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Best of watson 2018

"Verhalte dich wie ein normaler Behinderter" – Battle-Rapper Rolling G. über Vorurteile

Özil geht, der Hambacher Forst bleibt, Chemnitz schreckt auf – 2018 war turbulent. Auch für uns: watson.de startete im März. Auf einige Geschichten sind wir seitdem besonders stolz. Wie auf diese hier:

Gramoz Klasniqi ist hat gerade seinen ersten öffentlichen Battle-Rap-Auftritt hinter sich. Vor zwei Wochen trat er unter dem Namen Rolling G. beim "Top Tier Takeover" auf, dem Nachfolger von "Rap am Mittwoch". Das Video vom Battle hat inzwischen mehr als zwei Millionen Aufrufe auf Facebook. auch weil der 22-Jährige Gramoz Klasniqi im Rollstuhl sitzt. 

Der 22-Jährige sitzt schon immer im Rollstuhl. Dass er Punchlines wie

"Du gegen mich? Natürlich bin ich der Bessere / Ich fick deine Freundin auf der Behindertentoilette"

raushaut, irritiert das Publikum. 

Wie reagieren andere Menschen mit Behinderung auf die Punchlines von Rolling G.? 

Lest hier das watson-Interview mit Rolling G.:

Wie bist du zum Battle-Rap gekommen?
Rolling G.: 
Ich schreibe Texte, seitdem ich 13 Jahre alt bin. Meine Behinderung hat dabei aber nie eine Rolle gespielt. Ich wusste, dass ich in dieser Hinsicht was draufhabe und habe dann einfach irgendwann die Chance ergriffen.

"Top Tier Takeover" ist der Nachfolger von "Rap am Mittwoch" 

Wie kam es dann zu deiner Teilnahme an "Top Tier Takeover"?
Wenn du Rollstuhlfahrer bist, dann wirst du bei solchen Veranstaltungen vor den anderen reingelassen. An diesem Tag habe ich dann einfach gesagt 'Pass auf, ich will da gerne mitrappen. Bring mir irgendwen und ich mache den dann fertig. Egal wen. Egal wie. Ich muss auch nicht auf die Bühne'. 

Er meinte:

"Ok. Machen wir. Aber wenn ich dir das Mic gebe, dann enttäusch mich nicht."

Ein Battle-Gegner hat sich dann auch gefunden und dann kam das Video zustande.

Du sagst selbst, dass deine Behinderung in deinen Texten bislang keine Rolle gespielt hat. Warum ging es dann im Battle darum?
Vorher dachte ich mir, wenn das Battle nicht in die Richtung geht, dann werde ich das auch nicht erwähnen. Aber natürlich ging es das. Weil es beim Battle-Rap normal ist, eine Schwäche des Gegners herauszugreifen und darüber zu rappen.

Das Publikum hat eher verhalten auf die Lines deines Gegners reagiert.
Weil sie, obwohl es Battlerap war, nicht damit gerechnet haben, dass er auf die Behinderung geht. Warum auch immer. 

Warum meinst du war das so?
Ich habe damit gerechnet, bzw. es war mir sogar klar, dass die Menschen verhalten reagieren werden. Leider ist Behinderung immer noch etwas, bei dem die Menschen meinen, einen mit Samthandschuhen anfassen zu müssen. Viele haben im Alltag überhaupt keinen Umgang mit Menschen mit Behinderung. Deshalb behandeln die mich dann auch anders – auch auf der Bühne. Aber das will ich nicht.

Wieso soll ich anders behandelt werden, nur weil ich im Rollstuhl sitze? Für mich macht das keinen Sinn.

Ist das für dich ein Grund auf die Bühne zu gehen. Diese Botschaft?
Klar. Ich gehe schon mit dem Ziel da ran, den Menschen zu vermitteln, dass auch ein behinderter Mensch Witze machen kann und genauso über sich selbst lachen kann, wie jeder andere Mensch.

Warum glaubst du, dass ausgerechnet Rap der richtige Ort für so etwas ist?

