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Bild: Getty / privat / watson Montage

Interview

Vaterfiguren: Was es bedeutet, ohne Vater aufzuwachsen

In der Serie Vaterfiguren erzählen Männer, was ihre Väter ihnen übers Mann-Sein beibrachten. Den Anfang macht der Autor und Musiker Musa Okwonga.

Yasmina Banaszczuk
Yasmina Banaszczuk

Wenn wir über Eltern sprechen, meinen wir oft eigentlich nur die Mütter. Vatertag verbinden wir mit trinkenden Männern rund um einen Bollerwagen. Während Frauen von klein auf lernen, auf emotionaler Ebene zu kommunizieren, geschieht das bei Männern seltener.

Woran liegt das? Welche Bedeutung haben Väter für ihre Söhne, gerade in einer Zeit, wo sich Geschlechterrollen immer weiter entwickeln? Zeit, das herauszufinden.

Für die Reihe Vaterfiguren trifft Yasmina Banaszczuk verschiedene Männer, die mit ihr über ihre Väter sprechen. Alter, Herkunft, sexuelle Orientierung, Religion – all das ist erstmal egal. Spannender ist, was sie von ihren Vätern gelernt haben. Und was vielleicht auch nicht.

Ich lerne, dass meine Vorstellung über Väter geupdatet werden muss

Musa ist der erste Mann, den ich im Rahmen dieser Interviews treffe. Er ist Journalist, Dichter, Musiker, Autor. Für den "Guardian" schreibt er über Fußball, für die deutsche Bundesliga steuerte er mit seiner Band BBXO einen offiziellen Song bei. Er hat drei Schwestern und einen Bruder; schreibt in seinen Texten offen, verletzlich, scharf.

Ich denke: Er ist aufgrund dieser Offenheit perfekt für diesen Artikel. Männer sind nicht immer dafür bekannt, zu ihren Gefühlen zu stehen, Musa habe ich anders erlebt.

Doch dann lerne ich, dass ich meine Vorstellung davon, was einen Vater ausmacht, vielleicht nochmal geupdated werden muss. Denn Musa verbrachte fast sein gesamtes Leben ohne seinen Vater – und trotzdem spürt er auch heute noch seine Präsenz.

watson: Erzähl mir ein bisschen was über deinen Vater.

Musa Okwonga: Mein Vater starb, als ich vier Jahre alt war. Er war ein sogenannter Consultant Surgeon: In Großbritannien bezeichnet man so einen sehr erfahrenen Facharzt, einen wirklichen Experten in seinem jeweiligen Gebiet. Mein Vater war einer der ersten schwarzen Fachchirurgen in Großbritannien.

Ende der Siebziger floh er vor dem Krieg aus Uganda nach Großbritannien, wo er meine Mutter traf, ebenfalls eine Geflüchtete. Ein paar Jahre später ging mein Vater dann zurück nach Uganda, um als Arzt des Generals zu dienen, der in der Vergangenheit bereits geholfen hatte, den Militärdiktator Idi Amin zu stürzen. Während er mit dem General und weiteren Personen in einem Helikopter flog, wurden sie abgeschossen. Es gab keine Überlebenden.

Hast du noch Erinnerungen an ihn?

Als er starb, flogen wir mit der Familie nach Uganda. Meine erste Erinnerung an meinen Vater ist sein Sarg in einem Zimmer. Meine zweite Erinnerung ist, ihm Erde auf sein Grab zu werfen. Auch mit vier Jahren war mir sehr bewusst, was da eigentlich gerade passierte.

Wie geht es dir heute, wenn du an ihn denkst?

Ich war sehr lange wütend auf ihn. Stell dir vor, jemand würde jetzt sein Zeug packen und einfach so nach Syrien zurück? Ich würde mich an die Person anketten, bevor ich das zulassen würde. Nach der Wut kam Trauer. Und dann, als ich älter und reifer wurde, wurde ich stolz. Stolz darauf, dass er alles riskiert hat, um für das einzutreten, woran er glaubte. Das braucht so viel Mut. So etwas lernt man erst schätzen, wenn man älter wird. Ich respektiere heute seine Entscheidung.

