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Nächstenliebe wird meine Kirche nicht retten – sie muss streiten

Mein Vater ist ein grauer Zauberer. Viele meiner Freunde sehen ihn noch heute so. Wilder grauer Vokuhila, roter Sportwagen, immer mit gutem Spruch. Irgendwann rief ihm ein Bekannter zu: „Da kommt Gandalf, Gandalf der Graue!“. Alle lachten, der Witz blieb hängen.

Immer, wenn dieser Gandalf an Weihnachten vor vollem Haus auf die Bühne trat, atmete er erst einmal befreit aus. Die Leute mussten zum Teil stehen, weil sie spät am Heiligen Abend noch ihren Pastor in der Kirche sehen wollten. Auch ich saß mit meinen Freunden auf einer Empore. Und dann erzählte dieser Befreite eben.

Manchmal fürchtete ich als Jugendlicher heimlich, selbst in seinen Worten aufzutauchen. Aber gerade dann, wenn die Geschichten echt waren, erreichte uns dieser Grauhaarzottel.  Alltag, Politik, klare und direkte Worte – mein Vater, der evangelische Pfarrer, vermittelte etwas, das Menschen heute fremd zu werden scheint: die Relevanz von Glauben und Haltung in ihrem Alltag.

Irgendwann muss auch ein Gandalf in Rente gehen. Jahre sind seit diesen Gottesdiensten vergangen. 

Heute kämpft die Kirche darum, überhaupt noch eine Rolle zu spielen. Wenn sie nicht endlich gegensteuert, sieht es schlecht aus.

Denn, ohne Menschen wie meinen Vater verfliegt der Zauber. Und die wenigen, die noch mit Herzen dabei sind, kämpfen auf verlorenem Posten.

Natürlich habe auch ich keine ultimative Antwort. Aber die Zahlen zeigen, wie dringlich Handlungsbedarf besteht, wenn die Kirche Menschen wie mich überhaupt noch erreichen will. 

Beide Kirchen hatten 2017 zusammen 660.000 weniger Mitglieder als im Jahr zuvor. Laut einer aktuellen Sinus-Studie im Auftrag der katholischen Kirche, denkt sogar rund die Hälfte der Unter-60-Jährigen Katholiken über einen Austritt nach. Bei den Evangelen sinkt die Mitgliederzahl sogar schneller als bei den Katholiken.

Dabei hatte die evangelische Kirche nie einen Skandal wie den vertuschten Missbrauch von Kindern durch Priester. Offensichtlich spielt das aber auch keine Rolle. Die einst große Gemeinschaft verblasst von ganz alleine, verschwindet in die Unwichtigkeit.

Seit Margot Käßmann 2010 Chefin der evangelischen Kirche in Deutschland war, kennt kaum einer mehr die Namen der wichtigen Vertreter. Sprechen diese doch einmal öffentlich wie auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, werden sie von rechts als "rot-grüne" Staatskirche beschimpft. Mehr bekommt man dann von außen nicht mit. Gegen solchen Blödsinn aber gilt es aufzustehen!

Die Kirche muss laut und politisch ihre Stimme nutzen, und ihren oft menschenfeindlich argumentierenden Kritikern trotzen. Ich muss sie hören und das tue ich gerade nicht.

Ich bin einmal bewusst giftig, um zu zeigen, was ich meine:

Ich freute mich vergangenes Jahr sehr auf meinen ersten Kirchentag in Berlin. Erlebt habe ich kaum mehr als eine nette alte Belegte-Brötchen-Veranstaltung. Mit Aufbruch und Relevanz hatte das kaum zu tun.

Vielleicht versuchen Pfarrerinnen und Pfarrer bei solchen Events und vor Ort, ihre Haltung zu zeigen. Weil die große Erzählung aber fehlt, erreichen sie keine Tragweite.

An Stelle meiner Vorbilder, die KämpferInnen der „Weißen Rose“, Dietrich Bonhoeffer oder die DDR-Friedensbewegung, ist ein ewiges matschiges „Liebe deinen Nächsten“-Mantra getreten.