Natürlich machen sich gerade Rapper oft über Behinderte lustig. Aber darüber lache ich gerade, weil ich eine Behinderung habe.

Aber Rap hat kein Tabu und am Ende ist es – gerade im Battle – so, dass du dir die Hand gibst und mit dem Gegner was trinken gehst. Zudem glaube ich nicht, dass meine Behinderung mich im Battle beeinträchtigt. Eher das Gegenteil ist der Fall. Denn: Ich weiß genau, dass meine Gegner das als Angriffsfläche sehen und darauf gehen. Ich würde mir aber wünschen, dass sie sich auch mal was anderes suchen würden. Irgendwann wird es sonst monoton. Generell finde ich es immer gut, wenn Rap unabhängig von irgendwelchen Klassifizierungen stattfindet, und die Leute aufs Korn nimmt.

Wie waren denn die Reaktionen auf deinen Auftritt?
Ich habe wahnsinnig viel Feedback bekommen. Aber auch Nachrichten von Menschen, die gesagt haben:

"Verhalte dich doch wie ein normaler Behinderter."

Da habe ich dann gefragt: ‚Wie verhält sich denn ein normaler Behinderter?‘ Das ist schon eine üble Stigmatisierung, die da stattfindet. Viele Menschen denken, dass Menschen mit Behinderung einfach nur zu Hause rumsitzen und nichts tun. Das ist in meinen Augen aber kompletter Schwachsinn.

Hast du auch Feedback von Menschen mit Behinderung bekommen?
Mich haben etliche angeschrieben, was mich auch mega gefreut hat. Die meisten fanden es gut und haben sich mega totgelacht darüber. Ein Freund von mir war auch dabei. Man hat ihn gesehen. Der, der keine Arme hat. Er hat auch voll gelacht. 

"Das positive Feedback kam gerade von den Leuten, die eine Behinderung haben."

Wie geht es bei dir jetzt weiter? Volle Konzentration aufs Studium oder auf die Musik?
Nach dem Auftritt bei 'Top Tier' hat mich jede Battle-Rap-Liga, die es in Deutschland gibt, angeschrieben. Ein paar Leute, die auch was mit Musik machen, haben sich bei mir gemeldet. Ich will jetzt erst einmal mit dem Battle etwas bekannter werden. Vor allem will ich aber die Kritiker stumm schalten. Also die Menschen, die jetzt sagen:

"Die feiern dich doch nur wegen deiner Behinderung" oder "Du hast doch nur das Mitleid auf deiner Seite."

Wenn die Aufmerksamkeit dann so weitergehen sollte, dann kann ich auch über Musik nachdenken.

Hier kannst du den gesamten Battle anschauen. 

"Ich hasse Menschen auf Konzerten!"

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Video: watson/Helena Duell, Marius Notter, Lia Haubner

"Schluss mit dem Geklampfe auf der Feier"

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Video: watson/Saskia Gerhard, Marius Notter, Leon Krenz

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    Alle Leser-Kommentare
  • Vergugt 08.10.2018 12:08
    Highlight Highlight That moment, wenn ein Artikel über ein Rap-Battle in Berlin auf watson.ch mehr Kommentare erhält als auf watson.de, obwohl die Plattform schon eine weile massiv beworben wird... *awkward smiley*

    Wünsche aber watson.de trotzdem viel Erfolg, auf dass ihr bald das beliebteste Newsportail in Deutschland seid!

Wegen Hitlergruß: Finch Asozial zerlegt Neonazi-Fan bei Konzert

In einer großen Menge nicht auffallen und einfach untergehen? Darauf hatte wohl ein Fan von Rapper Finch Asozial gehofft. Bei einem Konzert in Erfurt hatte ein Mann den Hitler-Gruß gezeigt. Dem Rapper gefiel das gar nicht und ließ seinen Fan aus dem Saal schmeißen – aber nicht still und heimlich.

Unter Applaus des Publikums ging es weiter:

Finch weiter:

(hd)

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