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Mehr als 100 Menschen starben bei den Protesten auf dem Maidan in Kiew. Bild: Getty Images Europe

Vor 5 Jahren stürzte die Ukraine ihren Präsidenten – noch immer ist das Land zerissen

In seinem russischen Exil hat der aus seinem Land geflohene ukrainische Ex-Präsident Viktor Janukowitsch ganz andere Sorgen als die große Politik. Bei einem Tennismatch habe er sich am Knie verletzt, sagt der 68-Jährige bei einem Auftritt in Moskau Anfang des Monats. Weit weg sind die dramatischen Ereignisse vor exakt fünf Jahren, als er am 21. Februar 2014 fliehen musste. Grund dafür waren die blutigen Proteste proeuropäischer Ukrainer auf dem Maidan, die weg wollten von Janukowitschs Russland-Hörigkeit in eine Zukunft in der EU. Auch rechtsextreme Gruppierungen beteiligten sich an den Protesten.

KIEV, UKRAINE - JANUARY 24: Anti-government protestors add tyres to a barricade near Dynamo Stadium on January 24, 2014 in Kiev, Ukraine. Talks to resolve the political stalemate in the Ukraine have failed as anti government protests continue in the capital and opposition leader Vitali Klitschko urges the government to call a snap election. (Photo by Rob Stothard/Getty Images)

Bild: Getty Images Europe

Mehr als 100 Menschen starben damals auf dem Unabhängigkeitsplatz, dem Maidan, in Kiew. An den Bäumen der Allee der "Helden der Himmlischen Hundertschaft", die zum Maidan führt, hängen noch immer mit Klebeband befestigte Fotos von toten Demonstranten. Provisorische Gedenksteine mit stilisierten Kosaken-Säbeln, Stapel mit Pflastersteinen und Windlichtern erinnern an die dreimonatigen Proteste, die mit blutigen Auseinandersetzungen zwischen Regierungsgegnern und Sicherheitskräften endeten. Der Bau eines von deutschen Architekten entworfenen Gedenkkomplexes lässt weiter auf sich warten. Eine provisorische Ausstellung zum Jahrestag soll Besuchern der Hauptstadt die Ereignisse näher bringen.

NOVI PETRIVTSI, UKRAINE - NOVEMBER 15: Visitors take pictures of a stuffed lion at Mezhyhirya, the former private estate of former president Viktor Yanukovych which is now a museum, on November 15, 2014 in Novi Petrivtsi, Ukraine. When Yanukovych was forced from power in February and fled the country following months of sometimes violent protests, the extravagant estate was opened to the public and returned to state ownership. (Photo by Brendan Hoffman/Getty Images)

Janukowitschs ehemaliges Anwesen ist heute ein Museum. Inklusive Privatzoo und ausgestopftem Löwen. Bild: Getty Images Europe

In der Ukraine herrscht Krieg, doch Janukowitsch ist sicher

Währenddessen sieht sich Janukowitsch in Sicherheit – eine Auslieferung wegen Hochverrats in seine frühere Heimat muss er nicht fürchten. Kremlchef Wladimir Putin garantiert seinen Schutz. Janukowitsch lebt nach russischen Medienberichten in Luxus, trifft sich mit Geschäftsleuten, wird bei Pressekonferenzen hofiert. Dabei ist sein Land, die Ukraine, zerrissen. Krieg, Armut und Vertreibung bestimmen für viele Menschen in der Ostukraine den Alltag.

Dass Janukowitschs Nachfolger Petro Poroschenko, ein auch mit einem Schokoladenimperium zu Reichtum gekommener Oligarch, um seine Wiederwahl fürchtet, kommentiert der gefallene Politiker beinahe genüsslich. "Das ist alles wie in einem schrecklichen Traum für alle Beteiligten", sagte Janukowitsch unlängst vor Journalisten. Eine Zukunft mit ihm wäre die bessere Option für das Land gewesen, ist er sich sicher. Die Halbinsel Krim wäre nicht an Russland gefallen, in der damals recht gut aufgestellten Ostukraine, woher Janukowitsch stammt, wäre Frieden, glaubt er.

