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Whistleblower Christopher Wylie (l.) und Facebook-CEO Mark Zuckerberg getty images/collage

"Es ist kompliziert" – Unser Ehe-Drama mit Facebook in 5 Akten  

max biederbeck 

#LeaveFacebook ist der Hashtag der Stunde. Aber so einfach ist es nicht. Unsere Beziehung zu Facebook ist wie eine unglückliche Ehe. Und wir haben nicht die Kraft, sie zu beenden. Die Irrungen einer Beziehung von den Schmetterlingen im Bauch bis zum Scheidungsrichter. 

22.03.18, 10:01 22.03.18, 14:20

Prolog: Verdrängen – oder die Paranoia des Betrogenen  

Wenn wir eine Beziehung mit Facebook führen würden, wir hätten es gerade beim Seitensprung mit Christopher Wylie erwischt. Kurzgeschorene orangrote Haare, Hornbrille, Nasenring, Datensammler – nach allem, was sich Facebook in den vergangenen Jahren geleistet hat, müsste man fast sagen: Wir hätten wissen können, dass das Soziale Netzwerk so einem verfallen würde.

Eigentlich geht es natürlich nicht um Wylie selbst, sondern um sein Unternehmen. In einem Interview erklärte der Whistleblower vergangene Woche, wie sein alter Arbeitgeber Cambridge Analytica die Profildaten von rund 50 Millionen Facebook-Usern teilweise heimlich gehortet hat, um damit angeblich die US-Wahlen zu beeinflussen ("Guardian"). Seine Worte haben weltweit für Schlagzeilen gesorgt.

Facebook, so sagt er, habe schon 2015 von den Plänen seiner Firma gewusst und nichts getan. Nur eine Ermahnungs-Mail sei bei Cambridge Analytica eingegangen – gefühlter Titel: "Wir müssen diese Affäre eigentlich mal beenden, ich hab schließlich so 1,5 Millarden Freunde­."

Nun mag vieles an dieser Geschichte von Wylie stimmen, manches hat sich vielleicht in der laufenden Debatte aufgeblasen:

Die Aktie allerdings hat sich mittlerweile wieder erholt. Die User posten eifrig weiter auf Facebook, Instagram und WhatsApp (Alles eine Firma!). Außerdem empfahlen Experten schon vor einem Jahr, Cambridge Analytica nicht zu ernst zu nehmen. Das Unternehmen hatte schon damals behauptet, Wähler mittels psychologischer Profile aus Facebookdaten manipulieren zu können – Humbug, wie sich nur kurze Zeit später herausstellte.

Es ist also alles nicht so schlimm? Kann man sich natürlich einreden. Dennoch bleibt ein komisches Gefühl zurück: Betrug am User bleibt Betrug. Und Facebook ist nicht zum ersten Mal untreu.  

1. Akt: Ein erster Blick in den Abgrund

Nach anfänglicher Euphorie wird relativ früh klar, dass auch in Beziehungen sich jeder selbst der Nächste ist. So auch Facebook. Wir vertrauen ihm. Und es missbraucht unser Vertrauen. Nicht nur einmal. Aber noch können wir verzeihen, zum Äußersten ist es nicht gekommen. Wir glauben die Gelöbnisse zur Besserung. Zur Erinnerung:

2. Akt: Verdrängen funktioniert nicht mehr 

Allein: Die Gelöbnisse zur Besserung sind gelogen. Facebook sieht zwar immer noch gut aus, hintergeht uns aber notorisch. Und gibt sich nicht einmal mehr viel Mühe, das zu verbergen. Natürlich fliegt alles auf, Ignorieren geht nicht mehr. Man müsste eigentlich reden, aber Facebook ist zu beschäftigt damit, uns weiter für dumm zu verkaufen. 

