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"Alerta, Alerta, Antifascista!" Warum Teile der Mitte ein Problem mit diesem Ruf haben

Erst rufen den Streit-Slogan nur wenige – und Sänger Monchi von Feine Sahne Fischfilet geht nicht darauf ein. Am Montag in Chemnitz. Als 65.000 aus ganz Deutschland das #wirsindmehr-Konzert gegen Rechtsextremismus besuchen. Stattdessen redet Monchi über das Opfer der Messerattacke von Chemnitz, und wie Rechte es zu instrumentalisieren versuchen. Leute klatschen, im Chor singen sie jetzt "Nazis Raus". Darauf können sich vermutlich fast alle in Deutschland einigen.

So auch gestern in Chemnitz:

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Video: YouTube/CM Styles

Aber es dauert nicht lange, da rufen sie den Streit-Slogan wieder. Diesmal ist der eingängige Wechselgesang lauter. Das passiert noch etliche Male und im Laufe des Abends wächst eine alte Losung antifaschistischer Demo-Züge zum lauten Festival-Gesang heran. Zehntausende singen:

"Alerta! Alerta! Antifascista!"

Hier ein Beispiel:

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Video: YouTube/CM Styles

Und damit haben jetzt vor allem Menschen aus der Mitte und dem konservativen Spektrum ein Problem. Sie weisen den Alerta-Slogan der links autonomen Szene zu. Und mit der wollen sie nichts zu tun haben, auch wenn beide gegen Rechts stehen:

So schrieb etwa die liberal-konservative Publizistin Liane Bednarz:

Es lohnt sich also, besagtes "Alerta, Alerta" genauer unter die Lupe zu nehmen:

Woher kommt die Losung?

Die Übersetzung ist augenscheinlich: "Alarm, Alarm, Antifaschistinnen und Antifaschisten!" – das Motto kommt aus dem Italien der 20er Jahre. Die Gegner des stärker werdenden Faschismus' kämpfen damals gegen dessen Diktator Benito Mussolini.

Der Autor und frühere ZDF-Journalist Holger Kulick beschreibt in seinem Buch "Mut-ABC für Zivilcourage", wie daraufhin auch in Deutschland die "Antifaschistische Aktion" Fahrt aufnimmt. Man könnte sagen, die erste Antifas kämpfen gegen den 1923 aufstrebenden Nationalsozialismus. 

Die Losung lässt sich von daher kaum trennen von der Entwicklung des Antifaschismus' als solchem.

In der DDR wird der Antifaschismus später als "kommunistische Faschismustheorie" zur Staats-Lehre erhoben.

Der Historiker Hans-Ulrich Wehler schreibt:

Er "entpuppte sich als eine Variante der marxistischen Kapitalismustheorie insofern, als sie den italienischen Faschismus, den deutschen Nationalssozialismus und ihre Verwandten als einen einheitlichen politischen Regimetypus verstand."

Deutsche GEsellschaftsgeschichte 1949-1990

Damals verbindet die Ideologie der DDR den Begriff Antifaschismus direkt mit einer Kritik am Kapitalismus. Das ist für die aktuelle Lage wichtig: Auch heute spielt es eine Rolle, dass sowohl Kritiker als auch Unterstützer dem Begriff mehr zuschreiben, als nur den Kampf gegen Rechts.

Das Problem mit "der" Antifa

In Westdeutschland ist es vor allem die Antifa, die den Begriff besetzt.

Verschiedenste Gruppen entstehen aus der Hausbetzer und Autonomen-Szene im Westen Deutschlands. Auch im Osten organisieren sich Ende der 80er die ersten Antifa-Kollektive.

Von da ausgehend, entwickelt sich die Antifa allerdings nicht in einer, sondern in zahlreichen Gruppen unterschiedlicher Ausrichtung weiter.

Im Grunde wäre es deshalb sinnvoller, von den Antifas im Plural zu sprechen.

Die Ziele der Aktivisten sind ähnlich:

Aber es gibt auch große Unterschiede:

In der Nahost-Frage, also der Haltung zu Israel, ist die Szene gespalten.

