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Bild: Zuma Press/imago

Wie 1998: Die Ausgestoßenen Griezmann und Pogba sollen Frankreich einen

Dominik Sliskovic
Dominik Sliskovic

Vor der WM 2018 ist in Frankreich alles beim Alten, oder? Angespannte politische Lage, hochveranlagte Spieler und ein Nationaltrainer, dem seine Personalentscheidungen mächtig um die Ohren fliegen.

So wie momentan Didier Deschamps. Dass er Karim Benzema, zuhause lässt, ist dabei noch verständlich. Der Real-Madrid-Stürmer, der auch den algerischen Pass besitzt, gilt als nicht sonderlich förderlich für die Gruppendynamik und hat bereits wiederholt seine Verbundenheit zu seinem Geburtsland Frankreich in Frage stellte.

Auf nahezu geschlossenes Unverständnis trifft da schon eher die Entscheidung, Alexandre Lacazette (22 Torbeteiligungen in 39 Spielen bei Arsenal) nur einen Platz auf einer elf Spieler umfassenden Longlist einzuräumen, deren Protagonisten sich im Falle einer Verletzung im Stammkader noch den Sprung nach Russland erhoffen können.

Didier Deschamps steht unter Erfolgsdruck Bild: panoramic/imago

Dieses Konstrukt stößt insbesondere den betroffenen Spielern sauer auf, bleiben sie so doch bis zu einem möglichen Ausscheiden Frankreichs bei der WM im Unklaren. Das bedeutet auch: vorerst keine Urlaubsplanung, stattdessen Privattraining und Überstunden im Kraftraum. Adrien Rabiot, Mittelfeldstratege von Paris Saint-Germain, hat Deschamps bereits entgegnet, dass er komplett auf ihn verzichten könne.

L'Equipe Tricolore 2018 – geschlossener denn je

Doch die öffentliche Suche nach Fehlern und Schwächen scheint der französischen Nationalmannschaft 2018 nichts anhaben zu können.

Der Kader wirkt geschlossener denn je. Das liegt auch daran, dass sie bei der EM im eigenen Land 2016 im Finale an Portugal scheiterten.

Der ganz große Druck, es zuhause allen Recht zu machen, ist weg, die gut 2.700 Kilometer Luftlinie zwischen Paris und Moskau werden dem Kader gut tun. 2016 hat sich die "L'Equipe Tricolore“ vergewissert, was sie ihren Mitbürger immer noch bedeutet und wozu sie immer noch in der Lage ist. Russland 2018 ist nun die große Chance, das Vertrauen zurückzuzahlen.

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Frankreich beweist Geschlossenheit: Pogba, Griezmann und Dembélé Bild: Panoramic/imago

Zwei Spieler, die Frankreich anführen, sind Antoine Griezmann und Paul Pogba. Nicht nur, dass beide außergewöhnliche fußballerische Fähigkeiten besitzen: Sowohl Griezmann als auch Pogba repräsentieren zwei französische Minderheiten.

Antoine Griezmann – verstoßenes Vorbild

Griezmann vertritt die Nachfahren europäischer Immigranten. Seine Großeltern mütterlicherseits stammen aus Portugal und flohen vor der Salazar-Diktatur. Griezmanns Nachname, wiederum, klingt nicht nur deutsch, er stammt auch aus Hessen, von wo die Vorfahren seines Vater einst ins deutsche Nachbarland kamen.

Griezmann selbst zog es im Alter von 14 Jahren ins spanische Baskenland, weshalb er in Interviews immer wieder erwähnt, sich in vielen Lebenslagen mehr spanisch als französisch zu fühlen. Seine Vorliebe für einen guten Mate-Tee ist ebenso bekannt wie sein Hang zu einer gepflegten Siesta.

Griezmann 2011 im Trikot von Real Sociedad. imago

Einen sportlichen Wechsel zurück in sein Heimatland schließt Griezmann nahezu kategorisch aus, zu tief sitzt ein Stachel im 1,75 Meter großen Offensivallrounders: Fast jedes bedeutende französische Fußballinternat lehnte die Aufnahme des jungen Antoine ab, als Grund wurde stets seine schmächtige Statur und sein geringer Wachstum angegeben.

Süß, Antoine Griezmann als Knirps.

Der kleine Antoine Griezmann kriegt ein Barthez-Autogramm

Es war der (französische) Scout Eric Olhats des spanischen Erstligisten Real Sociedad San Sebastian, der auf die unbestrittene technische Veranlagung des Jungen vertraute. Auch aufgrund der Dankbarkeit gegenüber seines sportlichen Ziehvaters Olhat und seiner Eltern, die ihn zu all den Probetrainings gefahren haben, zerreißt Griezmann sich in jedem Spiel für „Les Bleus“ und beweist den Millionen Zuwandererkindern, dass er trotz dessen, dass er bereits sein halbes Leben im Ausland verbringt, stolzer Franzose ist und bleibt.