3. Akt: Und wir bleiben doch 

Obwohl auch um uns herum schon alle sagen, dass nach all den moralischen Fehltritten von Facebook die Trennung unumgänglich ist, kommen wir nicht von ihm los. Zwar werden die Enthüllungen immer peinlicher und kommen uns immer näher, aber wir bleiben doch. Bequemlichkeit und die Macht der Gewohnheit halten uns davon ab, das Richtige zu tun. Aber natürlich werden wir weiter enttäuscht. 

Kurz nach Bekanntwerden der Affäre entschuldigt sich Zuckerberg:

4. Akt: Der Besuch beim Paartherapeuten

Kommt man von selbst und zu zweit nicht aus dem Unglück der Beziehung raus, wird der Paartherapeut bemüht. In der Hoffnung auf eine unabhängige Vermittlung. Unsere Beziehung zu Facebook ist so angeschlagen, dass die Paartherapeuten bereits von alleine angerannt kommen.

Längst versuchen Entscheider, Facebook ein paarverträglicheres Verhalten aufzuzwingen. Deutschland gilt international als Vorbild, wenn es darum geht. Im vergangenen Jahr hat sich das Social Network hierzulande immerhin zum ersten Mal einem Gesetzgeber außerhalb der USA gebeugt. Der damalige Justizminister Heiko Maas zwingt Facebook seitdem per Gesetz zum Handeln gegen Hass-Inhalte. Mark Zuckerberg kritisiert das immer wieder in Interviews. Fakt ist: Die Regelung könnte Schule machen. Frankreich und Großbritannien denken gerade über ähnliche Gesetze nach.

Laut dem sogenannten Netzdurchsetzungsgesetz (NetzDG) muss Facebook strafbare Inhalte selbst löschen. Netzaktivisten sehen darin Zensur, weil nicht länger Gerichte sondern private Prüfer über die Meinungsfreiheit entscheiden. Das führt zu zahlreichen Fehlern. Gleichzeitig ist die Zahl an Hassposts im Netzwerk tatsächlich gesunken.

Aber reicht das, um Vertrauen wieder herzustellen? Wenn alle unsere Daten jederzeit gegen uns verwendet werden könnten? So einfach ginge das leider nicht, sagt der Psychologe Stephan Lewandowski von der University of Bristol zu watson. Er hat im März das britische Parlament über die Gefahren des untreuen Facebooks beraten.

Der Experte für digitales Verhalten Lewandowski glaubt:

"Durch unsere Profile lassen sich unsere Persönlichkeiten besser auslesen als durch jedes Gespräch."

zu watson

Er ist überzeugt:

"Dadurch kann Facebook unsere Schwächen ausnutzen, unser Verhalten beeinflussen, uns manipulieren."

zu watson

Das Schlimmste sei aber: All dies finde im Verborgenen statt. Von gezielten Nachrichten und Manipulation durch die Geliebten von Facebook bekommt die Öffentlichkeit gar nichts mit. "Politische Nachrichten müssen aber öffentlich sein", sagt Lewandowski. Ohne Öffentlichkeit gibt es keine Demokratie.

Der Verhaltensforscher wurde selbst Zeuge davon:

"Ich habe noch nie so einen massiven Meinungswandel  erlebt, wie beim Brexit. Das kann nicht von Medien und herkömmlichen Kampagnen gekommen sein."

zu watson

Die Politik muss Facebook demnach stärker in die Pflicht nehmen und klare Regeln vorgeben. Die Anwälte der Bürger, so ist auch Lewandowski überzeugt, werden schon bald ihren Ton gegenüber dem Netzwerk verschärfen und es damit zu einem treueren Verhältnis zu seinen Usern zwingen.

5. Akt: Die Anwälte kommen ins Spiel 

Wenn auch der Besuch beim Paartherapeuten nicht hilft, dann eskaliert der Streit gewöhnlich. Die Anwälte werden in Stellung gebracht. Und dann wird es hässlich. 

