Marco Ehrenfried (r.) hievt den German-Bowl-Pokal hoch.
Marco Ehrenfried (r.) hievt den German-Bowl-Pokal hoch.
bild: gartenfelser/imago
Interview

Warum der deutsche Tom Brady lieber Geschichtslehrer wird

19.10.2018, 17:1522.10.2018, 11:06

Volle Stadien, Millionen Zuschauer und die besten Footballer der Welt. Seit einem Monat läuft die 99. Saison der NFL. Weit weg von diesem Glitzer-Zirkus fand am Samstag der 40. German Bowl in Berlin statt.

Die Schwäbisch Hall Unicorns gewannen das Endspiel um die deutsche Meisterschaft vor 15.213 Zuschauern im Berliner Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark gegen Samsung Frankfurt Universe mit 21:19 (7:13). Das Team um Quarterback Marco Ehrenfried machte damit ihren insgesamt vierten Titelgewinn nach 2011, 2012 und 2017 perfekt.

Ehrenfried feierte am Samstag die Titelverteidiung des German Bowls.
Ehrenfried feierte am Samstag die Titelverteidiung des German Bowls.
Bild: hartenfelser/imago sportfoto

Die Unicorns und Ehrenfried sind momentan das Non-Plus-Ultra im deutschen Football: Seit 34 Spielen hat das Team nicht mehr verloren und es stand in den letzten fünf Endspielen der Deutschen Football-Liga GFL.

Dabei ist Ehrenfried einer der ganz wenigen deutschen Quarterbacks, die in der GFL spielen. Der 1,97-Meter-Hüne (Kampfgewicht 98 Kilo) hat in der abgelaufenen Spielzeit in 17 Spielen 3734 Yards, 37 Touchdowns und nur 14 Interceptions geworfen. Alles Top-Werte.

Wir sprachen mit Ehrenfried über Vergleiche mit Tom Brady, den Mangel an deutschen Quarterbacks und fragten den 26-Jährigen, warum sein Traum von der NFL so schnell vorbei war.

watson.de: Ein Youtuber stellte dich mal als besten europäischen Quarterback vor und du selbst sagst, du seist ein klassischer Pocket-Passer. Bist du der deutsche Tom Brady?
Marco Ehrenfried: Das könnte man schon ein bisschen sagen, weil meine Kollegen immer meinen Spielstil mit dem von Tom Brady vergleichen. Ich würde sagen, dass ich schon ein bisschen agiler bin in den letzten Jahren und mehr zu Fuß unterwegs bin. Aber von den Grundanlagen bin ich seinem Spielstil schon relativ ähnlich.

In den letzten fünf Jahren standest du immer im Finale des German Bowls und bist wohl Deutschlands bester Quarterback. Dein Traum von der NFL war aber recht schnell vorbei. Warum?
Ich hatte einen Agenten angestellt, der mir helfen sollte auf ein Football-College zu kommen. Björn Werner macht derzeit etwas Ähnliches. Aber relativ schnell hat sich herausgestellt, dass die Amerikaner auf der Quarterback-Position gar keinen Bedarf haben, weil die so viel eigenes Talent haben.

Einige Plays von Ehrenfried:

Ich hatte einige Angebote, aber das waren keine Stipendien. Ich wollte auch nicht dafür zahlen, um auf ein drittklassiges College zu gehen und dann nach fünf Jahren Spaß aus den USA zurück kommen, ohne etwas in der Hand zu haben. Das war es mir nicht wert.

Du hast dich für den sicheren Weg entschieden, studierst in Heidelberg Geschichte und Sport auf Lehramt und spielst nebenher Football. Kann man davon leben?
Es gibt einige Spieler, die in Deutschland nur Football spielen und davon leben. Die Frage ist aber: Wie will man leben? Um eine Familie noch durchzubringen, ist es nicht genug. Und irgendwann, wenn man nicht mehr Football spielen kann, will man ja eine Familie und einen guten Job haben. Natürlich wäre das schön gewesen, im Ausland zu spielen, aber ich hatte die Möglichkeit hier in Deutschland zu studieren und habe eine berufliche Zukunft. Ich bin zufrieden, da wo ich jetzt bin.

In der GFL setzten nur wenige Team auf deutsche Quarterbacks...
Ich glaube, es gibt nur mich, Sonny Weishaupt aus Frankfurt und Jan Weinreich aus Köln, die öfter auf der Position in der GFL spielen.