Paul Pogba – liberaler Muslim und Team-Player

Paul Pogba wiederum steht stellvertretend für einen weltoffenen, liberalen Islam, den viele Franzosen aufgrund der von IS-Anhängern und -Sympathisanten ausgeführten Anschläge aufgegeben haben. Denn auch wenn sein exzentrisches Auftreten es nicht im ersten Moment verrät: der ehemals teuerste Fußballer des Planeten ist gläubiger Muslim.

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Paul Pogba wird oftmals auf sein extravagantes Auftreten reduziert Bild: Panoramic/imago

Seine Vorbildsfunktion nutzt Pogba, um Menschen für seine Religion zu sensibilisieren. Er verfällt dabei niemals in die Rolle eines Missionars, sondern versucht lediglich Brücken zu bauen. Er weiht seine Instagram-Follower in den Zauber der Hadsch ein, erklärt Interessierten die Regeln des Ramadan und lädt Mitspieler ein, sich dem Kabinen-Gebetskreis anzuschließen – unabhängig ihres Glaubens. Pogba ist klar, dass es solche simplen Gesten sind, die Ängste und Vorurteile abbauen.

Griezmann und Pogba sind die Gallionsfiguren einer Mannschaft, die an das anknüpfen kann, was Frankreichs Weltmeister von 1998 für die zwischenzeitliche Einheit des Landes getan haben.

Frankreich in 1998: Die gleichen Probleme wie 2018

Dabei war die Vorfreude auf die Heim-WM 98 gedämpft. Nationaltrainer Aimé Jacquet stand ebenso im öffentlichen Fokus wie es Deschamps heute ist, die Politik unter Präsident Jacques Chirac hatte mit nahezu identischen Problemen zu kämpfen, wie sie Emmanuel Macron momentan umtreiben: vernachlässigte Vorstädte, Euroskepsis, Nationalismus.

Jacquet sollte 1998 alles verziehen werden, denn seine Auswahl behielt den WM-Pokal nicht nur in Frankreich, sondern einte darüber hinaus das Land. Wie ihm das gelang? Indem er Frankreich oftmals ungenutzte multikulturelle Möglichkeiten vollkommen ausschöpfte: Er installierte mit Lilian Thuram, Marcel Desailly und Bixente Lizarazu ein Abwehrbollwerk guadeloupisch-ghanaisch-baskischer Herkunft, das dem armenisch-algerischen Kreativzentrum um Youri Djorkaeff und Zinédine Zidane bedingungslos den Rücken freihielt.

Zinédine Zidane wurde bei der WM 98 zum Helden Bild: werek/imago

Die etwas abschätzig „beurs“ genannten Zuwanderer der Maghreb-Staaten hatten in „Zizou“ endlich jemanden, zu dem sie aufblicken konnten, einen Star, der sich aus einer Marseiller Trabantenstadt zum WM-Final-Doppeltorschützen hochgearbeitet hatte. Das 98er-Team bewies Frankreich, dass es nicht bleu-blanc-rouge, wie die Farben der Nationalflagge, sondern "black-blanc-beur" ist: eine Nation, die stolz auf ihre kulturelle Vielfalt sein kann.

Frankreich 2018: Die Wiederholung der Geschichte?

Dass diese Leistung von damals nicht zu einer kitschigen Erinnerung verwelkt, muss der Ansporn für die Mannschaft sein, die Frankreich diesen Sommer in Russland repräsentiert. Mit dem aus Kamerun und Martinique abstammenden Innenverteidiger-Duo Umtiti-Varane, der guadeloupisch-malisch-mauretanischen Flügelzange Lemar-Dembélé, dem Korsen Deschamps auf der Trainerbank und eben den beiden Rädelsführern Griezmann und Pogba.

Darauf hofft nicht zuletzt auch die Politik. Emmanuel Macron, glühender Fan des Traditionsvereins Olympique Marseille, glaubt fest an die Macht des Sports: 

„Der Sport ist ein Mittel zur Emanzipation. Er bringt unsere Jugend zum Träumen und erlaubt vielen, ihren Platz im Leben zu finden."

Emmanuel Macron

Und so wie er 1998 den Migrantenkindern wieder den Glauben an ihren Platz im Leben gab und half Ängste und Vorurteile ihnen gegenüber abzubauen, kann der Sport, kann Fußball, auch 2018 Frankreich bereichern. Damit Blau-Weiß-Rot wieder selbstverständlich für black-blanc-beur steht. Dieser Sommer in Russland ist der beste Zeitpunkt, um Geschichte zu wiederholen.

Die hässlichsten DFB-Auswärtstrikots:

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