Kurz nach Bekanntwerden der Cambridge Analytica-Verwicklungen reagieren bereits erste Staaten. Unter anderem hat auch der Bundestag die deutschen Vertreter von Facebook noch diese Woche zur Klärung des neuen Seitensprungs vorgeladen.

Am Donnerstagmorgen meldete sich auch die deutsche Justizministern Katarina Barley (SPD) zu Wort. Nutzer in sozialen Netzwerken dürften auf keinen Fall "gegen ihren Willen ausgeleuchtet werden, um sie ganz gezielt mit Wahlwerbung oder Hass gegen den politischen Gegner zu bombardieren", kritisierte Barley. Ob und wer dem Aufruf folgt, bleibt fraglich. Aber, es passiert etwas.

watson hat mit deutschen Netzpolitikern über das Verhalten von Facebook gesprochen, parteiübergreifend kam eine Forderung als Antwort: Facebook muss aufklären, wie Cambridge Analytica aus einem Fragebogen, den das Unternehmen öffentlich und transparent an rund 270.000 User ausspielte, heimlich Daten von rund 50 Millionen sammeln konnte.

Anke Domscheit-Berg (Die Linke) fordert deshalb:

"Unternehmen müssen zu Datensparsamkeit verpflichtet werden."

pressemitteilung

Jens Zimmermann (SPD) plant in der Großen Koalition:

Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz soll überprüft und weiterentwickelt werden, es soll klare Vorgaben für den Einsatz von Algorithmen geben und für die zu schaffende Transparenz. Außerdem sollen sich Nutzer gegen ungerechtfertigte Löschungen und Sperrungen wehren können.

zu watson

Eine gemeinsame Haltung finden die netzpolitischen Sprecher deutscher Parteien auch bei der Frage, wie verantworlich eigentlich die User selbst sind. Immerhin sind wir noch immer bei Facebook und klicken dort noch immer alles an, wenn wir intressante Inhalte dahinter vermuten. Sind nicht auch wir Schuld? Eindeutig Nein, sagen die Politiker. Viel zu kompliziert sei Facebook geworden.

Jimmy Schulz (FDP) erklärt:

"Wer kein Experte in amerikanischem IT-Recht ist, kann überhaupt keine mündige Entscheidung mehr auf Facebook treffen."

zu watson

Schulz sieht durchaus Möglichkeiten, einen internationalen Konzern wie Facebook oder Goolge auch staatsübergreifend zu kontrollieren. "Die UN hat für Internetfragen schon lange Institutionen wie die World Summit of Information Society geschaffen, um internationales Recht zu regeln. Wir müssen diesem Beispiel in Deutschland nur folgen", sagt er. Schrenkt aber auch ein: "Es wird immer solche Geschäftsmodelle geben, die wir nicht mögen, die aber legal sind"

Schulz schlägt vor:

"Facebook soll keine Strafe an den Staat zahlen, sondern Entschädigung an jeden einzelnen Nutzer. Das würde wirklich wirken."

zu watson

Epilog: Und bist du nicht willig, brauchen wir den Ehevertrag

Bald wird es in Europa genau solche Regeln geben, und in Härtefällen kann Facebook bei Verstoß ab Mai eine Strafe in Höhe von Milliarden Euro drohen. Auch die amerikanische Handelsbehörde FTC macht mittlerweile enormen Druck auf Facebook und droht mit hohen Strafen, sollte sich ein Fehlverhalten in der Beziehung nachweisen lassen.

Thomas Jarzombek (CDU) kommentiert:

"Es kann nicht sein, dass da Gott und die Welt Zugang zu User-Daten haben und das muss Facebook durch solche klaren Linien begreifen."

zu watson

Im Mai tritt in der EU diese Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) in Kraft. Sie regelt unsere Bürgerrechte online neu.