Warum?
Weil die Position so komplex ist und die Amerikaner viel mehr Spielerfahrung und einen riesigen Vorsprung haben. Die haben an den Highschools und den Colleges jeden Tag Training mit speziellen Coaches für diese Position – nicht so wie wir, die zwei- oder dreimal die Woche trainieren. Zudem gibt es bei uns so gut wie keine spezielle Quarterback-Ausbildung.

Ehrenfried auf der Flucht vor einem Sack. 
Ehrenfried auf der Flucht vor einem Sack. 
bild: eibner/imago sportfoto

Ich hatte da sehr viel Glück, dass mich mit Jordan Neuman einer der besten europäischen Quarterback-Coaches seit meiner Jugend begleitet hat. Es macht also natürlich auch Sinn die wichtigste Position mit der meisten Verantwortung mit einem Ausländer zu besetzen.

Wie hoch ist das Niveau der GFL im internationalen Vergleich?
Mit der NFL oder dem College-Football können wir natürlich nicht konkurrieren. Aber an der japanischen Liga könnte eines unserer Topteams kratzen und da sogar mitspielen, würde ich aus Erfahrung mit der Nationalmannschaft sagen.

Ehrenfried bei der EM 2014 im Trikot der deutschen Nationalmannschaft.
Ehrenfried bei der EM 2014 im Trikot der deutschen Nationalmannschaft.
Bild: eibner/imago sportfoto

Europaweit ist die GFL die stärkste Liga, würde ich sagen. Dadurch, dass es keine Obergrenze für Ausländer gibt, wird die GFL immer mehr zu so einer Superliga, denn viele Vereine kaufen im Ausland ein. Es kommen Dänen, Schweden, Finnen oder Österreicher in die GFL, weil hier mehr gezahlt wird.

Was kann ein GFL-Spieler im Monat verdienen?
So genau für jeden einzelnen Spieler kann ich das nicht sagen, aber einige kriegen ein Auto und eine Wohnung gestellt, dazu bekommen sie noch Handgeld von vielleicht 800 Euro. Das ist also ein gutes Studentenleben, mehr aber nicht.

Welche Ziele hast du nach der Verteidigung der Deutschen Meisterschaft noch?
Ich will mich vor allem auf meine beruflichen Ziele als Lehrer konzentrieren. Vor allem im zweiten Abschnitt meines Referendariats wird es für mich drauf ankommen beruflich voll da zu sein. Und sportlich muss ich schauen, wie viel Zeit ich für Football noch aufwenden kann und ob ich es überhaupt noch nebenher machen kann kommendes Jahr.

Ist das ein Rücktritt als frischgebackener Meister?
Ich habe meinem Coach gesagt, dass ich erstmal eine Pause machen werde – bis April. Nach meinen Lehrproben muss ich dann schauen, wie viel Zeit ich noch habe und wohin ich dann als Lehrer in Baden-Württemberg geschickt werde. Ich kann nicht in Schwäbisch Hall spielen, wenn ich in Freiburg oder noch südlicher stationiert bin. Als Quarterback muss ich jedes Training da sein. Das war bisher schon schwer, weil ich zweimal die Woche aus Heidelberg zu jedem Training die fast zwei Stunden nach Schwäbisch Hall gefahren bin.

Wenn ich aber wieder einsteige, dann ist es natürlich klar, dass ich um den German Bowl spielen und die Europameisterschaft mit Deutschland gewinnen will.

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Was muss der deutsche Football besser machen, um das zu schaffen?
Die ganzen Spieler von außerhalb machen den deutschen Football nicht unbedingt besser, weil viele gute deutsche Talente auf der Bank sitzen, obwohl sie nicht mal schlechter sind, aber einfach ein schlechteres Standing haben. Da ist oft der Irrglaube, dass die von außerhalb es ja besser können müssen, weil sie von weit herkommen. Der deutsche Football muss da langsam mal eingreifen, damit das nicht weiter ausartet und gute deutsche Talente nicht einfach aufhören oder in untere Ligen wechseln, sondern bei den Top-Teams spielen.

Hilfst du dann künftig direkt an der Basis, in dem du Football-Training in der Schule gibst?
Ich habe mit Schülern schon Football in einer Sport-Stunde gespielt. Ich musste eine Dokumentation einer Unterrichtseinheit schreiben, habe mich da für das Thema Flag Football entschieden. Ich kann mir auch vorstellen, das später in meinen Unterricht zu übernehmen. Derzeit muss ich mich aber noch an den vorgeschriebenen Lehrplan im Referendariat halten. Später dann.

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