Im aktuellen Fall entsteht deshalb Streit:

Wegen gewaltbereiter Strömungen und der historisch gewachsenen Links-Schlagseite gibt es Misstrauen gegen die Antifa und ihre Losung. Gerade bürgerliche Gruppen wollen sich nicht mit linken und teils linksextremen Positionen gemein machen.

Spricht man mit Vertretern der Konservativen und der liberalen Mitte in Deutschland, ist dies ein oft genanntes Argument. 

Die Chefin der Jungliberalen Ria Schröder etwa sagte watson:

"Wir als FDP und JuLis stehen in der Mitte und sagen: 'Jeder Extremist ist Mist' – das bedeutet nicht, dass wir Links- und Rechtsextremisten gleichsetzen. Wir verurteilen sie allerdings gleichermaßen, genauso wie religiöse Extremisten. Alles drei richtet sich häufig gegen Menschen. Und weil wir das verurteilen , fühlen sich Mitglieder linker Parteien oft von uns angegriffen."

Von linker Seite wiederum gibt es dieser Tage viel Unverständnis für diese Einstellung. Konservative und Mitte-Parteien beteiligten sich nicht genug an den aktuellen Demonstrationen von "Demokraten" gegen Rechte, heißt es dann.

Dies kritisierte etwa die bayerische Spitzenkandidatin der Grünen Katharina Schulze:

Ein Ruf, zwei Lesarten

Es gibt somit zwei unterschiedliche Deutungsweisen von "Alerta! Alerta! Antifascista!"

  1. Der Slogan gehört nur dem "Kampf gegen Rechts" und verkörpert den Widerstand von Demokraten gegen die Ereignisse von Chemnitz.
  2. Der Slogan verkörpert auf Grundlage seiner historischen Entwicklung immer auch linke, manchmal sogar linksextreme politische Positionen.

Wer zu ersterem hält, versteht die Zögerlichkeit der bürgerlichen Mitte im Kampf gegen Nazis nicht. Anhänger von Punkt Zwei befürchten politisch motivierte Gewalt von Links- und von Rechts. Sie lehnen beides ab, selbst wenn sie bei "Nazis raus" vielleicht mitsingen würden. 

Es könnte natürlich auch ein Tor 3 geben: Wenn sich Begriffe historisch entwickeln, dann können sie sich historisch auch weiterentwickeln. Vielleicht ist genau das bei den 65.000 Menschen am Montag in Chemnitz passiert.

Positiv formuliert: Am Montag könnte ein durchaus linker Demobegriff schlicht in die liberalbürgerliche Mitte tausender gerückt sein.

65.000 Menschen zeigen in Chemnitz: #WirSindMehr:

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Video: watson/Felix Huesmann, Marius Notter, Lia Haubner

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    Alle Leser-Kommentare
  • David Both 06.09.2018 10:14
    Highlight Highlight Super Analyse! Auch mir geht es immer wieder so. Man geht auf Demos etc. möchte Zeichen setzen für eine plurale, offene Gesellschaft, für Demokratie und Frieden. Doch dann kommen die Antifas und Gießen mit ihren Schlachtrufen Öl ins Feuer. Alerta, alerta ist da vielleicht noch das geringste Problem, doch Sprüche wie "Bomber Harris do it again", "Nie, nie, niewieder Deutschland", "Deutschland ist scheiße, ihr seid die Beweise" etc. dienen nur der Spaltung und Eskalation. Wenn sie zu erreichen versuchen, dass man sich nicht mehr mit ihnen auf eine Seite stellt, dann sind sie auf einem guten Weg.
    1 0 Melden

Der Bundespräsident kuschelt nicht mit Linksextremen, er stellt sich gegen Nazis!

Wer sich gegen rechts positioniert, muss in diesen Tagen anscheinend besonders vorsichtig sein, dass er mit seinen Aussagen und Empfehlungen genau die Mitte trifft. Landet man nur einen einen Tick zu weit links, tobt schnell ein Shitstorm – wie gerade auf dem Facebook-Profil von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

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