Wenn ich noch einmal in einer Weihnachtsandacht hören muss, dass Josef und Maria selbst Flüchtende waren, dann mache ich etwas kaputt. Ist das wirklich das Einzige, was man über Jahre hinweg zur aktuellen Lage sagen kann?

Stattdessen sollen die Leute weiter stur einen "Herr"-Gott anbeten. Modernität, so scheint es, soll Christen vor allem über den Einsatz von E-Gitarren und Gospel-Chören im Gottesdienst suggeriert werden. Dabei bleiben konservative gestrige Kirchenlieder, Gebete und Verse genau das: konservativ und gestrig.

Dahinter soll dann eine tiefere Wahrheit stecken? Nein, die Kirche der Reformation hat es verpasst, sich von ihrer eigenen Rückständigkeit zu emanzipieren. Das bedrückt mich besonders, weil ich als Protestant großgeworden bin und immer einer bleiben werde.

Wären diese Worte doch nur ein Wutausbruch auf bestem Stammtischniveau.

Wenn ich aber heute an Weihnachten in die Kirche gehe, dann hocke ich schlicht alleine da. Und wenn ich mit Freunden über das Thema rede, dann ist ein oft gehörter Satz: "Ja, bin gerade ausgetreten", "Keine Lust mehr auf die Kirchensteuer", "Zu gestrig ist dieser Lagerfeuerverein". Alles Argumente, die ich nachvollziehen kann.

Das beschäftigt mich, und ich habe deshalb auch mit Theologie-Studierenden gesprochen. Ich fragte sie, ob sie auch darüber diskutieren, welche Antworten ihre Religion in der Gesellschaft geben kann?

Antwort: "Eigentlich ist das kein Thema, unser Studium ist ziemlich unpolitisch" – stattdessen, so sagen sie, geht es darum, möglichst schnell durchzukommen.

Dann geht es für die wenigen Absolventen in die sterbenden Kirchen vor Ort. Geht mit Gott, aber geht.

Manche von ihnen werden sogar mehrere Gemeinden gleichzeitig betreuen müssen, weil diese für einen eigenen Pfarrer einfach zu stark geschrumpft sind.

Dabei gibt es durchaus Interesse. Das zeigt der enorme Erfolg von Freikirchen und Glaubensgemeinschaften, die in Deutschland mittlerweile ganze Stadien füllen. Solche Organisationen geben sich frisch und frei, haben aber oft eine gegenteilige Kernbotschaft: Sie nehmen die Bibel beim Wort, könnten kaum wertkonservativer sein. Warum hat die große evangelische Kirche solche Probleme, ihre doch eigentlich viel offenere Botschaft gegen diese Konkurrenz zu erklären?

Neue Kirchen-Projekte wie „Fresh X“, die Kirche als Netzwerk verstehen, sind ein Anfang. Auch wenn keiner das Projekt kennt. Freshe Websites, moderne Wortwahl und betonte Verjüngung sind aber noch keine Strategie. Bereits vor zwei Jahren sprach die evangelische Kirche in Bayern von der Reform. Die Stichworte hießen: "Profil und Konzentration" – daraus geworden ist bisher wenig.

Die Kirche muss ihre Stimme wiederfinden. Ihre Köpfe müssen in die Öffentlichkeit. Ich will Haltung, Streit und Diskussion statt belegter Brötchen! Ich will, dass der Kirche das Argument heute so viel wert ist wie das Gebet. Nur so kann sie sich weiterentwickeln, nur so kann sie einen Glaubens-Begriff finden, den junge Leute wieder für sich annehmen können. 

Zumindest ich habe einmal so einen Glauben von meinem Gandalf gelernt. Irgendwann, ich war um die 16 Jahre alt, brach es aus mir heraus. "Ich habe echt Probleme mit der Kirche", sagte ich zu meinem Vater. Der überraschte mich mit einer lockeren Antwort: "Das ist auch richtig so – du musst ja auch deinen eigenen Glauben finden. Religion macht nur Angebote, nimm davon was du willst." Das sehe ich bis heute so, und diese Angebote fehlen. Deshalb: Einmal erleichtert ausatmen und wieder vor die Leute treten!

Schon fortschrittlicher: 100 Jahre Frauenwahlrecht

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