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Schon Jahre her und immer noch brisant: Schon 2009 protestieren Hannover Fans gegen die Erhöhung der Ticketpreise.

"Es muss jetzt reagiert werden" – warum Fußball ohne Fans nicht funktioniert

9,4 Millionen. So viele Menschen strömten laut kicker.de alleine in der Hinrunde der aktuellen Saison in die Stadien der 1. und 2. Fußball-Bundesliga. Das ist ein neuer Rekord. Der Fußball wächst weiter munter vor sich hin: Die Gehälter und Ablösen der Profis steigen, die Ticketpreise auch, und die Fans müssen schon länger mehr als ein TV-Abo abschließen, um die Spiele aller Wettbewerbe sehen zu können.

Die Boykott-Aktionen und Proteste der organisierten Fanszenen scheinen dem Fußballboom nichts auszumachen. "Noch", sagt Gunter Gebauer, Sportsoziologe und Mitglied der "Deutschen Akademie für Fußball-Kultur". Er warnt davor, die Fans weiter zu vergraulen.

Warum der Fußball noch immer so fasziniert und der Sport besonders von einer Gruppe Fans lebt, erklärt er watson im Interview.

watson: Kein anderer Sport lockt in Deutschland so viele Zuschauer in die Stadien wie der Fußball. Was macht den Sport so besonders?
Gunter Gebauer: Fußball ist massentauglich. Es ist ein vergleichsweise langsames und strukturiertes Spiel. Ein Großteil der Aktionen passiert im Mittelfeld, zudem ist der Platz übersichtlich und der Ball hat eine angenehme Größe. Fußball versteht man als Laie einfach schneller als Handball oder Basketball.

GUNTER GEBAUER DAS AKTUELLE SPORTSTUDIO ZDF MAINZ PUBLICATIONxNOTxINxUSA

Gunter Gebauer the current Sports studio ZDF Mainz PUBLICATIONxNOTxINxUSA

Sportsoziologe, Philosoph und ehemaliger Professor an der TU Berlin: Gunher Gebauer. Bild: imago sportfotodienst

Das Spiel selbst kann man im Fernsehen verfolgen. Warum gehen Menschen dann überhaupt ins Stadion?
In unserer Gesellschaft ist man auf der Suche nach Erlebnissen, Abenteuern und großen Emotionen. Die bekommt man nicht so sehr über den Fernseher, sondern eben im Stadion. Dort kommen Menschen aus jeder Gesellschaftsschicht zusammen und verfolgen das gleiche Ziel.

Was für ein Ziel?
Es ist ein Ausnahmezustand, wenn der Anwalt dem Handwerker jubelnd in den Armen liegt, ohne dass sie zuvor auch nur ein Wort miteinander gewechselt haben. Sowas passiert nur im Stadion. Die Menschen sind sich nah, ohne sich zu kennen oder übereinander zu urteilen. Zudem ist ein Stadionbesuch auch optisch enorm eindrucksvoll – die grüne Rasenfläche, die Masse an Menschen, die Choreos in der Fankurve – das ist ein Erlebnis.

Schlussjubel Team DO vor der Suedtribuene, Fussball 1.Bundesliga, 23.Spieltag, Borussia Dortmund (DO) - Bayer 04 Leverkusen (LEV), am 24.02.2019 in Dortmund/ Deutschland. DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and/ or quasi-video *** Final cheers Team DO in front of the southern tribunes Soccer 1 Bundesliga 23 Matchday Borussia Dortmund DO Bayer 04 Leverkusen LEV on 24 02 2019 in Dortmund Germany DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and or quasi video

Die "Gelbe Wand" in Dortmund ist berühmt für die intensive Stimmung. Bild: imago sportfotodienst

Die Menschen gehen also ins Stadion, weil ihnen langweilig ist?
Wir leben in einem Zeitgeist, in dem wir kaum materielle Sorgen haben. Das bedeutet nicht, dass wir gar keine Sorgen haben – aber Existenzängste, wie in Generationen vor uns, haben die meisten in unserer Gesellschaft nicht. Deswegen schlummern in uns viele Emotionen und Energien, die irgendwo untergebracht werden müssen und die wir verpulvern können. Dafür ist das Stadion der perfekte Ort.