Die Maidan-Proteste in atemberaubenden Fotos:

Ein Satiriker könnte Präsident werden. Sonst gibt es wenig zu lachen.

Fünf Jahre später hat das Land zwar die von der EU versprochene Visafreiheit und das Assoziierungsabkommen, das Janukowitsch zu Gefallen Russlands nicht unterzeichnen wollte. Aber sonst gibt es wenig Lichtblicke. In Kiew gibt es zum Jahrestag des Blutbades auf dem Maidan Glockengeläut, Kerzen, Nelken und Rosenblätter. Das Trauma ist nicht aufgearbeitet. Ob Janukowitsch damals Scharfschützen den Schießbefehl gab, ist noch immer nicht geklärt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen der tödlichen Schüsse, noch wurde jedoch niemand verurteilt.

Auslöser der Proteste war eine Abkehr von Russland zugunsten eines proeuropäischen Kurses. Vor der Präsidentenwahl am 31. März erinnert Amtsinhaber Petro Poroschenko immer wieder daran, worum es damals ging, wofür es so viele Opfer gab. Er schwört die Ex-Sowjetrepublik auf einen Kurs in die EU und die Nato ein. Ein Zurück gibt es nicht.

Und Janukowitschs Erbe in der Heimat? Die einst regierende Partei der Regionen hat sich aufgelöst. Einige Gefolgsleute gründeten sich als Oppositionsblock neu, zerstritten sich aber bald wieder, sie spielen kaum eine Rolle in der Kiewer Politik.

Bei der Präsidentenwahl könnte vielmehr jemand das Rennen machen, der auch in Russland beliebt ist: der Komiker Wladimir Selenski, der zuletzt schon in einer Satire Präsident spielte und auch Poroschenko parodierte.

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Dieser Mann will Präsident der Ukraine werden: Wladimir Selenski. Bild: imago stock&people

Zu lachen haben die Menschen in der Ukraine sonst nicht viel. Wirtschaftlich hat sich ihre Lage kaum verbessert: Aktuellen Umfragen zufolge sind die Menschen dort so unzufrieden wie noch nie zuvor. Mehr als 70 Prozent der Einwohner sind unglücklich über die Entwicklung des Landes. Doch sehnen sich nur wenige nach einem Leben unter Janukowitsch zurück. Viele Ukrainer wollen im EU-Ausland Arbeit finden, vor allem im benachbarten Polen.

Die Ukraine ist das ärmste Land Europas

DONETSK, UKRAINE - FEBRUARY 26:  A pro-Russian rebel walks amongst the wreckage of the destroyed Donetsk airport on February 26, 2015 in Donetsk, Ukraine. The Donetsk airport has been one of the most heavily fought over pieces of land between the Ukrainian army and pro-Russian rebels.  (Photo by Andrew Burton/Getty Images)

Im Osten der Ukraine herrscht weiter Krieg. Bild: Getty Images Europe

Das Land, das nach einer Statistik des Internationalen Währungsfonds das ärmste in Europa ist, geht zudem bald in das sechste Kriegsjahr. Im Osten sind seither mehr als 13.000 Menschen in den Kämpfen der prorussischen Separatisten mit den Regierungssoldaten gestorben. Hunderttausende sind vor dem Krieg ins benachbarte Russland geflohen – und wollen auch nie wieder zurückkehren.

Dass Janukowitsch jemals wieder nach Kiew zurückkehren wird, ist unwahrscheinlich. Sein einstiges prunkvolles Anwesen Meschyhirja im Norden von Kiew steht leer, ist aber ein Besuchermagnet für Schaulustige. Bis zu 3000 Besucher kommen am Wochenende vorbei, das riesige Gelände ist vor allem für Picknicks oder Fahrradtouren im Sommer beliebt. Die Residenz mit goldenen Kronleuchtern, luxuriöser Ausstattung und ausgestopften Tieren ist dabei weniger interessant. Die Menschen wollten ja nicht zu Janukowitsch, sagt Denis Tarachkotelnik, der Verwaltungsleiter des gerichtlich beschlagnahmten Gebäudes. Sie wollten auf dem herrlichen Grundstück einfach vom harten Alltag abschalten.

(fh/dpa)

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