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Bild: PRESS_ASSOCIATION

Die Outfits und 6 weitere Dinge, die früher beim ESC einfach geiler waren 

12.05.18, 11:10 14.08.18, 11:01
Gunda Windmüller
Gunda Windmüller

Den Sekt habe ich schon besorgt, den Abend freigenommen, und mich selber zu der Freundin mit dem größten Fernseher eingeladen. Ich bin also bereit. Für den Eurovision Song Contest 2018. Aber, ich gestehe jetzt mal, so richtig freue ich mich nicht drauf.

Der Abend wird nett, darum geht’s nicht. Aber er wird nicht mehr so wie früher. Früher, als wir uns noch wochenlang (!) auf das Ereignis eingestimmt haben. Kostüme basteln, Tombola vorbereiten, Nussecken backen. Ach, früher, als das Herz noch mit dabei war.

Früher, ach, früher...

Und das liegt nicht nur am “früher”, also der mystischen da-war-eh-alles-besser-Zeit. Es liegt auch an uns selbst. An uns, und was aus uns geworden ist. Aber dazu komme ich am Schluß. Punkt 1-6 erstmal: Warum früher alles besser war!

Piep, piep, piep!

Weil Guildo Horn da noch mitmischte. Der deutsche Beitrag war nämlich bis zum legendären Auftritt des Sängers im Jahr 1998 entweder langweilig oder egal. In der Regel beides. Achja, peinlich natürlich auch noch. 

Meistens.

Doch dann kam die Retro-Schlagerwelle und mit ihr der grenzsympathische Guildo Horn. Mit Vokuhila-Matte und jede Menge Rumgehüpfe gegen das schwelend deutsche Gefühl, von niemandem - zurecht - lustig gefunden zu werden.

Der legendäre Auftritt

Video: YouTube/Quent1991

Nun hatten wir zumindest Guildo als verschämten Humor-Joker im Arm und wir dankten es ihm mit vollem Einsatz und neuer Begeisterung für ein Format, das uns unsere Großeltern erst noch erklären mussten. Das waren noch Zeiten.

Ab nach Holland!

Dank einer Änderung des Wertungsmodus konnte ab 1997 auch das Publikum abstimmen. Telefonabstimmung war damals noch neu und aufregend, selbst in der Anfangsphase, ohne Jamba-Spar-Abo. Wir also ein Jahr später für Guildo nach Holland gefahren und dort dann fleißig die Telefonzellen (!) gestürmt um "douze points" aus dem Nachbarland zu garantieren.

Guildo dankt!

Bild: dpa

Für den diesjährigen Beitrag, Michael Schulte (musste ich googlen), würden wir keinen vergleichbaren Aufwand betreiben. Warum auch?

Es gibt schließlich keine Nussecken mehr!

Die Guildo Nussecken-Besingerei war nämlich noch so ein Aspekt, der dafür sorgte, dass wir mit vollem Engagement dabei waren.

"Und von dort schick ich Euch meinen Liebesbeweis Nussecken und Himbeereis."

guildo horn, "piep, piep, piep"

Nussecken kannten wir eigentlich nur noch von unseren Großmüttern, aber dank Guildos PR-Kampagne wollten wir selber welche backen können. Die gab es dann auch zu jeder ESC-Party.

#guildohorn - immer noch!

Und, steile These, aber ich behaupte das jetzt mal, Guildos Nussecken haben damals schon den Retro-Backtrend antizipiert und das Biedermeier der 2010er vorausgesehen. Mit Nussecken der Zeit voraus sein! Das muss man erstmal schaffen.

Selbst Stefan Raab hat nicht gestört

Gut, noch eine steile These. Aber es stimmt! Stefan Raab war auch schon vor seiner ganz krawalligen Phase eher ein “Hit or Miss”-Komiker, aber beim ESC konnte er gut sein. Mit Dada, bzw. “Wadde hadde dudde da”. Das hat sich angefühlt, als wäre es dem Klassenclown gelungen, eine Zeugniskonferenz zu kapern. Wir haben uns einfach diebisch gefreut. Und ihm mächtig die Daumen gedrückt.

Hier Raabs Eurovision-Auftritt:

Video: YouTube/escbelgium4

Außerdem: Ralph Siegel

Raab hatte sich schon als Dirigent des Guildo Horn Songs als “Alf Igel” in die Annalen des ESC eingeschrieben und damit eine zwar kurzlebige aber amüsante Phase der Ralph Siegel-Witze etabliert.

Denn der Musikproduzent hatte, gefühlt, seine Karriere auf dem bis dato einzigen deutschen ESC-Sieg (Nicole, “Ein bisschen Frieden”, 1982) aufgebaut, aber eine Eigenschaft ging ihm völlig ab: Selbstironie.

Umso lustiger, wie er sich von Raab provozieren ließ. Als dann allerdings sogar Dieter Bohlen drauf einstieg, wussten wir: Es ist vorbei.

Dieter Bohlen, remember?

Video: YouTube/TV total Nippel

Die Outfits!

Heute wird ja vermutlich auf jedem Abi-Ball so in die Fashion-Kiste gegriffen, wie früher nur zu Karneval. Ja, tut mir leid, so fühlt sich das nunmal an, wenn man älter wird.

Es ist zwar nicht so, dass wir damals nichts hatten, aber wir hätten uns nichts getraut. Anders als so manche Teilnehmer beim ESC, durch die wir unsere eigene, gut verborgene, wilde Seite ausleben konnten. Denn wo heute Schrillheit schon zum Vorabendprogramm gehört, waren “damals” Outfits wie diese einfach völlig OMG. Wie man heute sagen würde, vermutlich.

Eurovision: Die besten Outfits durch die Jahre

Wir haben uns verändert

Aber das Entscheidende ist eigentlich etwas Anderes. Das Entscheidende ist etwas ganz Grundsätzliches. Der Grund, warum der ESC früher viel besser war, ist einfach, dass früher schlecht noch schlecht sein durfte.

Denn, reden wir nicht drumrum, der Reiz des ESC bestand immer darin, dass er ziemlicher Trash war. Glitzer, Showtreppen, eine Veranstaltung mit aufgejazzter Bedeutungsfülle und gewichtigen Menschen, von denen kein wirklich wichtiger Mensch wusste, wer sie waren. Das war peinlich, das war schillernd, das war unter aller Kanone.

Wir haben es geliebt.

Aber die Zeiten haben sich geändert, und wir uns mit ihnen. Der ESC ist zwar immer noch peinlich und schrill, aber das schlecht und deswegen lustig zu finden macht keinen Spaß mehr. Denn früher war schlecht eben noch schlecht. Wer sich also darüber lustig machte, tat das mit Ironie. Und bei Ironie geht es eben um Distanz. Eine Distanz zwischen "Trash" und "Nicht-Trash" in dem Fall. Diese Distanz ist mittlerweile verloren gegangen.

Denn wir betrachten alles mit Ironie. Trash, Glitzer, Showtreppen. Schnurrbärte und neonblaues Augen Make-Up. Den ESC. Wir sehen alles ironisch. Und alles wird daher auch sofort zum Trend, siehe neonblaues Augen Make-Up. Niemand weiß mehr, was überhaupt noch Trash ist. Könnte ja ironisch gemeint sein.

Schlechter Geschmack ist daher nicht mehr subversiv, sondern nur noch öde. Dem ESC hat das geschadet. Uns auch. Ich kann da nur noch halbherzig drüber lachen. Mit vollem Herzen dabei zu sein, das war einfach geiler.

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