Leben
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Bild: imago stock&people

Merkt's euch: Weniger Lästern ist mehr Leben

Yasmina Banaszczuk
Yasmina Banaszczuk

Vor ein paar Wochen saß ich mit einer Freundin beim Abendessen. Über Cremant und Tapas informierten wir uns über die letzten Entwicklungen in unserem Leben: gemeinsame Bekanntschaften, Dating, Gesundheit, Hobbys, Arbeit. Es dauerte bis zum Espresso nach dem Essen, bis es aus ihr rausplatzte – eine Auseinandersetzung mit einer Kollegin hatte sie nachhaltig verstört; sie war wütend, enttäuscht, frustriert.

Mehrere unschöne Worte fielen über die besagte Kollegin (unfähig, ungerecht, selbstverliebt), doch dann hielt meine Freundin inne:

"Du, sorry. Ich will hier gar nicht lästern."

Dabei ist Lästern etwas vollkommen Normales. Es liegt sogar in der Natur des Menschen, Informationen über andere Personen auszutauschen. Sozialwissenschaftlich betrachtet lässt sich das so erklären: Jede Person hat einen bestimmten Ruf, mit dem Vertrauenswürdigkeit verbunden ist, jede Gruppe hat bestimmte Verhaltensweisen, die wir akzeptabel finden.

Benimmt sich nun jemand so daneben, dass er gegen diese Verhaltensweisen verstört, spricht sich das Fehlverhalten rum, andere Personen werden gewarnt. Tratschen als zwischenmenschliches Kontrollmittel.

Frauen setzen Lästern als Waffe ein

Dennoch hatte sich meine Freundin verpflichtet gefühlt zu betonen, dass sie eben nicht lästern wolle. Aber warum?

Nun, zum einen sollten wir wohl alle zwischen Tratschen und Lästern unterscheiden. Während Tratschen eher eine Informationsweitergabe ist, schwingt beim Lästern eigentlich immer eine Wertung mit. Beispiel gefällig?

Tratschen, das ist sowas wie: “Hey, hast du Rias neue Frisur gesehen? Sie hat jetzt kurze Haare.” Lästern hingegen könnte so klingen: “Wow, Ria hat jetzt kurze Haare. Wieder ein erbärmlicher Versuch von ihr, sich in den Mittelpunkt zu stellen.”

Paramount Pictures - M.G. Films / DR LOLITA MALGRE MOI (MEAN GIRLS) de Mark Waters 2004 USA avec Amanda Seyfried, Rachel McAdams, Lacey Chabert et Lindsay Lohan d apres le roman de Rosalind Wiseman adolescentes, rousse, cantine, refectoire, self service, jalousie, Perrier, canettes, plateau PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY LOLITA MALGRE MOI (2004) 04 NUR REDAKTIONELLE NUTZUNG & REDAKTIONELLE BUCHCOVER NUR IM KONTEXT DER FILMBERICHTERSTATTUNG!

Lästern – zentrales Thema bei "Mean Girls". Bild: imago stock&people

Aber heißt das nun: Tratschen = gut, Lästern = schlecht? In der letzten Zeit habe ich viel darüber nachgedacht, wie ich eigentlich über andere spreche. Klar, ich tratsche natürlich auch, eine meiner liebsten Websites ist der Gossipblog Laineygossip.

Und als Frau finde ich es auch wichtig, andere Frauen vor zum Beispiel übergriffigen Männern im Arbeits- oder Bekanntenkreis zu warnen. Bedeutet das nun aber, dass ich ununterbrochen andere schlecht rede? Ich hoffe nicht. Denn genau da liegt doch die Gefahr: Dass wir so im Lästern aufgehen, dass wir unser eigenes Leben aus den Augen verlieren.

Wissenschaftlerinnen schreiben in einer Veröffentlichung der Oxford University Press, dass gerade Frauen Lästereien als zwischenmenschliche Waffe einsetzen –und zwar auch dann, wenn es nur dazu dient, sich selbst einen Vorteil zu verschaffen.

Die Kollegin schlecht reden, um die eigene Unsicherheit zu kaschieren? Die gute Freundin des Partners schlecht reden, um die eigene Eifersucht in den Griff zu bekommen? All das ist durchaus üblich. Doch was bringt das uns eigentlich? Also, außer, dass wir uns vielleicht wenige Minuten besser fühlen?

Sprüche, die Frauen nicht mehr hören können:

Über andere zu lästern ist nämlich nicht ganz ohne: Eine amerikanische Studie zeigte 2018, dass sowohl positives Tratschen als auch negatives Lästern nachhaltig unseren Eindruck von Personen prägt, die wir vielleicht noch nicht mal kennen.

Dabei ist sogar egal, ob wir den Gossip für wahr oder die Quelle für neutral halten – einmal schlecht geredet, bleibt uns die Person als weniger vertrauenswürdig im Gedächtnis.

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Wenn wir das im Hinterkopf behalten, hilft es uns vielleicht zu erkennen, ab wann die Grenze des harmlosen Lästerns überschritten wird. In einer Freundschaft keine anderen Themen mehr zu haben als all die Fehler und Unzulänglichkeiten anderer Menschen zu besprechen, könnte ein Hinweis darauf sein, dass etwas ganz Substanzielles fehlt: andere Gemeinsamkeiten.

Wir sollten alle öfter innehalten

Und auf der Arbeit jeden Tag beim Mittagessen über die Kollegen oder Vorgesetzten herzuziehen könnte darauf deuten, dass man selbst vielleicht nicht so glücklich mit der eigenen Karriere ist. Was es auch ist: Das Gelästere kann immer nur das eigentliche Problem kaschieren, nicht lösen.

Wirkliche Veränderung fängt nämlich bei uns selbst an. Mehr noch: Sobald man anfängt, positiver über andere zu sprechen, fängt man an, die eigene Haltung zu verändern. Nicht alle anderen sind schlecht und wollen mir etwas Böses.

Insofern war der Einwand meiner Freundin also schon berechtigt: Sie wollte Druck ablassen, sich aussprechen, nicht den Ruf einer Kollegin ruinieren. Das nochmal zu betonen half mir, das einzuordnen. Sich manchmal innerlich zurückzunehmen und innezuhalten, was man jetzt eigentlich mit all dem Geläster sagen will, ist wichtig – und sollten wir alle viel öfter tun.

Dann bleibt letztendlich auch mehr Zeit, um über schöne Dinge zu sprechen, Pläne zu schmieden, und Gemeinsamkeiten zu finden. Mehr Leben eben.

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