Mein Vater könnte jetzt wohlhabend im Vorort seinen Ruhestand genießen, aber er verzockte sich.

Hat dein Vater dich trotzdem beeinflusst, obwohl er früh starb?

Er hatte immer eine starke Präsenz in meinem Leben. Meine Mutter fängt manchmal einfach so an, von ihm zu erzählen – zum Beispiel, wenn ich Gesten mache, die sie von ihm kannte. Ich zücke dann mein Handy und nehme sie auf, damit ich ihre Erinnerungen nicht verliere.

Bis heute beeinflusst er mein Leben, meine Entscheidungen. Von der Art, wie ich seinen Kleidungsstil aus den Siebzigern kopiere, bis hin dazu, wie ich mein Berufsleben gestalte.

Gibt es etwas, das du von ihm gelernt hast?

Ich lerne immer noch. Wenn dein Vater so früh stirbt, weil er für etwas Gutes eintritt, lernst du, keine Kompromisse zu machen. Ich war auf Eliteschulen, auf einer sehr guten Uni, war Anwalt – und schmiss alles irgendwann hin, um Autor zu werden. Mein Vater könnte jetzt wohlhabend im Vorort seinen Ruhestand genießen, aber er verzockte sich.

Insofern bin ich meinem Vater auf jeden Fall ähnlich: Ich schlage dauernd Angebote für viel Geld aus, weil sie sich falsch anfühlen. Das habe ich von ihm geerbt, und dafür bin ich dankbar. Gleichzeitig beneide ich so kompromisslose Menschen wie uns nicht.

Da ist immer wieder ein unheimlicher Druck, jeden Tag leben und schätzen zu müssen. Er starb mit 40 Jahren, ich bin jetzt 39. Diesen Druck auszuhalten, sich nicht manchmal zu fragen: Was mache ich hier eigentlich? Das ist die Herausforderung.

Kinder brauchen Menschen, die sie lieben. Ob das ein Vater, zwei Mütter oder eine Tante sind, ist erstmal egal.

Was hättest du ihm gerne gesagt, bevor er gestorben ist?

Wenn ich ihm vor seinem Tod etwas hätte sagen können, dann, dass ich nun meine eigene Person bin. Dass ich stets versuche, die bestmögliche Entscheidung zu treffen. Dass seine damalige Entscheidung respektiert wird.

Meinst du, dass Kinder eine Vaterfigur im Leben brauchen?

Ich wuchs ohne eine Vaterfigur auf. Selbst auf den Internaten, die ich, seit ich elf war, besuchte, hatte ich niemanden, den ich so bezeichnen würde. Es gab einfach niemanden, den ich hätte anrufen können, um zu fragen: Hey, was denkst du darüber? Da war niemand.

Du lernst, dich selbst um Sachen zu kümmern. Mehr als eine bestimmte Anzahl von Personen in deinem Leben brauchen Kinder Menschen, die sie lieben. Die ihnen den Weg weisen. Ob das ein Vater, zwei Mütter oder eine Tante sind, ist erstmal egal.

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Bei Maskulinität geht es nicht ums Fluchen, Schlagen, Treten.

Was würdest du jungen Männern sagen, die keinen Vater in ihrem Leben haben?

Wähl deine Freunde mit Bedacht. Deine besten Freunde sind nicht die, die dauernd wütend sind. Bei Maskulinität geht es nicht ums Fluchen, Schlagen, Treten. Auch wenn dir das alle sagen werden. Nur, wenn du sanft zu dir bist, kommst du weiter.

Es ist anstrengend, jemanden zu lieben, der kaputt ist. Du musst dich selbst in den Griff bekommen. Wenn du das Gefühl hast, du musst weinen, dann weine. Wenn dein Tag schlecht ist, dann triff dich abends mit guten Freunden. Du musst nicht alleine sein. Du musst diesen Kreislauf nicht wiederholen. Kurz gesagt: Du musst anderen erlauben, dich zu lieben.

"Alles steht in Flammen"

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Video: watson/Leon Krenz

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