Die DSGVO wude gegen den Einfluss zahlreicher Lobby-Gruppen durchgesetzt und stärkt die Rechte der EU-Bürger im Internet. Ein Gesetz, das einen Datenschutz aktualisiert, der aus dem Jahr 1995 stammt. Internetkonzerne wie Google und Facebook müssen demnach ausdrücklich die Zustimmung ihrer Nutzer einholen, wenn sie deren Daten verarbeiten wollen. Die Herausgabe an Dritte wird schwieriger. Bis zu 20 Millionen Euro muss bezahlen, wer sich nicht an den neuen Datenschutz hält, bis zu vier Prozent des weltweiten Jahresumsatzes sind es bei großen Unternehmen.Außerdem müssen Tech-Firmen ihre Angebote von Grund auf datenschutzfreundlich gestalten. Nutzer haben jetzt ein Recht darauf, dass Unternehmen weder ihre Daten nutzen, noch Profile über sie anfertigen. Wenn jemand aus Facebook austreten möchte, dann soll das gehen, ohne Wenn und Aber.

Solche Regeln "müssen entschlossen von der Bundesregierung umgesetzt werden", verlangt Konstantin von Notz (Die Grünen).

Von Notz will außerdem wissen, was

"die Bundesregierung über die Betroffenheit deutscher Nutzerinnen und Nutzer weiß und welche Schritte sie zu deren Schutz unternimmt".

zu watson

Die Meinungen darüber, wie solche Entscheidungen durchgesetzt werden können, gehen auseinander. "Viel zu lang hat die Bundesregierung auf Selbstverpflichtungen gesetzt", sagt Konstantin von Notz (Die Grünen). Die GroKo selbst sieht sich auf einem guten Weg, den untreuen Partner unter Kontrolle zu bringen. Schon im Sommer, wenn die neuen Regeln der EU gelten, wird sich zeigen, ob diese Beziehung weitergehen kann.

Umfrage

Haben wir eine Chance gegen Facebook?

  • Abstimmen

65 Votes zu: Haben wir eine Chance gegen Facebook?

  • 35%Nein, ich melde mich da jetzt ab (und bei Instagram, und bei Whatsapp)
  • 32%Nein, ist mir aber auch egal. Sollen die doch meine Facebook-Likes und Posts auswerten
  • 8%Ja, Facebook wird sich an unsere Regeln halten. Die angedrohten Strafen werden reichen
  • 22%Ja, aber nach Facebook kommen andere. Ich installiere jetzt erstmal die Schutzapps Ghostery und Tor

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    Alle Leser-Kommentare
  • lv201080 23.03.2018 09:54
    Highlight https://ptrace.fefe.de/facebook-meedia.html

    Ein interessantes Interview mit fefe zum Thema...
    0 0 Melden
  • maljian 22.03.2018 11:28
    Highlight Ich bin gespannt was für Auswirkungen die DSGVO dann tatsächlich haben wird.

    Für mich gibt es einen Grund, warum ich noch immer bei Facebook bin.
    Meine Kontakte. Und jetzt zu sagen es geht auch anders, schön und gut.

    Gebt mir ein Beispiel, wo ich einfach mit Personen aus der ganzen Welt auf einer Plattform vernetzt sein kann.
    1 0 Melden
    • Max Biederbeck 22.03.2018 12:20
      Highlight @maljian: Absolut, das ist echt eine schwierige Kiste. Aber zumindest die Chance sollten die Leute schon haben, zu entscheiden, ob jemand ihre privaten Daten benutzt oder nicht. Leider ist man geradezu gezwungen, weiter mitzuspielen. Aber sagen wir mal so, gerade ist der Druck ja schienbar so groß, dass sich tatsächlich wenigstens kurzfristig etwas ändern wird bei FB.
      4 0 Melden
    • Walter Sahli 22.03.2018 12:33
      Highlight
      ;-)
      8 0 Melden

Viraler Post: Nein, du siehst auf Facebook nicht nur 25 Freunde

Hast du diese Nachricht auch schon gesehen? Immer wieder taucht in unseren Tagen auf Facebook ein Kettenbrief auf, der zu schön klingt, um wahr zu sein. 

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