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So versucht die Regierung, Anschläge und Kriege vorherzusagen

Vor jedem Anschlag gab es einen Chat, in jeder Krise einen Hashtag. Wer heute erkennen will, wo auf der Welt es bald knallt, der scheint gut beraten, vor allem das Internet im Auge zu behalten.

Genau das versucht die Bundesregierung in dutzenden Pilot-Projekten und über mehrere Ministerien hinweg. Sie setzt Software ein, um Gefahren zu sehen, bevor sie überhaupt passieren. Im Detail zeigt das eine aktuelle Antwort auf eine kleine Anfrage der Linksfraktion, die watson vorliegt.

Demnach arbeiten nicht nur das Bundesverteidigungsministerium und das Auswärtige Amt daran, Facebook, Twitter und Co. automatisch auf drohende Risiken hin abzuklappern. Auch das Ministerium für Bildung und Forschung nutzt mittlerweile Software, um die Radikalisierung von von "islamistisch-dschihadistischen und rechtsextremistischen" Netzwerken vorauszusehen.

So funktioniert die
digitale Glaskugel

Schon länger bieten private Sicherheitsfirmen Software-Pakete an, um Krisen vorherszusagen, die noch gar nicht passiert sind. Auch bei der Polizeiarbeit spielen solche Programme eine immer wichtigere Rolle (dazu gleich mehr).  Es gibt mittlerweile viele Anbieter, das Prinzip bleibt ähnlich:

Gibt es genug Hinweise und decken sich die neu gesammelten Informationen mit anderen Datenquellen – etwa wissenschaftlichen Datenbanken oder Geheimdienstinformationen – gehen die Forscher davon aus, dass bald etwas passiert. Plakatives Beispiel: Regen sich beispielsweise genug Menschen online über ihre Regierung auf, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie zu Signaltagen wie dem 1. Mai auf die Straße gehen.

Die Bundeswehr und der Supercomputer

Nun ist schon seit einer Weile klar, dass auch die Bundeswehr solche Software testet. Das Ganze heißt dort etwas sperrig "IT-Unterstützung Krisenfrüherkennung".

Zum Einsatz kommt die Künstliche Intelligenz "IBM-Watson" (keine Sorge, wir haben mit unserem Namensvetter nichts zu tun). Das Programm liest Daten aus öffentlichen Quellen aus, um der Bundeswehr Prognosen über anstehende Gefahren abzugeben. Andernorts hilft  Watson dabei, die Ausbreitung von Krankheiten vorherzusagen, oder komplizierte wissenschaftliche Tests durchzuführen.

Bis Ende Juni ist IBM Watson noch in der Testphase bei der Bundeswehr. Mehr als 15 Millionen Euro hat die Software dort bisher gekostet.

Ist das Verteidigungsministerium dann zufrieden, könnte Watson in Zukunft nicht nur mit Informationen von Facebook und Twitter, sondern zusätzlich auch mit Daten der militärischen Geheimdienste gefüttert werden. Die Ergebnisse würden den Militärs dann regelmäßig bei der Planung helfen.

Das Auswärtige Amt und Social Media

Auch das Auswärtige Amt stellt "erste Überlegungen" an, um in Zukunft Social-Media-Plattformen zur Vorsorge auszuwerten. Den Beamten geht es vor allem darum, Falsch-Informationen rechtzeitig ausfindig zu machen und "Kampagnen" gegen die deutsche Außenpolitik aufzudecken. Dies könne, so heißt es in der Antwort der Bundesregierung, auch computergestützte Auswertung von Sozialen Medien umfassen. Auch hier ist ein Modell wie IBM-Watson denkbar.

Das Auswärtige Amt ist schon jetzt Partner zahlreicher EU-Projekte, die sich mit dem Thema Radikalisierung und Krisen-Erkennung beschäftigen. Sie tragen Namen wie "RED-Alert", "INSIKT" oder "DANTE".

Das Bildungsministerium und die Polizei

Während sich die Bundeswehr mit Gefahren und das Auswärtige Amt mit Desinformationen beschäftigt, unterstützt das Bildungministerium unter Anja Karliczek vor allem Forschung zur Radikalisierung.

Das Projekt "X-SONAR" untersuche "menschenverachtende Diskurse sowie strafrechtlich relevante Handlungsweisen." Die Forscher wollen Muster von Extremisten erkennen und radikale Entwicklungen vorhersagen können.

Dabei sollen auch bald sogenannte Internet-"Crawler" zum Einsatz kommen.

Das sind Computerprogramme wie sie auch Google nutzt. Sie durchsuchen automatisch das Internet, analysieren es und heften Informationen unter bestimmten Stichwörtern ab.

Es geht dem Ministerium nicht nur um Grundlagenforschung – am Projekt sind auch das LKA-Niedersachsen, das LKA Schleswig-Holstein und die Deutsche Hochschule der Polizei beteiligt.

Auch das Bundeskriminalamt (BKA) durchkämmt mittlerweile in Projekten das Internet, um seinen Beamten im Einsatz einen Vorsprung zu verschaffen. Und auch hier gibt es sie  wieder: Software, die automatisch Daten im Internet erfasst. 

Kritik aus der Opposition

Die Bundeswehr sieht die Früherkennung von Krisen als ihren Verfassungs-Auftrag an – aus der Opposition gibt es daran allerdings Kritik.

"Die Idee, politische Ereignisse zukünftig mithilfe einer Software früherkennen zu wollen, ist haarsträubend", sagt der europapolitische Sprecher der Linksfraktion Andrej Hunko zu watson.

Was als wissenschaftlicher Ansatz daherkomme, sei in Wirklichkeit eine Glaskugel. Und die sammele ihre Informationen aus unglaubwürdigen bzw. einseitigen Quellen im Internet. Im Falle Venezuelas würde das Lagebild etwa verzerrt, weil Medien vor allem über die Gegendemonstrationen gegen Maduro berichten würden. "Wenn sich die Bundeswehr und das Auswärtige Amt mit ihrer Software zur Früherkennung auf solche Quellen stützen, führt das zwangsläufig zu einem politischen Blindflug", behauptet Hunko.

Die Regierung setzt in ihrer Antwort dagegen, dass die ersten wissenschaftlichen Ergebnisse aus den Projekten vielversprechend seien. An anderer Stelle heißt es darin aber auch, dass so genannte "Fake News" noch immer nicht zuverlässig mit wissenschaftlichen Mitteln erkennbar seien.

Die Bundeswehr macht in ihrer neuen Doku auf "Call of Duty"

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Video: watson/Max Biederbeck, Lia Haubner, Marius Notter

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