Es geht beim Stadionbesuch also gar nicht um das Spiel?
Doch, es ist eine Verbindung von Stadionatmosphäre und dem, was auf dem Spielfeld passiert. Der Zauber des Fußballspiels liegt in der Mischung aus Können, Fleiß und Glück – das macht das Spiel so spannend.

Eine falsche Schiedsrichterentscheidung kann ein ganzes Spiel umwerfen und zu Wochen- oder sogar jahrelangen Streitigkeiten und Feindschaften führen. Wenn man also im Leben sonst wenig Ungerechtigkeit erfährt, dann wenigstens im Stadion.

"Wenn man im Leben sonst wenig Ungerechtigkeit erfährt, dann wenigstens im Stadion."

Durch die hohe Nachfrage verändern sich die Stadien ständig. Auf einmal ist die Rede von WLAN-Spots, es gibt Stadion-Apps und Gewinnspiele in der Halbzeit. Macht diese Veränderung das emotionale Stadionerlebnis kaputt?
Man wird während des Stadionaufenthalts überall mit Werbungen bombardiert. Wenn das noch weiter ausgereizt wird, kann es durchaus passieren, dass der Fußball die wichtigen Fans verliert.

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Braucht man WLAN im Stadion? Bild: imago sportfotodienst

Wer sind die "wichtigen Fans"?
Die Fans in den Kurven, die die Stimmung kreieren und den Fußball lebendig machen. Das sind auch die, die keine Lust haben, Werbefiguren für den Verein zu sein. Sollten diese Fans gehen, würden sie das Stadiongefühl, die Emotionen und damit auch den ganzen Zauber mitnehmen.

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Pyrotechnik gehört für Teile dieser "wichtigen Fans" auch dazu. Bild: imago sportfotodienst

Es gibt bereits viele Proteste und Boykotte gegen die voranschreitende Kommerzialisierung. Wieso merkt man davon nichts an den Zuschauerzahlen?
Kommerzialisierung ist immer zweischneidig. Natürlich hat sich in den letzten 20 Jahren das Spiel und das Spielerlebnis durch Kommerzialisierung stark verändert. Allerdings muss man auch sagen, dass die vielen Gelder die Qualität des Spiels enorm verbessert haben. Den hochwertigen Fußball, den wir heute sehen, wird zu einem großen Teil durch die Kommerzialisierung finanziert. Und der zieht eben auch Publikum an.

Stößt andere aber auch ab...
Verständlicherweise. Die Geldmassen, die beim Fußball über den Tisch gehen, sind kaum noch begreifbar. In viele englische Clubs zum Beispiel fließt das Geld von ausländischen Investoren, die komplett andere Interessen haben als die Fans. Die Fans werden übergangen und die Geldsummen stehen in keinem Verhältnis mehr zu dem, was geleistet wird. Das kann schiefgehen.

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Düsseldorfer Choreo gegen die Geldmassen, die in den Fußball fließen. Bild: imago sportfotodienst

Schiefgehen?
Es wird mittlerweile seit 20 Jahren von Kritikern vorhergesagt, dass in der nächsten Saison der Fußball, aufgrund der Geldbeträge und Kommerzialisierung, wie ein Kartenhäuschen zusammenbricht. Das ist 19 Mal schon dementiert worden.

Ich war nie ein Freund dieser düsteren Prognose, weil ich immer dachte: "Da ist doch noch Luft nach oben." Nun sind wir aber an einem Punkt, wo es keine Luft mehr nach oben gibt. Viel mehr Gelder dürfen nicht in den Fußball gesteckt werden.

Ansonsten?
Wenn es keine Grenzen gibt, wird ein Spieler wie Neymar für 222 Millionen Euro gekauft. Das sprengt offensichtlich vollkommen den Rahmen der Vernunft und Normalität und kann den Sport sowie das damit zusammenhängende Stadionerlebnis zerstören, so wie es in England schon teilweise passiert ist.

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Leere Ränge im Stadion von Sheffield United. bild: imago/sports

Kann diese Veränderung im deutschen Fußball noch gestoppt werden?
Ja, aber dafür muss jetzt reagiert werden. Zum Beispiel durch Kappungsgrenzen der Spielergehälter. Das funktioniert in den USA recht gut. Da gibt es ein bestimmtes Budget, das für Transfers und Spielergehälter vorgesehen ist. Dieses Budget darf nicht überschritten werden. Dadurch herrscht eine gewisse Ordnung, Spannung und Gerechtigkeit im US-Sport, die uns hier fehlt.

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