es in der Studie.

"Moderne Kommunikationsmedien, erschwingliche Flugangebote und die gestiegene Reiseerfahrung der europäischen Urlauber befördern diese Entwicklung." Und die Ansprüche der Touristen steigen.

Eine Freiwillige erzählt

"Das Projekt hat überhaupt nicht meinen Erwartungen entsprochen. Deshalb sind wir nach einer Weile auch nur noch zu den Arbeiten hingegangen, die uns interessiert haben. In den OP kommt man in Deutschland ja nicht so einfach, das war wirklich spannend."
Jennifer T. war 4 Wochen in einem indischen Krankenhaus.
ecpat Deutschland E.V.

15.000 bis 25.000 Deutsche sind jedes Jahr als Voluntouristen unterwegs und es werden mehr. Die Veranstalter verdienen weltweit mehrere Milliarden Euro mit ihnen. Wo das Geld hinfließt? Nicht bekannt. Von den untersuchten 25 Anbietern, wollten das nur 4 offen legen.

Für die Reiseveranstalter ein gutes Geschäft. Für die Autoren der Studie eine Katastrophe: "Selbst Kreuzfahrtouristen wird der Besuch von Kinderheimen angeboten. Rucksackreisenden bietet sich die Möglichkeit zur spontanen Freiwilligenarbeit: In Kambodscha bspw. empfehlen die Taxi-Fahrer Kunden auf Wunsch Kinderheime, die für Reisende ihre Türen öffnen."

Die Gefahren

Da die Touristen den Reiseveranstaltern Gewinn bringen, richtet sich das "Auslandserlebnis" nach deren Wünschen. Ob die Kunden sich gut verhalten, wird häufig zur Nebensache. Einen Verhaltenskodex gibt es nur bei etwa 40 Prozent der Anbieter.

Daten aus der aktuellen Studie 2018.
Daten aus der aktuellen Studie 2018.
Bild: www.watson.de

"Insbesondere bei Projekten mit Kindern entsteht so die Gefahr, dass Menschen sich Zugang zu Kindern verschaffen, um sie sexuell zu missbrauchen", warnt ECPAT, eine Arbeitsgemeinschaft zum Schutz von Kindern.

Ihre Angst ist berechtigt. In einer ECPAT-Studie von 2016 wurden die Strafbehörden der Niederlande und Großbritannien analysiert. Das Ergebnis: 15-20 Prozent der Verdachtsfälle auf sexuellen Missbrauchs an Kindern waren während Freiwilligeneinsätzen im Ausland passiert.

Eine Freiwillige erzählt:

„Oft kam die Nonne, die für das Waisenhaus zuständig war, mit Touristen in das Heim und zeigte ihnen eine Gruppe von Kindern. Die Touristen durften sich mit ihnen fotografieren lassen und die Nonne erklärte vor den Kindern und Touristen, welches von ihnen vergewaltigt wurde und welches nicht. Das fand ich extrem erschreckend, da die Kinder vor Fremden und ihren Freunden bloßgestellt wurden.“
Jennifer M. war 4 Wochen in einem Kinderheim in Vietnam.
ECPAT Deutschland e.V.

Projekte, in denen Freiwillige direkt mit Kindern arbeiten, sind die beliebteste Form von Voluntourismus – auch weil die Tätigkeiten abwechslungsreich sind.

Aber: Kindern tut es nicht gut, sich alle zwei Wochen an eine neue Person zu gewöhnen, die sich dann verabschiedet. Schon gar nicht, wenn sie Waisen sind und Verlustängste nur zu gut kennen.

Daten aus der aktuellen Studie 2018.
Daten aus der aktuellen Studie 2018.
Bild: www.watson.de

"Auch Liebesbeziehungen zwischen Freiwilligen und lokalen Jugendlichen bereiten vor Ort oft erhebliche Schwierigkeiten", so die Kinderrechtler weiter.

Freiwilligenarbeit verhindert manchmal auch, dass die Bevölkerung an Jobs in Landwirtschaft oder sozialen Bereichen kommt. Das macht die Kluft zwischen dem "Rettern" und den Entwicklungsländern noch breiter.

Natürlich gibt es dennoch Mittel und Wege Gutes zu tun, ohne der Bevölkerung zu schaden. Den gewinnorientierten Anbietern für Freiwilligenarbeit aus dem Weg zu gehen, wäre ein logischer Schritt.

Was kann man tun?

Den Anbieter fragen

  • Wird die lokale Bevölkerung in das Projekt involviert?
  • Wie lange arbeitet die Organisation schon dort?
  • An wen geht das Geld am Ende? Lokale Organisationen?
  • Kann ich an Vorbereitungsseminaren teilnehmen?
  • Wie werde ich vor Ort betreut? Gibt es Mentoren?
  • Gibt es einen Verhaltenskodex für die Teilnehmenden?
  • Nutzt der Veranstalter Armut als Marketing (hilfesuchende Kinder oder Erwachsene)?

Ehrlich zu sich selbst sein

  • Kenne ich mich aus mit Kindern/Medizin/Landwirtschaft?
  • Nehme ich der lokalen Bevölkerung einen Job weg?
  • Kann ich die Erwartungen erfüllen, die ich bei den Kindern oder der Bevölkerung wecke?
  • Ist die Dauer meines Aufenthalts lang genug, um echten Nutzen zu bringen?
  • Kann ich nach der Rückkehr in Kontakt bleiben?
  • Muss ich die Bevölkerung oder Kinder wirklich fotografieren und posten (Bitte nie ohne deren Einwilligung)?

Im Zweifelsfall Alternativen finden

  • Einige Reiseanbieter sind mit dem Zertifikat TourCert ausgezeichnet, auch das Fair-Trade-Siegel für den afrikanischen Raum ist verlässlich – vom fairen Reisen profitiert dann auch die dortige Bevölkerung.
  • Wer gerne mit Land und Leuten in Kontakt kommen möchte, für den sind gemeindebasierte Tourismusinitiativen eine gute Möglichkeit.
  • Wer praktische Erfahrungen in der Sozialarbeit oder Umweltschutz sammeln möchte, kann viele Möglichkeiten in Deutschland auf Ehrenamtsbörsen finden.
Wie engagierst du dich? Schreib uns in die Kommentare!

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